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Der Vorhang ist zerrissen

Mit Aplomb kehrt Ulla Berkéwicz als Schriftstellerin zurück: "Überlebnis"

Von MARTIN KRUMBHOLZ

Wenn sich ein Spalt im Dasein auftut und einen Sterblichen fortreißt, bleiben den engsten Angehörigen nur Furcht und Schrecken und eines Tages die Hoffnung, nicht zu vergessen. Von jenem metaphysischen Spalt hat die Großmutter der Erzählerin berichtet, als diese ein junges Mädchen war und in der Klinik ihres Vaters Menschen sterben sah: "Daß der Sterber durch den Spalt geht und der Handhalter seinen Blick ins andre Land nach Belavodje werfen kann." Das liege im Osten, hatte die Großmutter erklärt; da kam sie her und da wollte sie auch wieder hin. So wird dieser rätselhafte Kindheitsbegriff, der "Spalt", zum Schlüsselwort eines Textes über das Sterben.

In der Johannespassion heißt es in einer der erschütterndsten Passagen: "Die Erde bebt, die Gräber spalten/ Da sie den Schöpfer sehn erkalten." Und zerreißt daraufhin nicht im Tempel der "Vorhang", ein Requisit, das ja auch auf die Welt des Theaters verweist, die der Autorin Ulla Berkéwicz, einer ehemaligen Schauspielerin, nicht unbekannt ist?

"Die Tragödie ist aus dem Mythos geboren", schreibt sie nun in ihrem "Überlebnis"-Text, "der Eiserne geht hoch, der Spalt reißt auf, die Feuertür zur Bühne ist geöffnet". Die Schreiberin ist von der Schauspielerin Berkéwicz, von der Theatralikerin nie ganz zu trennen, das gibt ihrem Auftritt (um diesen unpassend saloppen Begriff einmal zu verwenden) die Wucht, den Aplomb. Der Spalt reißt auf: Schließlich ist es auch die weibliche Sexualität, die in diesem Wörtchen mitspricht, Eros und Thanatos, das alte Lied. Es ist schon bemerkenswert, wie ein einziger Begriff ganze Erkenntniswelten zusammenbindet, indem er nichts anderes als das bezeichnet, was Lebende und Tote, was Männer und Frauen trennt.

Nun ist es nicht irgendjemand, von dessen Sterben hier berichtet wird, sondern, jeder Leser weiß das, der Verleger des Suhrkamp Verlags, Siegfried Unseld; kein "Schöpfer", kein Messias, aber doch eine Art moderner Held, ein Körper- und Geistesriese, an dessen Sterblichkeit man zu Lebzeiten wohl hie und da seine Zweifel hatte. Doch im Sterben wird bekanntlich ein jeder zum "Jedermann", und umgekehrt: für die Zurückbleibenden ist ein Sterbender niemals "irgendjemand". So ist der sterbende Siegfried, zwischen Pfingsten und November 2002, in diesem Text nur "der Mann".

Ulla Berkéwicz hat ja vor vielen Jahren schon einmal ein Sterbe-Buch geschrieben, es war ein fulminantes Debüt, in einer ureigenen, gewaltigen Diktion gehalten, "Josef stirbt", das aus der Schauspielerin eine beachtliche Schriftstellerin machte. "Josef! Josef!" hat die junge Erzählerin, die an die Stelle eines Todesengels trat, den Neunzigjährigen angerufen; und ihre caritative Zuwendung erfuhr in einem schier endlosen Todesringkampf durch den sterbenden Greis eine erotische Umdeutung, der der Text seine überraschende Ambiguität und seine Kraft verdankte.

Schon seinerzeit, 1982, wurde deutlich, dass die schöne Autorin/Erzählerin - Foto auf der Rückseite des Bändchens - nicht zimperlich war, und das auf eine wohltuende, beherzte Art. An "Josef stirbt" knüpft "Überlebnis" in mancher Hinsicht an, wenngleich der zarte Todesengel sich inzwischen in eine "Mänade" verwandelt hat. Das mythologische Wörterbuch gibt Auskunft darüber, was das ist: nämlich eine Dionysos-Verehrerin, mit Efeu und Weinlaub im Haar, die auf dem Höhepunkt des Rausches alles Lebendige, das ihr in den Weg kommt, zerreißt und das rohe Fleisch verzehrt. Nicht buchstäblich soll man den Mythos nehmen, aber ein wenig ist es im übertragenen Sinn doch so: Die Erzählerin, die "Handhalterin" im Angesicht des Todesspalts, erkämpft sich mit Verve den Platz an der Seite des todkranken "Mannes", der sie bittet und braucht; setzt sich durch gegen die professionellen Helfer, die Feindseligkeit verströmen lassen wie "süßen Schnaps".

An dieser Stelle wird es durchaus drastisch, sarkastisch und bizarr: Pfingsten im Krankenhaus, der Chefarzt im Urlaub, an seiner Stelle darf ein anderer "den Pfingstchef geben". Die Mänade zerreißt ihn im Geiste, wie auch den ruppigen Pfleger, den sie einen "Fascho" schimpft. Der Warteraum für Angehörige: "ein Angst-Schock-Horror-Raum", in dem es nach Angst-Scheiße stinkt. Im Nachbarbett wird einer mit Elektroschocks behandelt, "zweihundertzwanzig", schreit jemand, "gestern gab's bei uns Lachs in Dillrahm, lecker!"

Es sind spürbar keine kritischen Klischees, die die Autorin bemüht, so wenig wie sie sich um Korrektheitsgebote schert: Es ist erfahrene Realität, nicht durch Distanz beschwichtigt, sondern im Gegenteil durch die Intensität einer brennenden Erinnerung geschärft. Die Erzählerin darf den Mann nach einigen Tagen für eine "Gnadenzeit" mit nach Hause nehmen und sich von der Mänade wieder in den Todesengel verwandeln, den Furor durch den Pragmatismus ersetzen, den der Leser aus "Josef stirbt" kennt. "Bist du das?" fragt der Kranke, und auch: "Bin ich das?"

Im Bewusstsein des Lesers werden solche letzten lapidaren Fragen durch das Wissen ergänzt, dass es sich bei diesem Sterbenden um jemanden gehandelt hat, der beinahe jeden und jede Intellektuelle in Europa und auf der Welt kannte - und der jetzt die scheinbar selbstverständlichsten Identitäten zu klären versucht. Der manchmal stundenlang am Telefon sitzt, wartet, abhebt, horcht und staunt, als sei das langsame Sterben nichts anderes als eine furchtbare Parodie der vita activa, die der Mann so beeindruckend - und wohl auch ein bisschen einschüchternd - ein langes Leben lang praktiziert hat.

Ulla Berkéwicz: Überlebnis. Suhrkamp Verlag, Frankfurt / Main 2008, 139 Seiten, 14,80 Euro.

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