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25. November 1970: Yukio Mishima hält im Hauptquartier der Armee eine Rede.
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25. November 1970: Yukio Mishima hält im Hauptquartier der Armee eine Rede.

Japan

Bis zur Selbstvernichtung

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Vor 50 Jahren brachte sich der japanische Schriftsteller Yukio Mishima durch Seppuku um.

Heute vor fünfzig Jahren brachte sich der japanische Schriftsteller Yukio Mishima, geboren am 14. Januar 1925 in Tokio, um. Das ist, wie der, der weiterliest, feststellen wird, nicht ganz richtig. Zunächst einmal muss man sagen, dass Yukio Mishima einer der meistgelesenen japanischen Autoren seiner Zeit war. Mishima betrieb Krafttraining, modellierte seinen Körper, bis er in der Lage war, ein Traumbild der abendländischen homosexuellen Tradition, den von Pfeilen durchbohrten Heiligen Sebastian, faszinierend nachzustellen.

Immer wieder thematisierte Mishima den Zusammenhang von Erotik und Gewalt. Das ist schon lange ein Grundakkord der japanischen Literatur. Wer sich die Augen von Elisabeth Bronfen hat öffnen lassen, der hat freilich begriffen, dass auch in der westlichen Literatur die Liebe nicht ohne den toten Körper der Frau auskommt. Es dürfen auch Männerkörper sein, aber geliebt werden müssen sie, um getötet zu werden.

Als junger Mann hatte Yukio Mishima ein Auge auf Michiko Shoda geworfen, die spätere Gattin von Kaiser Akihito. Er heiratete 1958 Yoko Sugiyama. Das Paar hatte einen Sohn und eine Tochter. Als Mishima von der Schwulenbewegung als einer der Ihren entdeckt wurde, widersprachen Gattin und Kinder: Yukio Mishima sei nicht homosexuell gewesen. Eine unwichtige Frage? Nicht in einer Welt, die den Einzelnen festlegen möchte auf das eine oder das andere, nicht in einer Welt, in der es darauf ankommt, dass man immer derselbe ist.

Mishima war immer derselbe. Niemals wirklich festzulegen. Er schien mit allem zu spielen. Seine Selbstporträts als leidender Sebastian und sein Krafttraining, mit dem er seiner schmächtigen Natur entfloh und einem heldischen Entwurf von sich nachstrebte.

Sein Vater hatte ihn verprügelt, wenn er ihn beim Schreiben von Gedichten erwischte. Das sei weibisch. Mishima schrieb heimlich weiter und versteckte seine Manuskripte. Vor dem Kriegsdienst drückte er sich, indem er eine Tuberkulose vortäuschte. Später entwarf er sich eine Fantasieuniform, baute eine kleine Privatarmee auf.

Am 25. November 1970 drang er mit ihr ins Hauptquartier der Armee ein, heute ist es der Sitz des japanischen Verteidigungsministeriums, nahm den diensthabenden Kommandanten als Geisel und hielt eine Rede. Er forderte die Soldaten auf, das Parlament zu besetzen und das Kaiserreich wiederherzustellen. Niemand folgte ihm. Daraufhin beging Yukio Mishima Seppuku. Er schlitzte sich also den Bauch auf und wartete darauf, dass sein engster Freund ihm den Kopf abschlug. Als das nicht klappte, enthauptete ein weiteres Mitglied von Mishimas Privatarmee den Autor und seinen gescheiterten Freund.

Ein einmaliger Vorgang. Von Mishima freilich gedacht als Erinnerung an eine Tradition. Eine Krönung seiner nationalistisch-reaktionären Betätigungen. Aber auch als Demonstration, dass er durchaus fähig war zur Tat. Der Hunger nach Körpererfahrung, der auch seinen viel bewunderten Stil ausmachte, gipfelte in der Selbstvernichtung. 1970!

Ich war gerade 24 geworden, hatte eine Ehefrau und einen Sohn, war Mitglied einer maoistischen Gruppierung und die Jahre davor auf jeder Demonstration gegen Vietnamkrieg, Notstandsgesetze und Hochschulreform dabei gewesen. Mishimas Fanal hätte ich wegschieben können als reaktionären Todesrausch, gegen den ich ja nicht nur mit meinem Sohn, der ein halbes Jahr alt war, sondern mit jeder Faser meines Lebens anging. Aber so war es nicht.

Mishima interessierte mich. Es war seine Konsequenz, seine Kompromisslosigkeit, die einen wichtigen Nerv traf in mir. Er setzte sein Leben ein. Das war doch etwas. Niemand hatte es von ihm verlangt. Es war seine eigene Tat. Selbst die Tradition, auf die er sich berief, war erfunden. Er hatte schon Jahre zuvor einen Film gedreht, in dem er seinen Tod durch Seppuku gespielt hatte. Er hatte alles geplant. Vorausgedacht und zu Ende gebracht.

Mishima half mir abzurücken von der Idee, Konsequenz für eine Tugend zu halten. Mehr mögen dazu die neuen Lebensumstände als Familienvater – ich war ein unfassbar schlechter – beigetragen haben, aber Mishima stand mir als abschreckendes Beispiel vor Augen. Den politischen Traum vom Umsturz, der über Leichen – auch über die eigene – geht, hatte Mishima so sehr ins Groteske übersteigert, dass man darüber fast hätte zum Sozialdemokraten werden können.

Dazu die erotische Aufladung der Aktion, indem er seinen Freund ihn töten lässt. Das stellte die 68er-Vorstellung von der Erotisierung der Politik ebenso sehr in Frage wie die Idee der Politisierung des Ästhetischen. Mishimas Aktion war ein Menetekel. Es diente als Abwehrzauber gegen die allerverrücktesten Vorstellungen, die die radikale Linke damals hegte. Ein Jahr später hatte ich die maoistische Gruppe verlassen.

A ls Mishima 24 Jahre alt gewesen war, hatte er seinen autobiografischen Roman „Bekenntnisse einer Maske“ veröffentlicht. Darin schildert er, wie ein junger Mann mit einer Faszination für Gewalt, Tod und den männlichen Körper sich eine Maske formt, die zu seiner neuen Identität wird. Von Sartre hatte wohl auch Mishima gelernt, dass wir Entwürfe unserer selbst sind. Diesem Entwurf war er gefolgt. Bis in den Tod am 25. November 1970.

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