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Barbi Markovic möchte nicht ständig auf ihren Akzent angesprochen werden. ?Ich will einfach mitmachen.?
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Barbi Markovic möchte nicht ständig auf ihren Akzent angesprochen werden. ?Ich will einfach mitmachen.?

Barbi Markovic

"Von Balkan-Hexen hatte ich noch nie gehört"

Die serbisch-österreichische Schriftstellerin und Chamisso-Förderpreisträgerin Barbi Markovic über Klischees und überschätzte Unterschiede.

Frau Markovic, wie sind Sie an die Germanistik geraten?
In der 6. Klasse hatte ich eine schlechte Note in Deutsch, daraufhin habe ich einen Kurs gemacht und gemerkt, dass mir die Sprache gefällt. Ich mochte die Struktur, die strengen strukturellen Vorgaben, den Satzaufbau, die zusammengesetzten Wörter. Ich konnte mit dieser Sprache wie mit Legosteinen spielen. Außerdem wollte ich mit Literatur zu tun haben. Das hat sich in einem Germanistikstudium dann verbunden.

Was hat es damit auf sich, dass vorne in „Superheldinnen“ eine Übersetzerin erwähnt wird? Sie können offenkundig glänzend Deutsch.
Teile des Buches sind aus einer riesigen, mehrsprachigen Materialsammlung entstanden, die ich in verschiedenen Städten zusammengestellt habe, in Belgrad, Graz, Berlin, Sarajevo. Dann habe ich auf Deutsch zu schreiben begonnen, Teile auch auf Serbisch. Die Übersetzerin hat eine deutsche Rohfassung hergestellt, an der ich weitergearbeitet habe. Das ist also die Originalfassung, aber zugleich in Teilen eine Übersetzung. Und das entspricht auch meiner Sprachsituation.

Sie hätten sich auch selbst übersetzen können.
Nein. In eine Sprache zu übersetzen, das ist die höchste Stufe. Ich kann auf Deutsch schreiben, weil ich dann aus meinem Gedankenpool wähle, was mir dafür geeignet und möglich erscheint. Etwas zu übersetzen, erfordert noch mehr Präzision und Fertigkeit. Das würde ich mir nicht zutrauen.

Das sprachliche Niveau der „Superheldinnen“ ist tatsächlich erstaunlich, die verschiedenen Tonlagen, die feine und die nicht so feine Ironie. Das war möglich, weil das Serbische noch mitlaufen durfte?
Der Korrekturprozess hat lange gedauert, dabei hat sich immer wieder etwas verändert, aneinander angeglichen. Ich beschäftige mich mit meinen Texten sehr lange, am Ende sind sie dann schon gebügelt, würde ich sagen. Ich denke auch nicht, dass ich auf Serbisch besser schreibe, aber anders.

Was bietet das Serbische, was das Deutsch nicht hat?
Ich möchte die Sprache nicht romantisieren. Ich glaube, dass jede Sprache eine tolle Sprache ist, wenn man sie kann. Das ist eine Fertigkeit, wie ein Instrument, das man spielen kann. Dann ist Violine nicht besser als Schlagzeug.

Aber schon anders.
Aber der Spaß kommt daher, dass man es kann, am besten mit Virtuosität. Aber natürlich gibt es Unterschiede. Serbisch braucht als slawische Sprache zum Beispiel weniger Artikel und Pronomen.

Haben Sie auch auf Serbisch veröffentlicht?
Ja, mein erstes Buch, „Ausgehen“, ist ursprünglich auf Serbisch erschienen.

Sie waren selbst Lektorin, wie geht es dem serbischen Buchmarkt?
Es ist ein kleiner, armer Buchmarkt. Mich persönlich erstaunt, dass er überhaupt noch fortbestehen kann. Aber es gibt ihn. Es ist ein Wunder, finde ich. Sehr viele engagierte Menschen sorgen dafür. Was die Qualität betrifft, ist es ein guter Markt. Man kann aber noch viel schlechter davon leben als hier, als Autor, aber auch als Verlag.

Die Buchmärkte im ehemaligen Jugoslawien bestehen inzwischen jeweils ganz für sich?
Ja, eigenartigerweise. Das hat allerdings viel mit wirtschaftlichen Dingen zu tun. In Kroatien sind Bücher zum Beispiel sehr viel teurer. Darum gibt es in wenigen Extremfällen auch Übersetzungen, ein skurriles Phänomen. Eine merkwürdige Übersetzerleistung, aus dem Serbischen ins Kroatische zu übersetzen.

So gering sind die Unterschiede?
Als würde man vom Hochdeutschen ins Österreichische übersetzen. Ein bisschen mehr vielleicht, aber vielleicht auch nicht. Es kommt jedem, der sich mit Sprache beschäftigt, sinnlos vor.

Ist es Ihnen wichtig, an eine weiter verbreitete Sprache Anschluss zu finden, wenn Sie deutsch schreiben?
Ich schreibe auf Deutsch, weil ich mit einem deutschsprachigen Publikum kommuniziere. Und ich finde es nicht schlecht, dass das kein winziger Markt ist. Aber das war nicht mein Motiv. Ich würde eher sagen: Es wäre merkwürdig, wenn meine Bücher nicht dort erschienen, wo ich lebe.

Der Chamisso-Preis bezieht sich auf einen Sprach-, aber auch auf einen Kulturwechsel. Empfinden Sie das für sich so?
Da bin ich vorsichtig. Ich werde jetzt oft gefragt, wie es ist, in zwei Kulturen zu leben. Aber ich habe gar nicht den Eindruck, in parallelen Kulturen zu leben, das ist alles irgendwie vermischt und verbunden. Es war auch nicht so ein großer Switch von einer Hauptstadt in die andere.

Auch Belgrad hat immerhin eine sehr kurze Habsburger Vergangenheit.
Unterschiede gibt es natürlich, wenn man sie sucht. Aber es war kein umständlicher Wechsel. Allerdings glaube ich, dass es auch kein Problem gewesen wäre, nach Leipzig zu ziehen, zum Beispiel.

Für Ihre Superheldinnen ist der Wechsel sehr umständlich …
… aber das hat wirtschaftliche Gründe, keine kulturellen.

Immerhin stört es die Frauen, ständig auf ihren Akzent angesprochen zu werden.
Ja, das stört mich irgendwann auch. Etwas, das einem selbst nicht wichtig ist, aber andere reiten darauf herum. Für mich ist das nicht interessant. Ich will einfach mitmachen. Ich empfinde mich nicht als so verschieden von meinen Freunden. Man kann auch sehr unterschiedliche Kindheiten haben, wenn man in derselben Stadt geboren worden ist.

Die Superheldinnen sind jedenfalls in einer sehr speziellen Situation. Hat das wirklich nur mit dem Geld zu tun?
Absolut.

Aber Ihnen ist klar, dass das magische Element im Roman vom deutschsprachigen Leser, der etwa Emir Kusturicas „Schwarze Katze, weißer Kater“ noch vage in Erinnerung hat, schon auf Kulturklischees vom Balkan bezogen werden dürfte.
Davon habe ich erst vor Kurzem zum ersten Mal gehört. Vor allem im Zusammenhang mit diesem Preis. Auf einmal fiel das Wort „Balkan-Hexen“. Von „Balkan-Hexen“ hatte ich noch nie in meinem Leben gehört. Ich bin in Belgrad aufgewachsen.

Auch Ihre Superheldinnen sind Städterinnen durch und durch und haben nie eine Kuh gemolken. Allerdings sind sie zu dritt.
Dass man drei Frauen gleich als Hexen abstempelt, kann ich nicht ändern.

Ich komme durch Shakespeare darauf, das heißt, Sie haben recht: Es hat mit dem Balkan nichts zu tun.
Ich habe es jedenfalls so nicht beabsichtigt und es war mir peinlich, als ich davon hörte. Ich habe die Magie aus Comics, es geht ja um Superkräfte. Mein Vorbild war ein Vertigo-Comic von Grant Morrison, „The Invisibles“, ein amerikanisches Produkt. Ich könnte auch aus Island sein, dann würden die Leute jetzt denken, das wären typisch isländische Hexen.

Man würde sie voraussichtlich für Elfen halten.
Es gibt viele Völker, in denen Magie, Mythen und Märchen wichtig sind. Sicher gehört Deutschland auch dazu.

Aber man trifft sich nicht im Kaffeehaus und beschwört seine magischen Energien.
In Serbien macht man das auch nicht. Ich habe oft den Eindruck, dass die Menschen etwas Balkantypisches suchen und dann finden sie es auch.

Der Magie steht im Roman ein knallharter Alltag gegenüber, dem Osteuropäerinnen in diesem Fall in Wien ausgesetzt sind. Sie müssen jeden Mistjob annehmen und kommen trotzdem nicht voran. Das wirkt auch wie ein Klischee …
… ist aber leider tatsächlich so. Es gibt keine Hexen, aber es gibt Menschen mit viel weniger Geld, als Sie sich vielleicht vorstellen können.

Es ist eine böse Ironie und ausgezeichnete Beobachtung im Roman, dass die Mittelklasse, nach der sich die Superheldinnen so sehr sehnen, gerade erodiert.
Ja, die gesellschaftlichen Themen sind für mich das Zentrum des Buches. Ich wollte auf keinen Fall einen folkloristischen Roman schreiben.

Der Roman enthält auch Stadtbeschreibungen, die als Feuilletons wunderbar für sich stehen können.
Als ich in Graz Stadtschreiberin war, habe ich damit angefangen, alles abzuschreiben, was auf Plätzen an Schrift zu finden ist. Ich wollte wissen, was die Stadt sagt. Meine Vorstellung war, dass man dadurch Städte in Textdateien, in Daten würde verwandeln können. Um sie untereinander zu vergleichen, um Städte zu übersetzen. Tatsächlich sind es in allen Städten vor allem Verbote und Anweisungen: Was man darf, nicht darf, wo man hingehen soll, was man sich wünschen soll. Das war die Ausgangsidee. Eine interessante Arbeit. Dadurch dass ich sehr lange an einer Stelle war und Sachen aufgeschrieben habe, wurden Menschen auf mich aufmerksam. Manche wollten die Polizei rufen, andere wollten mir helfen. Das war auch von Stadt zu Stadt anders. In Graz wollte jeder wissen, was ich da mache und für wen und warum. Vor Belgrad habe ich mich dann schon gefürchtet, ich dachte, die verprügeln mich, wenn sie mich mit Stift und Heft sehen. Es kam aber anders. Die meisten haben sich gar nicht interessiert, ähnlich wie in Sarajevo. Eine möglicher Erklärung wäre aus meiner Sicht, dass der öffentliche Raum in diesen Städten einfach nicht beachtet wird. Er gehört niemandem, man fühlt sich nicht verantwortlich dafür.

Dann kamen die Superkräfte dazu.
Ich wollte eine harte Stadtgeschichte erzählen. Aber ich wollte den Frauen wenigstens etwas Macht geben.

Sie gehören zur letzten Runde des Chamisso-Preises. Leuchtet Ihnen die Abschaffung des Preises in seiner bisherigen Form ein?
Ich finde es bedauerlich, weil beim Schreiben finanzieller Erfolg auch ein Glücksspiel ist, wie in meinem Buch. Ein Preis weniger ist auch eine Chance weniger für Schriftsteller, in diesem Fall vielleicht für solche, die sonst nicht so viele Möglichkeiten haben. Andererseits sehe ich inzwischen die Gründe. Es ist wieder mal alles kompliziert.

Interview: Judith von Sternburg

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