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„In der Helligkeit des Schnees, in der Tiefe des Waldes“

Christian Guay-Poliquin

Vom bloßen Überleben

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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„Das Gewicht von Schnee“: Zwei Männer halten aus in Christian Guay-Poliquins Roman.

Als Margaret Atwood, die schon immer einen äußerst klaren, kritischen Blick auf die nahe wie ferne Welt hatte, 1972 „Survival“ veröffentlichte, einen „Thematischen Führer zur kanadischen Literatur“, scheuchte sie damit Literaturwissenschaftler und Kritiker in Scharen auf, die meinten, gegen ihre Schlussfolgerungen protestieren zu müssen. Denn Atwood stellte in „Survival“ die These auf – von der sie durchaus zugab, dass es eine Verallgemeinerung sei -, dass die Literatur ihres Landes hauptsächlich von victims, von Opfern erzähle, und ihrem Kampf ums nackte Überleben. In kanadischen Romanen, Short Stories, Gedichten, so schrieb sie damals provozierend, bestehe die Welt aus „erfrorenen Leichen, toten Erdhörnchen, Schnee, toten Kindern und dem allgegenwärtigen Gefühl von Bedrohung“. Und die Herausforderung für die Figuren bestehe darin, möglichst nicht zu sterben. „Ungemilderter als anderswo ist der kanadische Trübsinn.“

Die Werke, von denen Atwood sprach, gehören heute zu den Klassikern des Landes (wie Margaret Laurence’ „Der steinerne Engel“) oder sind vergessen. Aber ein in Kanada gefeierter Roman des zehn Jahre nach Erscheinen von „Survival“ geborenen Frankokanadiers Christian Guay-Poliquin ist wie ein moderner Beleg der These vom kanadischen Kampf ums Überleben, dessen Happy End nur darin bestehen kann, dass der Held, die Heldin knapp und zuletzt mehr schlecht als recht überlebt. „Der Überlebende besitzt nicht den Triumph eines Sieges, sondern die Tatsache seines Überlebens“, so Atwood.

„Das Gewicht von Schnee“ (Orig. „Le poids de la neige“, 2016) erzählt von zwei Männern und einem Winter, den sie gemeinsam durchstehen müssen in Hunger und Kälte. Ein Messstab vor dem Haus – der Ich-Erzähler kann ihn mit Hilfe eines Fernglases ablesen, hingehen kann er nicht, denn beide Beine sind gebrochen – liefert den Schnee-Stand und die zunächst rätselhaften Kapitelüberschriften: Von „achtunddreißig“ über „zweihundertachtundvierzig“ bis, es wird Frühling, „sieben“.

Zum Buch

Christian Guay-Poliquin: Das Gewicht von Schnee. Roman. A. d. Franz. v. S. Finck, A. Jandl. Hoffmann und Campe. 288 S., 24 Euro.

Der junge Ich-Erzähler wollte seinen Vater, einen Automechaniker, in dem Dorf besuchen. Doch kurz vor dem Ziel hat er einen schweren Autounfall, Dörfler ziehen ihn aus dem Wrack, eine Tierärztin leistet erste Hilfe, immerhin. Freilich ist sein Vater vor einiger Zeit schon gestorben, so dass ihn nun ein alter Mann pflegt. Ihn füttert, umbettet, frisch verbindet, wäscht. Im Gegenzug wurde dem Alten von denen, die im Dorf das Sagen haben, versprochen, dass er einen Platz im Kleinbus bekommt, sobald die Straßen frei genug sind, in die namenlose Stadt zu fahren.

Es ist bald offensichtlich, dass dieser Roman in einer unbestimmten Zeit, an einem unbestimmten Ort spielt; und gewiss nicht in einem Kanada, wie wir es kennen. Guay-Poliquin ist äußerst geschickt darin, alles, was außerhalb des Dorfes liegt gleichsam in der Helligkeit des Schnees, in der Tiefe des Waldes verschwinden zu lassen. Es ist, als würde die Leserin schneeblind. Nein, eigentlich ist sie es von Anfang an. Konturen verschwimmen. Jede Gewissheit verschwimmt. Der alte Mann hat eine kranke Frau, er will zurück zu ihr, aber wie die Situation in der Stadt ist – niemand weiß es. Im Dorf ist längst der Strom ausgefallen, das Brennholz, die Lebensmittel werden rationiert (wiederum von einer kleinen Gruppe Männer, die das Sagen haben). Was die ältere Generation etwa aus den Büchern Ernest Thompson Setons über den Umgang mit der rauen Natur lernte, es scheint unter den schemenhaft bleibenden Bewohnern dieses eingeschneiten Dorfes keine Rolle mehr zu spielen. Spät im Roman und eher zufällig gehen die beiden Männer angeln.

„Das Gewicht von Schnee“ erzählt von Naturgewalten. Auf dem Dach des Hauses, in dem die Männer wohnen – eigentlich campieren sie nur noch auf der eingeglasten Veranda, die ist leichter warmzuhalten – sammelt sich der Schnee so hoch, dass sie den Einsturz fürchten. Der irgendwann auch kommt, so dass die zwei ins Innere des Hauses ausweichen müssen, in die hohen, dunklen, kalten Räume. Man stellt sich ein Geisterhaus vor. Ungewiss, wer dort lebte, ungewiss auch, wen es im Dorf noch gibt. Wer versucht hat, mit irgendeinem Gefährt irgendeinen anderen Ort zu erreichen. Wer sich und seine Vorräte versteckt hat. Wer tot ist. In einem abgelegenen Haus, ähnlich dem ihren, findet der Ich-Erzähler eine kleine alte Frau in einem Schrank. Die beiden Männer begraben sie, als es taut, so gut es geht.

Guay-Poliquin ist sparsam mit Informationen, richtet die Aufmerksamkeit fast ausschließlich auf seine beiden Hauptfiguren. Man ahnt aber, dass da draußen, dass in Kanada und womöglich auf der ganzen Welt Schlimmes passiert sein muss. Dass, was sich Zivilisation nennt, vielleicht bereits zerbröselt und zerbröckelt ist, nur hat die Nachricht das Dorf noch nicht erreicht. Fremden begegnet man mit Misstrauen, wäre der Ich-Erzähler nicht der Sohn des Automechanikers, man hätte ihn sterben lassen. Und wer kann, der packt seine Sachen und macht sich auf den Weg. Es gibt Landkarten, sie wurden einst markiert, aber ob sie in der Welt dieses Romans noch nützlich sind – wer weiß. Ein zivilisatorisches Beben scheint alle Sicherheiten zerstört zu haben. Christian Guay-Poliquin erzählt meisterhaft ominös vom Versuch, auf schwankenden Platten wenigstens das eigene Leben zu retten.

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