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Volker und Cornelia Quaschning: Energierevolution jetzt! – „Alle an einem Strang“

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Von: Ewart Reder

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Chinesische Photovoltaik-Anlage in einem Fischteich der östlich gelegenen Provinz Jiangsu.
Chinesische Photovoltaik-Anlage in einem Fischteich der östlich gelegenen Provinz Jiangsu. © AFP

Volker und Cornelia Quaschning blasen zur „Energierevolution jetzt!“

Das Klima ist noch zu retten, sagen Volker und Cornelia Quaschning. Dann wird es konkret: „Die jetzige Bundesregierung ist die letzte, die noch das Einhalten des Pariser Klimaschutzabkommens erreichen kann.“ Der Berliner Energieprofessor und die mit ihm verheiratete Informatikerin und Gesundheitsfachfrau produzieren seit 2020 den Podcast „Das ist eine gute Frage“. Antworten präsentieren sie in einem faktenreichen, gut lesbaren Buch.

Das Pariser Abkommen formulierte das Ziel: Die Erdatmosphäre soll sich „möglichst“ nicht mehr als 1,5 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit erwärmen. Wie das Ziel erreicht werden soll, beschrieb nach Paris jedes Land für sich. Die Quaschnings rechnen zusammen: Was die Länder planen, würde zu einer Erwärmung um mindestens drei Grad führen. Hinzu kommt die Lücke zwischen den Vorhaben und den Tatsachen. Zusammen ergibt das eine sportliche Aufgabe für die Menschheit. Das Ausbautempo für erneuerbare Energien müsse sich weltweit vervierfachen. Bezogen auf Deutschland kommen sie auf ungefähr das Achtfache an Windkraft- und Photovoltaikanlagen, das jährlich zugebaut werden müsste. Die zwei Energieformen sind das Dreamteam des Buchs, ergänzen sich perfekt, da Sonne im Sommer und Wind im Winter ihre Spitzen erreichen.

Nicht empfohlen wird die Atomkraft, und zwar aus ökonomischen Gründen. Großbritanniens einziger Kernkraftwerks-Neubau koste geschätzte 29 Milliarden Euro. China, das ebenfalls Atomkraft ankündigt, schaffe jedes Jahr Kapazitäten in der Photovoltaik, die 25 Kernkraftwerken entsprächen. Keine Empfehlung bekommt auch der Import von Energie in dem Buch. Geschrieben vor dem Krieg gegen die Ukraine, geht es ausführlich über Putins Pipeline-Credibility ein. Interkontinentalkabel für Solarstrom wären ebenfalls ineffizient. Verbrennermotoren sollten baldmöglichst keine Zulassung mehr erhalten. Das Hauptargument: Sie laufen, sprich fahren anschließend noch zwanzig Jahre. So viel Zeit hat die Erde nicht mehr für den Dreck, heißt es. Fliegen sollte man auch nicht mehr oder frühestens dann wieder, wenn einhundert Prozent E-Fuels getankt würden (auch die hinterlassen CO2).

Das Buch

Volker und Cornelia Quaschning: Energierevolution jetzt! Hanser, München 2022. 288 Seiten, 20 Euro.

Dazu ein unangenehmer Vergleich: Wer das ganze Jahr peinlich auf seine Klimabilanz achtet, um dafür einmal in den Urlaub zu fliegen, erreicht das Gleiche wie ein hemmungsloser Umweltverschmutzer, dem das Geld zum Fliegen fehlt.

Die Quaschnings machen es sich und uns nicht bequem. Der imperiale Lebensstil der industrialisierten Mittelschicht wird zwar nicht so genannt, dafür aber aufs Schadstoffgramm genau berechnet in seiner ungerechten Differenz zum Weltdurchschnitt. Und ja, wir müssen unser Leben ändern. Aber genau das macht Spaß, sagen die beiden. Wiederholt erzählen sie, was sie selbst tun, was sie erst von ihrer Tochter lernen mussten oder wie gut einzelne Veränderungen sich anfühlen.

Und sie vergessen darüber nicht das Politische. Verfassungswidrig handelte nach dem höchstrichterlichen Urteil die letzte Bundesregierung. Hastig schrieb sie darauf eine Novelle, die nach Quaschnings Rechnungen wieder gegen das Pariser Abkommen verstieß. Anscheinend folgte Angela Merkel einer Überzeugung, denn Anfang der Neunziger sagte sie: „Sonne, Wasser und Strom können auch langfristig nicht mehr als vier Prozent unseres Strombedarfs decken.“ Dass es Stand jetzt das Zehnfache ist, konnte selbst ihre Politik nicht verhindern, die die Photovoltaik aus Deutschland vertrieb und seit 2017 den Ausbau der Erneuerbaren noch einmal abwürgte.

Um eine gern genannte Zahl ins Spiel zu bringen: Mit 100 Milliarden mehr zur Hand ließen sich LNG-Terminals und Energiespeicher ab sofort für Grünen Wasserstoff bauen. Claudia Kempfert, eine Kollegin von Volker Quaschning, nennt „die Energiewende das beste Friedensprojekt weltweit“.

Volker und Cornelia Quaschning haben das Bild einer neuen Energiepolitik gemalt. Ihrer dringenden Empfehlung nach „ziehen wir dann alle an einem Strang“ und schaffen uns ein besseres, gesünderes und gerechteres Leben. Manchen Ohren mag das nach erzwungenem Konsens klingen, nach Ende der Diskussion. Die ist wichtig. Aber ihr müssen Entscheidungen folgen und anschließend neue Diskussionen, nicht immer wieder dieselbe alte. Sonst ziehen wir nicht, sonst hängen wir am Ende „alle an einem Strang“.

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