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4. Mai 1945: US-amerikanische und französische Soldaten erreichen Hitlers Berghof bei Berchtesgaden.

Kriegsende 1945

Volker Ullrich: „Acht Tage im Mai“ – Endzeit, Tod und Rettung

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Das Kriegsende vor 75 Jahren zog sich hin, die Deutschen mordeten weiter, zugleich waren sie auf der Flucht, zugleich zeigte sich in den befreiten Lagern der NS-Terror: Volker Ullrich schildert eindrucksvoll „Acht Tage im Mai“.

Das Ende eskalierte zum wahnwitzigen Abschied von den deutschen Allmachts-Träumen, die schon seit der Reichsgründung 1870/71 die Politik im Land der „Dichter und Denker“ mitbestimmt hatten. Im Vorwort seiner bewegenden Darstellung der „Acht Tage im Mai“ schreibt Volker Ullrich über „die letzte Woche des Dritten Reiches“: „Die Todesmärsche der KZ-Häftlinge kreuzten sich mit zurückflutenden Wehrmachteinheiten und Flüchtlingstrecks, die Kolonnen der Kriegsgefangenen mit denen befreiter Zwangsarbeiter und heimkehrender Ausgebombter. Alliierte Beobachter sprachen von einer regelrechten Völkerwanderung.“

Während sich Hitler am 30. April in seinem Berliner Bunker durch den Freitod der Verantwortung entzog, durchlebten unzählige seiner Gefolgsleute und willigen Vollstrecker in den letzten acht Tagen des Zweiten Weltkriegs eine Apokalypse. Obwohl längst alles verloren und verspielt war, wurden noch unzählige Soldaten und Zivilisten in einen sinnlosen Tod getrieben. Ausgehungerte KZ-Häftlinge wurden auf die Todesmärsche gezwungen. In den erbitterten Straßenschlachten von Berlin starben erneut zahllose deutsche und russische Soldaten. Alte Männer und kaum dem Kindesalter entwachsene Jugendliche ließen als Volkssturmkämpfer ihr Leben. Der Tod wütete in den endlosen Trecks, die in einem eisigen Winter Ostpreußen und Pommern durchquerten, um den Armeen Stalins zu entkommen.

Die Zurückgebliebenen mussten dort oder in Schlesien und im Sudetenland erste Repressalien der sowjetischen, polnischen, tschechischen Eroberer oder Nachbarn über sich ergehen lassen. Es sollte der Anfang der wilden Vertreibungen sein, die dann Millionen Deutsche zu Flüchtlingen machten. Frauen und Mädchen erlebten erste Massenvergewaltigungen durch sowjetische Soldaten, die auf ihrem Weg nach Berlin die von den deutschen Besatzern zerstörten Wohnorte ihrer Heimat durchquert hatten, vorbei an den Massengräbern ermordeter Landsleute. Russische Kriegsgefangene verhungerten auf den Straßen, befreite Zwangsarbeiter plünderten, um zu überleben.

„Viele erlebten das bevorstehende Kriegsende in einer Weltuntergangsstimmung, als den Zusammenbruch einer Ordnung, die ihrem bisherigen Leben Struktur und Halt gegeben hatten. Neben dem kollektiven Sinnverlust war häufig die Unsicherheit über das Schicksal von Angehörigen eine treibende Kraft. So war die Selbstmordrate gerade unter den Flüchtlingen aus den Ostgebieten, die ihre Familien hatten zurücklassen müssen, auffällig hoch.“

Volker Ullrichs Darstellung ist chronologisch angelegt. Jedem dieser acht letzten Tage der nationalsozialistischen Terrorherrschaft und des Krieges ist ein Kapitel gewidmet. Dramaturgisch überaus gelungen erweist sich dabei das Wechselspiel zwischen politischer Deutung und den Rückgriffen des Autors auf Tagebücher und Erinnerungen zahlreicher Miterlebender, die über die Schrecken des Endes in den Kellern der Luftschutzbunker, in den verwüsteten Straßen der deutschen Großstädte, auf den tiefverschneiten Weiten des Ostens oder in den sich auflösenden Lagern berichten.

Das Buch

Volker Ullrich: Acht Tage im Mai. Die letzte Woche des Dritten Reiches. C. H. Beck Verlag, München 2020. 317 S., 24 Euro.

Angesichts des Themas mag es etwas seltsam klingen, aber Ullrich hat ein fesselndes Lesebuch geschrieben, das den Nachgeborenen 75 Jahre später schonungslos davon erzählt, wohin politischer Wahn und moralischer Verfall, Gewalt und Krieg führen. Zwei Tage nach der Kapitulation wandte sich Thomas Mann aus seinem amerikanischen Exil an die deutschen Rundfunkhörer und meinte zu Recht, es wäre das „Allerwünschenswerteste“ gewesen, wenn sich die Deutschen selbst von dem „krankhafte(n) Ungeheuer, Nationalsozialismus genannt“, befreit hätten. „Wir wissen, warum das Wünschenswerte nicht geschah“, konstatiert Ullrich. „Die Befreiung musste von außen kommen, weil die Deutschen die Kraft zur Selbstbefreiung nicht hatten aufbringen können. Trotz wachsender Kritik an der NSDAP und ihrem Führungspersonal gab es in Wehrmacht und Bevölkerung bis in die Agonie des ,Dritten Reiches‘ hinein ein erstaunlich hohes Maß an Durchhaltebereitschaft.“

Dass der 8. Mai keine Niederlage, sondern eine Befreiung war, das wollten dann viele der überlebenden Deutschen jahrzehntelang ebenso wenig wahrhaben wie die Tatsache, dass es eine „saubere deutsche Wehrmacht“ in den Kriegsjahren nie gegeben hatte.

Eindrucksvoll schildert Ullrich in vielen eingestreuten Passagen die Auftritte und das Handeln der politischen Akteure, die nach Hitlers Tod im Norden Deutschlands glaubten, das Verhängnis noch ein Stück weit kontrollieren zu können. Der Kreis um den neuen „Reichspräsidenten“ und Großadmiral Karl Dönitz hoffte auf das Wunder eines Zerwürfnisses der Alliierten und wollte – das war eine nicht ganz unverständliche Haltung – durch das Hinauszögern der Kapitulation möglichst viele Soldaten und Flüchtlinge vor der Gefangennahme durch die Russen bewahren.

Aber Dönitz schwadronierte noch nach der Kapitulation davon, dass der deutsche Soldat „stolz sein“ solle auf die „Leistung von Wehrmacht und Volk während des Krieges“. Heinrich Himmler zerbiss nach seiner Verhaftung eine Zyanid-Kapsel. Hitlers Günstling Albert Speer versuchte sich bereits während der Flensburger Götterdämmerung als Widerstandskämpfer der letzten Stunde und als unschuldiger Künstler zu stilisieren. Admiral Hans-Georg von Friedeburg, Mitunterzeichner der Kapitulationsurkunde im alliierten Hauptquartier von Reims, brachte sich nach seiner Verhaftung durch die Amerikaner um.

„Eine parlamentarische Demokratie nach westlichem Muster lag außerhalb der Vorstellungswelt der Dönitz-Regierung“, hält Ullrich fest. „Auch insofern repräsentierte sie nicht einen Neuanfang, sondern das Ende einer langen Tradition des vor- und antidemokratischen Denkens in der deutschen Geschichte, die in Hitler und dem Nationalsozialismus ihre extremste Ausprägung erfahren hat.“

„Es war eine zeitlose Zeit“, zitiert Ullrich eine Berlinerin. Und er selbst spricht von „Endzeitstimmung auf der einen und Aufbruchstimmung auf der anderen Seite“. Die meisten Deutschen verdrängten jedoch in den kommenden Jahren die Schrecken dieser letzten Tage. So, wie sie lange „unfähig“ blieben, über die im deutschen Namen begangenen Verbrechen „zu trauern“ (Alexander Mitscherlich). Die Wahrheit musste warten, bis eine neue Generation zu fragen begann.

„Es sollte dauern, bis die Demokratie, die unter Anleitung von Amerikanern, Briten und Franzosen reimplantiert wurde, in der Bevölkerung der Westzonen Wurzeln schlug.“ Volker Ullrichs „Zeitreise in den Untergang“ endet mit den Sätzen: „Man muss sich das Ausmaß der Verheerungen, der materiellen wie moralischen, vor Auge halten, um zu begreifen, wie unwahrscheinlich dies am 8. Mai 1945 erscheinen musste, und welche Errungenschaft es bedeutet, heute in einem stabilen, freiheitlichen und friedlichen Land leben zu können. Vielleicht ist es an der Zeit, daran zu erinnern.“

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