Aus der Familie der phantasieentzündenden Nachtschattengewächse.
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Aus der Familie der phantasieentzündenden Nachtschattengewächse.

Lyrik

Volker Sielaff: „Barfuß vor Penelope“ – Die Liebe zur mystischen Aubergine

„Barfuß vor Penelope“, neue, auch betörende Gedichte von Volker Sielaff.

Aus meiner Verwirrung ziehe ich Blütenstaub“, notiert der Dichter an einer Stelle – und diese selbstbewusste Positionierung in der Nähe des Frühromantikers Friedrich von Hardenberg und seines „Blütenstaub“-Fragments ist nur allzu berechtigt. Denn so ein großer Reichtum an Formen, Bildfindungen und Traumpfaden, an kunstvollen Entfesselungen von Sprachklängen und Urszenen der Kindheit war schon lange nicht mehr in einem zeitgenössischen Gedichtbuch anzutreffen.

Volker Sielaff: Barfuß vor Penelope. Gedichte. Edition Azur bei Voland & Quist, Leipzig/Dresden 2020. 112 Seiten, 19 Euro.

Volker Sielaffs „Barfuß vor Penelope“ beginnt mit einer Highspeed-Litanei, einem großen Hymnus der Sprachbegeisterung, in dem über zehn Seiten hinweg immer neue Weisen der Weltaneignung in Form von laut- und bedeutungsverwandten Wörtern aufeinandergeschichtet werden, so dass man schließlich von der rauschhaften rhythmischen Bewegung des Textes mitgerissen wird. In diesem Weltgedicht im besten Sinne spielt „die Liebe zur Glossolalie“, also zum rauschhaften Zungenreden eine große Rolle. Die Liebe zu den großen Geistern der Dichtkunst wird jedenfalls mit gleicher Hingabe mobilisiert wie die zu den kalauerverdächtigen Slapsticks des Alltags: „Liebe zu Labsal, zu hanebüchen./ Und zu Simone Lepinat aus Lychen. Die ich auf einer Tramptour küsste,/ wie lang ist das her, wenn ich’s nur wüsste.“ Und wenn hier „die mystische Aubergine“ zum Titel dieser Litanei erhoben wird, dann wohl auch deshalb, weil die Aubergine zur Familie der phantasieentzündenden Nachtschattengewächse zählt, mithin zu den traditionsreichen Rauschpflanzen.

Der von Novalis entlehnte „Blütenstaub“ wirbelt aber auch auf in dem bereits zitierten Gedicht über eine Fotografie, in dem sich die Perspektiven verzweigen und in einer Art Mehrfachbelichtung die Grenzen zwischen Betrachter und Objekt mehrfach überschritten und in neue Bildlogiken übersetzt werden. Das zauberhafte Gedicht „Der dunkelste Ort“ bringt uns in ein intensives Nahverhältnis zum Augenspiel zwischen einem ins Schauen versunkenen Ich und einem Du, und am Ende steht eine surrealistische Traumszene: „...ich verscharre die Schaufel unter deinem Aug, ich ziehe/ den Lehnstuhl ins Dunkel, der dunkelste Ort, zugleich der schönste,/ aus meiner Verwirrung ziehe ich Blütenstaub.“

Es ist nicht das erste Mal, dass sich der 1966 in der Lausitz geborene und in Dresden lebende Sielaff von der Überraschungs-Ästhetik der großen Surrealisten inspirieren lässt. In seinem „Glossar des Prinzen“ (2015) platzierte er bereits eine herrliche Reminiszenz an den rumänischen Surrealisten Gellu Naum, von dessen Spielart „konvulsivischer Schönheit“ (André Breton) er auch in seinem neuen Band profitiert

Dass er auch über die traditionellen Register des Lyrischen verfügt, demonstriert er im zweiten Kapitel des Buches. Diese betörend einfachen Volksliedstrophen über die Liebe und ihre Untiefen stehen der Prägnanz einer Mascha Kaléko näher als den Bildzertrümmerungspoetiken der Avantgarde.

Es gehört überhaupt zu den Vorzügen dieses Gedichtbands, dass der Autor in jedem Kapitel eine neue Metamorphose durchläuft und mit einer jeweils neuen Formensprache brilliert. Bei seinen Begegnungen mit bildender Kunst („Carta Marina“) taucht er tief ein in die verstörenden Fallgeschichten der antiken Mythologie. „Ich bin in hohem Bogen ein Diesseitiger“, verkündet schließlich das Schlusskapitel, eine schmale Sammlung von kleinen poetischen Erkenntnisblitzen. Tatsächlich ist der Diesseitige Volker Sielaff auch ein großer Jenseitsdenker – besonders wenn er in „Oberlausitz, Wagenspur“ eine Erinnerungs-Fernreise unternimmt in die Lebenswelt seiner Kindheit. Er besucht Orte wie das Carl Großmann Stift, das einstige Klinikum seiner Heimatstadt Großröhrsdorf, und durchstreift behutsam tastend „eine Landschaft, die lange vergangen“. Gegen Ende des Bandes entdecken wir dann den Autor bei seiner Lieblingsbeschäftigung – dem Staunen. Und zwar mit hellwachen Sinnen: „Und was ist mit den Steinen, der Steinsuppe, flüsterte / die Sphinx. Wir liegen mit großen Ohren einfach nur da.“

Von Michael Braun

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