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Volker Reinhardt: Voltaire - „Dann stellt sich dieser Teil der Welt als ein einziges riesiges Schafott dar“

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Von: Wilhelm v. Sternburg

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François-Marie Arouet, der sich selbst den Namen Voltaire gab. Foto: afp
François-Marie Arouet, der sich selbst den Namen Voltaire gab. Foto: afp © afp

Volker Reinhardts große Biografie bringt die Aktualität, Relevanz und Frechheit Voltaires zum Funkeln.

Schon über den jungen Mann weiß sein Beichtvater zu berichten, er sei „vom Durst nach Berühmtheit zerfressen“ gewesen. Und er selbst lässt die Welt, die ihn seit seinen ersten Veröffentlichungen liest, verehrt und verfolgt, in seiner unwiderstehlich selbstbewussten Art wissen: „Ich diene Gott und dem Teufel zugleich und zwar, wie ich finde, ziemlich gut.“

Der Mann, der unter dem Namen Voltaire bald im Olymp der europäischen Aufklärung seinen Platz findet, wird 1694 in Paris geboren. Seine frühen Lebensjahre stehen noch ganz im Zeichen des Zeitalters, in dem der Glanz des Sonnenkönigs die absolutistischen Herrscher an den Fürstenhöfen des Kontinents blendet und die französische Kultur die Theaterbühnen und die Philosophie beherrscht, während der Musikus Johann Sebastian Bach allenfalls als provinzielles deutsches Wesen wahrgenommen und Shakespeare nahezu übersehen wird.

Als der reiche Herr von Ferney – so der Titel Voltaires nach dem Kauf seines Besitzes vor den Toren der calvinistischen Stadt Genf – am 30. Mai 1778 stirbt, sind für die Hellhörigen in der nicht mehr allzu weiten Ferne schon die Trommeln der Revolution zu hören. Dieses epochale Ereignis hat sich schon Jahrzehnte vor dem Sturm auf die Bastille sowohl in den Schriften der Enzyklopädisten um Denis Diderot und Jean-Baptiste d’Alembert, Jean-Jacques Rousseau und Voltaire angekündigt, als auch in den militärischen und finanzpolitischen Katastrophen, die unter Ludwig XV. und seinem auf der Guillotine endenden Nachfolger die Debatten in Frankreich und bei seinen westlichen Nachbarn bestimmen.

„Aber die Vernunft, die mich führt“, so einer der pathetischen Leitsätze Voltaires, „lässt vor mir die Fackel marschieren, die mich erleuchtet.“ Diese Fackel, zu dessen wichtigsten Trägern Voltaire selbst zählt, wird die Scheiterhaufen entzünden, in deren Flammen die weltlichen und kirchlichen Feudalstrukturen untergehen. Die Völker träumen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.

Ein pralles Leben, ein vieltausendseitiges Werk ist es, von dem der Freiburger Historiker Volker Reinhardt in seiner umfangreichen, überaus lesbar geschriebenen Biografie über den Aufklärer, Dramatiker, Essayisten und Geschichtsschreiber Voltaire erzählt. Bestimmt wird das „Abenteuer der Freiheit“ (so der Untertitel des Buches), das dieser französische Intellektuelle inszeniert und lebt, von Ehrgeiz und Eitelkeit, von einer unerschöpflichen philosophischen Neugier, einem mutigen Kämpferherz und einem nie versiegenden Schreibtalent. Die Figuren seiner Dramen und Komödien werden auf den Bühnen geliebt, seine politischen und philosophischen Essays führen zu erbittertem Streit, verschließen ihm bald die Türen, die zur Versailler Hofgesellschaft führen – und machen ihn zum begehrten Briefpartner von Katharina II. und Friedrich II., die sich in Petersburg und Potsdam als aufgeklärte gekrönte Häupter stilisieren. „Zu entdecken ist ein lebenslanger Provokateur, der mit Spott und Scharfsinn alle scheinbaren Gewissheiten infrage stellt, dem man deshalb Zersetzung vorgeworfen hat, der aber stets auf konstruktive Weise verneint.“

Voltaires zentrale Themen sind der Krieg und die Kirche, die Gottesfrage und die Willkür des Feudalstaates. Über den Krieg: „In welch blühendem Zustand befände sich Europa heute ohne die permanenten Kriege, die den Kontinent reiner Nichtigkeiten und Lächerlichkeiten wegen ins Unglück stürzen.“ Über die Kirche: „Fügt man diesen juristischen Massakern (den mehr als hunderttausend Opfern von Hexenprozessen) die unverhältnismäßig höhere Zahl von hingerichteten Ketzern hinzu, dann stellt sich dieser Teil der Welt als ein einziges riesiges Schafott dar ... .“ Über die Existenz Gottes: „Ich habe das göttliche Werk betrachtet und habe den Werkmeister nicht gefunden ... .“

Das Buch

Volker Reinhardt: Voltaire. Die Abenteuer der Freiheit. C. H. Beck Verlag München 2022. 607 Seiten, 32 Euro.

„Der späte Voltaire“, bilanziert Volker Reinhardt, „ist der systematische Hinterfrager aller vermeintlichen Gewissheiten, der Ankläger einer unmenschlichen Justiz, das Haupt der europäischen Aufklärung und der große Zertrümmerer des Ancien Régime.“

Es ist auch ein eitles Leben, das hier betrachtet wird. Voltaire kämpft allzu häufig mit unguten Mitteln um seinen Ruhm. Konkurrenten – beispielsweise Rousseau – werden öffentlich diffamiert. Um am Versailler Hof Karriere machen zu können, leugnet er manche seiner Schriften. Die Korrespondenz mit dem Preußen Friedrich „dem Großen“ ist ebenso voller Heucheleien und falscher Verbeugungen wie die Briefe, die die russische Zarin Katharina II. erreichen. „Als eleganter Verseschmied saß er an der Tafel der Reichen und Mächtigen und konnte sich durch deren Fürsprache manche Ketzerei erlauben.“

Der Philosoph ist ein erfolgreicher Geschäftsmann. Er spekuliert gewagt und gewinnt viel, klug und stur verhandelt er mit Verlegern und Theaterleitern um die Höhe seiner Tantiemen und Honorare. Am Ende lebt er als reicher feudaler Großgrundbesitzer in seinem Schloss Ferney, empfängt die wachsende Schar seiner Gäste wie ein kleiner König. Was er für die geistige Welt seines Jahrhunderts auch ist.

Voltaires Werk – und das ist eine der faszinierenden Erkenntnisse bei der Lektüre von Volker Reinhardts Biografie – ist auf erschreckende Weise aktuell geblieben. In Jahren, in denen wir wieder die Geister von gestern heraufbeschwören, Krieg, Unterdrückung und irrationale Machtpolitik nach einer kurzen Zeit der versuchten „Vernunft“ auch in der westlichen Welt die Tagesordnung bestimmen, erscheint uns dieser Aufklärer als ein zutiefst moderner Wahrheitssucher. „In jedem Menschen und vor allem in den Mächtigen“, so formuliert Reinhardt einen zentralen Gedanken in Voltaires Werk, „tut sich ein Abgrund auf, in dem zerstörerische Kräfte toben. Alles kommt darauf an, wie man sie bändigen kann.“

In Voltaires Werken, die zu lesen diese Biografie auf schönste Weise anregt, begegnen wir nicht zuletzt einem Existenzphilosophen unserer Tage. In seinem Lehrgedicht über das ihn und die Menschen seiner Zeit tief erschütternde Erdbeben von Lissabon (1755) heißt es in immerwährender Aktualität: „Der Mensch ist sich selbst ein Fremder, und kennt den Menschen nicht. Was bin ich, wohin gehe ich, von woher bin ich ins Leben gezogen worden?“ Und ebenso zeitlos ein solcher Satz aus der satirischen Erzählung „Candide“: „Der Mensch muss sich sein Leben schön reden, um überhaupt leben zu können.“

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