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Volker Braun: „Luf-Passion“ – „Prügeln Rauben Schänden Morden“

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Von: Björn Hayer

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Das Auslegerboot von der Insel Luf im Humboldt Forum.
Das Auslegerboot von der Insel Luf im Humboldt Forum. © Stefan Boness/Imago

Das Boot und die ewige Schuld: „Luf-Passion“, der neue Gedichtzyklus von Volker Braun, bringt die Vielstimmigkeit in Stellung – gegen die Verdrängung des deutschen Kolonialismus.

Sie waren auf vieles gefasst: Stürme und die Launen des Meeres. Nur „mit dem Hurrican Mensch“ konnte die Bevölkerung des Bismarck-Archipels nicht umgehen, der im 19. Jahrhundert über sie hereinbrach. Obgleich ihr Oberhaupt im Angesicht der nahenden Schiffe des deutschen Kaiserreiches Blätter auf den Weg legt, um den Eroberern Grenzen aufzuzeigen, lassen sich letztere davon kaum beeindrucken. Sie errichten eine Handelsstation und beginnen mit der „Züchtigung“ der „Wilden“ und „Primitiven“.

Dörfer werden niedergebrannt, Menschen versklavt. „Prügeln Rauben Schänden Morden / nehmen einen großen Anteil der Arbeitskraft / europ. Beamter in Anspruch“, schreibt Volker Braun zynisch in seinem neuen Gedichtband „Luf-Passion“, der jedem Versuch der Geschichtsklitterung radikal entgegenwirkt. Dass sich nämlich Verbrechen nicht ewig verschleiern lassen, belegt spätestens der Raub des titelgebenden Bootes, eines kunstvollen Werks der Indigenen, durch die Kolonialisten. Dokumentiert ist deren Tat in Götz Alys Studie „Das Prachtboot“, die zuletzt für kontroverse Diskussionen gesorgt hat, stellt doch das Wasserfahrzeug inzwischen eines der Aushängeschilder des Berliner Ethnologischen Museums dar.

Das Buch

Volker Braun: Luf-Passion. Ein Gedichtzyklus. Faber und Faber, Leipzig 2022. 64 Seiten, 20 Euro.

Nur eine Bitte

Umso wichtiger erschien es dem Lyriker, das historische Deutungsmonopol der Invasoren zu brechen. Volker Braun lässt daher neben den Besatzern, die sich im göttlichen Auftrag wähnen, auch die Unterdrückten zu Wort kommen. Sie schildern nicht nur ihr Leiden, sondern zeigen die bis in unsere Zeit reichende Linie der Gewalt auf. „Was ich meine“, hält ein lyrisches Ich der Indigenen fest, „ist nur eine Bitte (...) – – Wir / Müssen aufhören aufhören / Auf Nacken von andern zu knien / Die nicht atmen können.“ Selbstverständlich wird man bei diesen Versen an das Schicksal von George Floyd erinnert, der 2020 unter dem Gewicht eines weißen Polizisten starb.

Hätte diese Geschichte über Rassismus und Repression nicht einen guten Stoff für die Bühnen oder die Prosa hergegeben? Das ganz gewiss. Noch mehr als die anderen Gattungen ist die Dichtung jedoch dazu imstande, der Vielstimmigkeit auf konzentrierte Weise Raum zu geben. Dem lauten Sprechen einer westlichen Übermacht stellt sie die leise Rede der Ausgelieferten entgegen. Diese poetische Gerechtigkeit wird auch illustrativ unterstützt: Den Text, der in dem Band auf Deutsch und Englisch (Übersetzung: Ann Cotten) vorliegt, ergänzen Bilder der Indigenen, die teils mit roten, blutig anmutenden Pinselstrichen übermalt sind.

Seht hin, bleibt wachsam! – so lautet als die Botschaft an alle, die diese so engagierte wie unbequeme Lyrik lesen. Darüber hinaus wendet sie sich an die Institutionen für eine professionalisierte Gedenkkultur. Es geht schließlich um „eine globale Schuld- / Verschreibung völkerverbindenden Unrechts“ und somit um „die offene Rechnung der Weltmuseen“. Die Wunden der Erinnerung, sie sollen gemäß dieser Gedichte nicht vernarben. Im Gegenteil, man muss sie offenhalten. Nur so bleibt der Schmerz spürbar und gegenwärtig.

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