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Oktober 1992: Im nordirischen Bangor sind Autobomben hochgegangen. Die IRA hatte kurz vorher gewarnt, aber es gab Verletzte.

Krimis

Volieren voller Raubvögel

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Irische Terroristen und Polizisten sowie mörderische südafrikanische Geheimdienstler: Neue Kriminalromane von Nicholas Searle, Adrian McKinty und Mike Nicol.

Hinter irischen Kulissen
„Während ihr Gatte sich anschickte, einen jungen Mann zu ermorden, dem er nie zuvor begegnet war, packte Bridget O’Neill die letzten Taschen für das Weihnachtsfest bei ihren Schwiegereltern.“ Das Jahr ist 1989, der Ort ein nordirisches Kaff auf dem absteigenden Ast, zum Einkaufen muss Bridget ein ganzes Stück mit dem Bus fahren. Ihr hübscher, charismatischer Mann Francis tötet für die IRA, sie weiß das und findet es jahrelang ganz in Ordnung. Wenn jemand zu ihnen kommt, schickt er sie in die Küche – besser, sie kann nicht mithören, dann kann sie auch nichts ausplaudern. Sie murrt nicht. Den oben zitierten kraftvollen Anfangssatz hat Nicholas Searle geschrieben, der Autor stand in Diensten des britischen Geheimdiensts. In „Verrat“ schimmern seine alten Loyalitäten durch: Die englischen Agenten, die Informanten anzuwerben versuchen, kann man sich nur schwer so anständig und aufrecht vorstellen, wie sie hier gezeichnet sind. Und die stille Hauptfigur, Bridget, fügt sich zu lange, als dass ihr Entschluss glaubhaft wäre, Francis schließlich zu verraten. Searle weiß vermutlich gut Bescheid übers geheimdienstliche Strippenziehen, auch über das, was bei den Verhandlungen zum sogenannten Karfreitagsabkommen, das 1998 unterzeichnet wurde, hinter den Kulissen gelaufen sein mag – als Mörder die Chance erhielten, Politiker zu werden. Er übertreibt nicht, schon gar nicht in Richtung Action. Doch der Gefühlshaushalt und die Beweggründe seiner Figuren überzeugen nicht wirklich. Und in derselben Liga wie John Le Carré, dessen Name in Kritiken schon fiel, spielt er gewiss nicht.

Unter irischen Mördern
Adrian McKinty, geboren 1968 in Belfast, lässt bereits zum sechsten Mal einen katholischen Inspector im Nordirland der sogenannten „Troubles“ ermitteln (also vor 1998, siehe oben): Sean Duffy wandert „schlaflos durch Carrickfergus“, wenn er wieder einmal von allen Seiten bedroht wird, von militanten mörderischen Katholiken wie ebenfalls militanten mörderischen Protestanten. Zu allem Überfluss sind einige Kollegen Duffys „Dirty Cops“ – so der Titel der Übersetzung (während im Original eine Liedzeile von Tom Waits als Romantitel dient: „Police at the station and they don’t look friendly“). Duffy hat es mittlerweile zu Freundin und Kind gebracht. Aber in der Polizeihierarchie aufgestiegen ist er nicht, dazu fehlt es ihm an diplomatischem Geschick. Auch am Willen, sich arbeitstechnisch zurückzuhalten – gerade, wenn ihm genau das von einem Vorgesetzten nahegelegt wird. Ein Dealer ist diesmal ermordet worden; wer interessiert sich schon dafür, wenn die Beamten in diesem Fall nicht allzu eifrig nach einem Täter suchen. Nun, Inspector Duffy interessiert sich. McKinty lässt ihn schnodderig, respektlos, frech austeilend nach allen religiösen und politischen Seiten von „dieser streitsüchtigen Ecke dieser niederträchtigen kleinen Insel“ erzählen. Das rutscht manchmal ins Iren-Klischee – saufen, rauchen, Bomben legen -, aber würde man einen wie Sean Duffy im Pub treffen und er würde seine wilden Geschichten erzählen (zum Beispiel von Dealern, mit einer Armbrust getötet), man würde wohl mit großen Augen zuhören.

Hinter südafrikanischen Kulissen
Mike Nicol spart in seinen Thrillern eigentlich an gar nichts, vor allem aber spart er nicht an Intrigen. Durch die Voliere schwirren bei ihm viele verschiedene (Raub-)Vögel – Voliere ist der Name, mit dem die Geheimdienstler Südafrikas in diesem Roman ihren eigenen Betrieb bezeichnen. Der Kapgeier traut dem Kampfadler nicht, der Hornrabe sowieso niemandem, schon gar nicht traut er der nachtaktiven Schleiereule. Und hier gilt offenbar nicht, dass eine Krähe der anderen kein Auge aushackt. Im Gegenteil. Könnte sein, dass in „Korrupt“, dem neuen Mike-Nicol-Roman, der Präsident höchstselbst aus wirtschaftlichen Interessen seinen Geheimdienst damit beauftragt hat, einen Gast zu ermorden, der in Südafrika Zuflucht suchte. Könnte sein, dass innerhalb des Geheimdiensts eine andere Fraktion daran arbeitet, den Präsidenten aus dem Weg zu räumen. Könnte sein, dass sein Sohn an diesen Plänen beteiligt ist. Könnte sein, dass sein Sohn nichts davon weiß und zum Kollateralschaden werden wird. Saubere Westen? Die sind in Mike Nicols Südafrika weit und breit nicht in Sicht, außer dass Sonnyboy und Surfer Fish Pescado und Freundin und Agentin Vicki Kahn immerhin aufzuräumen versuchen, ohne allzu viel Blut zu vergießen. Gewissensbisse sind ein Luxus. Jeder versucht, seine Schäfchen, gern auch Goldbarren, ins Trockene zu bringen, allen voran die Mächtigen. Die es gerade sind, weil sie ihre Vorgänger aus dem Weg geräumt haben. Und bis man sie aus dem Weg räumen wird, weil sie den Zenit ihrer Macht überschritten haben. Nicol, der auch eine Biographie über Nelson Mandela geschrieben hat, scheint von der aktuellen politischen Kaste seines Landes nicht eben viel zu halten.

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