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Völlig losgelöst

Reinhard Blomert verabschiedet die New Economy

Von Rudolf Walther

Am 10. März 2000 notierte der Neue Markt, der Nemax, an der Frankfurter Börse 9600 Punkte. Fünfzehn Monate später waren es weniger als 1000. Die jüngsten Entwicklungen des Kapitalismus, die man als Börsen- oder Kasinokapitalismus bezeichnet hat, frappieren durch ihr Tempo, vor allem aber durch ihr spektakuläres Scheitern. Die Notierungen des Frankfurter Nemax sind nur ein besonders deutliches Beispiel für beide Trends. Reinhart Blomerts Buch leuchtet die Hintergründe dazu aus. Die Aktienspekulationswelle um die Jahrtausendwende ist die größte Spekulationsblase der Börsengeschichte. Allein die amerikanische Telekommunikationsbranche verlor innerhalb von Monaten rund zwei Billionen Dollar.

Zu den Verlierern gehören auch jene Banken, die zunächst vom Spekulationsfieber - das sie selbst kräftig förderten - profitierten. Aber sie bezahlten "ihren Ausflug in das gelobte Land der Börsenspekulation" teuer. Die Reserven der Deutschen Bank schmolzen von 16 Milliarden Euro im Jahr 1999 auf gerade noch 1,1 Milliarden 2002. Und die Zeche bezahlen auch viele Bankmitarbeiter, denn als Ausweg aus der Krise setzen die Bankmanager auf Massenentlassungen.

Wo es Verlierer gibt, gibt es auch Gewinner. Zu diesen rechnet Blomert die Insider, die Finanzmanager und die Unternehmensberater. Eingeleitet wurde der Kurswechsel des weltweit agierenden Kapitals durch ein neues neoliberales Leitbild, das zuerst Michael C. Jensen und William H. Meckling propagierten: das "Resourceful, Evaluative, Maximising-Model" (REMM). Der Manager muss danach "ständig zwischen alternativen Ressourcen wählen (evaluieren) und sucht durch jede Entscheidung seinen Besitz und seine Werte zu steigern (maximieren)". Voraussetzung ist die rigorose Deregulierung aller Märkte vom Arbeits- und Finanzmarkt bis zum Devisenmarkt. Blomert zeigt im Detail, wie diese Deregulierung, zu der auch die Privatisierung bislang öffentlicher Dienstleistungen gehört, seit Anfang der neunziger Jahre weltweit Schritt für Schritt durchgesetzt wurde.

Anschließend begann das kurze "Zeitalter der mergers & acquisitions", das heißt jene Phase, in der die Banken "Firmenpiraten" (corporate raiders) einstellten, um Managern zu feindlichen Übernahmen anderer Firmen und zu friedlichen Fusionen zu raten und diese in die Wege zu leiten. Grundlage für die Ausdeutung von Übernahme- oder Fusionskandidaten waren Firmenranglisten, in denen ein Unternehmen und sein Management einzig nach der Wertsteigerung der Aktienkurse beurteilt wurden. Diese Ranglisten (im Jargon "benchmarking") wurden von jungen Unternehmensberatern und Finanzanalysten erstellt, die selbst noch nie eine Fabrik von innen gesehen hatten.

Neben dem Waren- und Finanzmarkt entstand so ein regelrechter Markt für Unternehmen. Die Orientierung am Shareholder value bedeutete für jede Produktionsentscheidung, dass deren Auswirkung auf die Börsennotierung zur alleinigen und letzten Instanz wurde. In diesem Umstrukturierungsprozess verloren die produzierenden Unternehmen an Autonomie, während Banken und Finanzdienstleister hinzugewannen. Blomert beschreibt hauptsächlich die Entwicklung in den USA, aber verweist auch auf ähnliche Trends in Europa, etwa bei der Übernahme von Mannesmann durch Vodafone.

Eine Schlüsselfunktion hatten dabei die Finanzanalysten und Investmentberater. Die Funktionen von Analyse und Beratung wurden nicht getrennt, was dazu führte, dass der Staranalyst der amerikanischen Telekommunikationsbranche - Jack Grubman - zum Kauf von Aktien jener Firmen riet, für die er selbst ein Beratungsmandat hatte. So verschaffte er seinen Kunden rund 190 Milliarden Dollar Kapitaleinlagen und sich selbst und seiner Firma mehr als eine Milliarde Dollar an Honoraren. Henry Blodget, dem Chefanalysten von Merrill Lynch, wurden für den Zeitraum von Dezember 1999 bis November 2000 gerichtlich 52 verbotene Transaktionen nachgewiesen.

Das Oligopol der fünf großen Buchprüfungsfirmen (Deloitte Touche Tohmatsu, KPMG, Cap Gemini Ernst & Young, PricewaterhouseCoopers und Arthur Andersen) orchestrierte als "neue Hohe Priester der Unternehmenskultur" die Spekulationsgeschäfte mit ihrem weltweit tätigen Netz von rund 514 000 Mitarbeitern. Die eigentliche Buchprüfung diente dabei jedoch nur als "Türöffner" für die lukrativeren Beratungsgeschäfte, mit denen im Durchschnitt 30 Mal mehr verdient werden konnte als mit Buchprüfung und Steuerberatung. In der Doppelfunktion von Prüfung und Beratung gerieten diese Firmen in die genau gleiche Doppelrolle wie die Analysten und Investmentberater.

Spektakulär ist der Fall des amerikanischen Unternehmensteils von Arthur Andersen: Die Firma beriet den Energie- und Finanzriesen Enron, der seine riesigen Schulden in einem Labyrinth aus 3500 Firmen und Scheinfirmen versteckte und seinen Spitzenleuten ein Jahresgehalt von 700 Millionen Dollar bezahlte, obwohl sie fast nur Verluste einfuhren. Arthur Andersen kassierte für die Beratung von Enron allein im Jahr 2000 52 Millionen Dollars. Nachdem Enron im Sommer 2002 zusammengebrochen war, löste sich der amerikanische Teil von Arthur Andersen auf, während der europäische an Cap Gemini Ernst & Young verkauft wurde.

In zwölf Kapiteln, und in einer auch dem Laien verständlichen Sprache, beschreibt Blomert die Mechanismen dieses aus dem Ruder gelaufenen Systems, das bis hin zur Auswahl der Personals nur noch einen Imperativ kannte: "Konformität mit den Konkurrenznormen".

Reinhard Blomert: Die Habgierigen. Firmenpiraten, Börsenmanipulation: Kapitalismus außer Kontrolle. Verlag Antje Kunstmann, München 2003, 198 Seiten, 17,90 €.

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