Völkische Euphorie

Rainer Hering untersucht die kleine, aber wirkungsmächtige Gruppe der Alldeutschen

Von MANFRED GAILUS

"Mir war Treitschke der Meister, der mein Leben bestimmte ... Sein Wort ?die Juden sind unser Unglück' ging mir mit meinen zwanzig Jahren in Fleisch und Blut über; es hat einen wesentlichen Teil meiner späteren politischen Arbeit bestimmt."

Diese Bekenntnisse aus dem Jahre 1932 sind ein eindrücklicher Beleg für die Tiefen- und Langzeitwirkungen jenes einflussreichen Berliner Historikers und Hochschullehrers, der zu den Mitbegründern eines modernen deutschen Antisemitismus zählt und ihn vor allem in bildungsbürgerlichen Kreisen salonfähig zu machen verstand. Die Bekenntnisse stammen von Heinrich Claß (1868-1953), Rechtsanwalt und Publizist, seit 1897 Mitglied und von 1908 bis 1939 Vorsitzender des Alldeutschen Verbandes. Wie kein Zweiter verkörperte Claß die Alldeutschen und steht zu Recht auch im Zentrum der vorliegenden Publikation des Hamburger Historikers Rainer Hering, die auf seiner Habilitationsschrift beruht.

Neben der 1984 erschienenen, seinerzeit bahnbrechenden sozial- und kulturgeschichtlichen Studie von Roger Chickering, die lediglich bis 1914 reichte, ist dies der umfassendste und zweifellos gewichtigste Versuch, jenen fatalen Gesinnungs- und Agitationsverband eines radikalen völkischen Nationalismus zwischen Kaiserreich, Weimarer Republik und "Drittem Reich" kritisch darzustellen. Ziel der Studie sei, "den alldeutschen Nationsdiskurs nachzuzeichnen und zu analysieren, seine Trägergruppe sozial zu verorten sowie seine gesellschaftliche Reichweite zu ermitteln".

Das Glück des Krieges

Hering löst dies umfassend und kenntnisreich ein, indem er einleitend die neuere Nationalismusforschung ("Nation als Konstrukt") referiert, dann die alldeutsche Verbandsgeschichte bis zur Auflösung 1939 sowie insbesondere die große Hamburger Ortsgruppe als exemplarischen Fall untersucht und schließlich die ständisch-elitären, antimodernen, zunehmend auch antisemitischen Nationsvorstellungen der Alldeutschen analysiert. Ihre große historische Stunde sahen sie mit dem Ersten Weltkrieg gekommen, der mit Parolen wie "es ist eine Lust zu leben" begrüßt wurde.

Voller Euphorie schreibt Claß im August 1914 an seinen Stellvertreter Konstantin von Gebsattel: "Ich betrachte den Ausbruch des Krieges für das größte Glück, das uns widerfahren konnte." Quantitativ gehörten die Alldeutschen nie zu den sehr großen Verbänden ihrer Zeit. Selbst zum Zeitpunkt ihres Wirkungszenits (etwa 1916/17-1921/22) kamen sie nicht über 50 000 Mitglieder hinaus. Gleichwohl ist die ideologische Wirkung dieses vorwiegend im nord- und mitteldeutschen protestantischen Milieu angesiedelten Honoratiorenverbandes als sehr erheblich zu veranschlagen, vermochte er es doch, einflussreiche besitz- und bildungsbürgerliche Gruppen - Kaufleute und Industrielle, Akademiker, namentlich Hochschullehrer und vor allem viele Lehrer - mit Multiplikatorenfunktionen zu sammeln.

Sucht man nach vornehmen, gutbürgerlichen Verderbern deutscher Politik und Geschichte im frühen und letztlich so katastrophalen 20. Jahrhundert - hier findet man sie in großer Zahl. In den Reihen des Verbandes fehlt es nicht an prominenten Namen, auch aus den Künsten und Wissenschaften: Franz von Lenbach, Ernst Haeckel, der Geograph Friedrich Ratzel, der Altphilologe Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, die Historiker Karl Lamprecht, Dietrich Schäfer und Georg von Below, Theologen wie Reinhold Seeberg und Reinhard Mumm - um nur einige zu nennen. Auch Max Weber gehörte bis 1899 dem Verband an, äußerte sich aber später, zu Weltkriegszeiten, eher kritisch zu alldeutschen Kriegszielen und anderen Maßlosigkeiten.

Zu den folgenreichsten historischen "Leistungen" des Verbands dürfte sein nachhaltiger Beitrag zur geistigen Umprägung des deutschen Nationalismus zu einem radikalen, aggressiven Ethno-Nationalismus gehört haben: religiös-heilsgewiss, imperialistisch, bellizistisch, nach innen "völkisch" und zunehmend antisemitisch. Insofern zählt dieser weithin bürgerliche Honoratiorenclub mit seiner vielseitigen publizistischen Öffentlichkeitsarbeit und seinem politischen Lobbyismus mit zu den wesentlichen geistigen Vorbereitern nationalsozialistischer "Weltanschauung" und Politikziele, auch wenn er in der frühen Hitlerbewegung als betulicher Alt-Herren-Club ohne Mobilisierungskraft und ohne Präsenz im militanten Straßenkampf auf wenig Gegenliebe stieß und teilweise sogar abgelehnt wurde.

Auf einen neuen Kaiser hoffen

Gleichwohl: Nach der unfassbaren Kriegsniederlage, angesichts der ?Schmach von Versailles' und unter der angeblichen Herrschaft von Marxisten, Katholiken und Juden erhofften die Alldeutschen "Rettung" durch einen kommenden "Führer" - der schließlich kam, auch wenn er von etwas anderer Gestalt war als der eigentlich erwartetre starke Mann. In der siebten Auflage seines pseudonym publizierten Buches Wenn ich der Kaiser wär forderte Claß 1925 einen diktatorischen völkischen Staat: "Der Diktator wird die Reichsreform erzwingen; aus ihr wird der völkische deutsche Staat erstehen, und an seine Spitze wird der neue Kaiser treten... Dann haben wir das Vaterland, in dem werden soll, was als letztes Ziel der Reichsreform bezeichnet wurde. Deutschland den Deutschen - Gesunde Deutsche der Ewigkeit!" Seit 1933 wurden wesentliche alldeutsche Politikziele verwirklicht, nun freilich von einer jüngeren Generation.

Rainer Herings verdienstvolle Untersuchung ist ein wichtiger Beitrag zur Kontinuitätsthese, zeigt sie doch vielfache Verbindungslinien und unmittelbare Anschlussstellen zwischen dem vorwiegend bürgerlich geprägten völkischen Nationalismus des späten Kaiserreichs und dessen militanten, radikalisierten, jugendlichen Abkömmlingen nach dem verlorenen Krieg, den antirepublikanischen Zerstörern der Weimarer Demokratie einschließlich ihrer nationalsozialistischen Totengräber.

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