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Adam und Eva, wie Albrecht Dürer sie sah.

Isaac La Peyrère

Vernichtung als himmlischer Auftrag

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Isaac La Peyrère erklärt 1642: Adam und Eva waren nicht die ersten Menschen, sondern der zweite Anlauf des Schöpfergottes. Es gab eine präadamitische Menschheit.

Bevor Gott am siebten Tage sich ausruhte von der Erschaffung der Welt, schuf er am sechsten Tage das erste Menschenpaar: Adam und Eva. So glauben Juden, Christen und Muslime.

Als Isaac La Peyrère im Frühjahr 1642 dem Kardinal Richelieu persönlich oder durch einen Freund – ganz genau ist das nicht überliefert – sein Manuskript über die Prä-Adamiten zukommen lässt, verweigert der eine Druckerlaubnis. Vor Adam soll es Menschen gegeben haben? Das widerspricht der biblischen Lehre, also dem Wort Gottes, so der Kardinal.

Zweifel am Wahrheitsgehalt der Bibel hatten eine lange Tradition. Schon früh war zum Beispiel Lesern der fünf Bücher Mose aufgefallen, dass der Mann unmöglich seinen Tod selbst hatte beschreiben können. Als die Neue Welt entdeckt wurde, über die ja kein Wort in der Bibel steht, tat sich ein neues Problem auf: Die Sintflut hatte bis auf acht Personen die gesamte Menschheit vernichtet. Alle Menschen mussten von ihnen abstammen. Wessen Nachkommen waren die Indianer?

Es hatte immer wieder Einwände gegeben, die biblische Schöpfungsgeschichte präsentiere die Entwicklung der Welt gar zu flott und geradlinig von der Erschaffung der Welt bis zu Adam. Sie verrate nichts über die Bewohner der anderen Gestirne, die der allmächtige und allgütige Gott sicher nicht öde und unbewohnt gelassen habe. Es gab nicht-biblische, aber tief in die Gedankenwelt der drei abrahamitischen Buchreligionen eindringende Überlegungen zu einem teuflischen Schöpfergott, der dafür gesorgt hatte, dass das Werk des guten Gottes immer wieder vom Bösen infiziert wurde.

Ein verbotenes, gerne auch öffentlich verbranntes Buch

Isaac La Peyrères Geburtsdatum weiß man nicht mit Sicherheit, selbst sein Name wird in den Quellen höchst unterschiedlich geschrieben. 1647 wurde er, bereits ein berühmt-berüchtigter Mann, ein „domestique“, ein Hausangestellter, des Prinzen von Condé. Das blieb er bis zu seinem Tode 1676.

La Peyrères 1655 erschienenes überall sofort verbotenes, gerne auch öffentlich verbranntes Buch „Praeadamitae – Systema theologicum“ war unter den Aufklärern seiner Zeit ein Bestseller. Grotius schätzte es, Spinoza hatte es in seiner Bibliothek. La Peyrère landete im Gefängnis, musste sich von seiner präadamitischen Lehre distanzieren, auch in einem persönlichen Gespräch mit Papst Alexander VII., musste seinen calvinistischen gegen den katholischen Glauben eintauschen. Für das Gerücht, seine Vorfahren seien aus Spanien gekommen und Juden gewesen, gibt es keinen Beleg. Woher auch? La Peyrères Lage hätte sich dadurch weiter verschlechtert.

Isaac La Peyrère bestritt nicht die Schöpfungsgeschichte. Er ergänzte sie. Er hatte eine verblüffende, theologisch schwer anfechtbare Begründung für seine Überzeugung einer präadamitischen Menschheit. Im 5. Brief des Paulus an die Römer steht: „Schon vor dem Gesetz war die Sünde auf der Welt.“ Das war stets darauf bezogen worden, dass Adam gesündigt und erst Moses das Gesetz gebracht hatte. La Peyrère wandte ein: Adam habe bereits gegen ein Gesetz verstoßen. Gegen das Verbot nämlich, vom Baum der Erkenntnis zu essen. Wenn die Sünde schon vor dem Gesetz da gewesen war, musste es eine präadamitische Menschheit geben.

La Peyrère spürt sie auch im Alten Testament auf. Er schreibt: 1. Mose 1, 26 – „Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich!“ – erzählt von der ersten, die gesamte Menschheit umfassenden Schöpfung. Die Geschichte im zweiten Kapitel des 1. Buches Mose ist keine Variante davon, sondern schildert eine zweite Schöpfung. Erst sie kreiert Adam. Der ist eben nicht Stammvater der Menschheit insgesamt, sondern nur der der Juden. Geschaffen „aus dem Staub des Erdbodens“, nicht wie der erste, der präadamitische Mensch, „aus demselben Urstoff, aus dem Gott die Erde insgesamt schuf“.

Der präadamitischen Menschheit hatte Gott nicht verboten, vom Baum der Erkenntnis zu essen. Sie war dem Bösen anheim gefallen. In seiner Güte mahnte darum Gott Adam, nicht vom Baum zu essen. Damit beginnt jene Geschichte, die kulminiert im Erlösungswerk Christi. Es ist eine jüdisch-christliche Geschichte. Für La Peyrère war die Heilsgeschichte nur noch ein kleiner Ausschnitt der Weltgeschichte. Christus nahm den adamitischen Sündenfall zurück. Er erlöste nur das auserwählte Volk. Die Präadamiten erlöste er nicht.

La Peyrère hatte die Bibel genau gelesen und wörtlich genommen und so ihre zentrale Botschaft ad absurdum geführt. Aus einer Universalbotschaft war eine Provinzposse geworden. Das ist mein Ausdruck. Für La Peyrère handelte es sich um einen Akt der Auserwählung. Der Menge der präadamitischen Menschheit wird ein auserwähltes Volk gegenübergestellt. Die Bibel erzählt dessen Geschichte. Nicht mehr die des Ganzen. Das war eine kopernikanische Wende in der Weltgeschichtsschreibung.

Sie bedeutete auch, dass es ein Leben gab jenseits der Offenbarung, womöglich gar ein Leben ohne Gott. La Peyrère glaubte nicht das, was die Kirchen ihm sagten. Er hatte sich einen eigenen Glauben geschnitzt aus Bibelstellen und ganz und gar unbiblischen Stellen. Man lese, wie er Gott dafür preist, dass er nach der ersten Schöpfung, die den Menschen nur das Leben schenkte, mit der zweiten Schöpfung dem Menschen den Weg in die Unsterblichkeit, in die ewige Seligkeit schenkt. Es sind hymnische Passagen. „Er bewirkte diese zweite und erneute Schöpfung kraft des Heiligen Geistes, der von Gott und der Geist Gottes selbst ist, aus seinem eigenen freien Willen, aus der Güte seines Wesens, der Güte gegenüber den Menschen und der reinen Gnade. Darin eben besteht seine Gnade, und diese ist ein Geschenk Gottes.“

Adam war für La Peyrère nicht mehr der Stammvater einer einzigen Menschheit. La Peyrère unterschied streng zwischen den Menschen der ersten und denen der zweiten Schöpfung. So wie Paulus unterschieden hatte zwischen den Kindern der Liebe und denen des Zorns. Die ersteren waren von Gott erwählt und geliebt worden, die zweiten verfolgte er mit seinem Zorn. Das ist noch freundlich ausgedrückt. La Peyrère sieht die Sache wesentlich schärfer: „Die größte Schmach für die Heiden bestand darin, dass sie von den biblischen Autoren allenthalben den Tieren gleichgestellt wurden, und Tiere standen nach allgemeiner Überzeugung unter den Menschen. Diesem äußersten Gegensatz zufolge standen die Juden über den Menschen und wurden als Götter bezeichnet.“

Im Buch Jesaja spricht Gott zum jüdischen Volk: „Ich liebe dich, und ich gebe Menschen für dich und Völker für deine Seele.“ La Peyrère schreibt: „Das bedeutet, ich werde dich sühnen und erlösen durch den Tod der Menschen und der Völker, das heißt der Heiden, die ich an Stelle wilder Tiere für dich opfern werde.“

Völkermord als himmlischer Auftrag steht ja durchaus in biblischer Tradition

Dem auserwählten Volk der zweiten Schöpfung, zu dem nach Tod und Auferstehung des Jesus von Nazareth die Christen wurden, sind die Menschen der ersten Schöpfung unterworfen nicht anders als die Erde, die sie sich untertan machen sollen. Den daraus sich gewissermaßen konsequenzlogisch ergebenden Gedanken der Vernichtung der Menschen der ersten Schöpfung durch die der zweiten, entwickelt La Peyrère nicht. Er wendet sich vielmehr gegen ihn. In einem weiteren Werk, schreibt er, werde er sich damit beschäftigen, wie „die Verwerfung der Juden“, die nicht bereit sind, in Jesus den Messias zu erkennen, zusammenhängt mit der Möglichkeit der Erlösung der Heiden. Auch der längst Verstorbenen. Das ist eine sehr interessante Volte.

Völkermord als himmlischer Auftrag steht ja durchaus in biblischer Tradition. Die ganze wohl eher fiktive Geschichte von der Eroberung des gelobten Landes ist ja nichts als das. La Peyrère wurde auch nicht müde, das auf Hunderten von Seiten zu beschreiben. Es war ihm wichtig, weil nichts den Abstand zwischen erster und zweiter Schöpfung deutlicher machte als die Selbstverständlichkeit, mit der der Herr seinem auserwählten Volk andere Völkerschaften zum Fraße vorwarf. Sie wurden geopfert wie Vieh.

So naheliegend die Verlängerung dieser Konzeption in die Praxis des europäisch-christlichen Kolonialismus auch lag, La Peyrère ist in diesem Buch diesen Weg nicht gegangen. Was wieder einmal zeigt, dass man einem Gedanken nicht die Konsequenzen vorwerfen sollte, zu denen er führt. Oder vielleicht doch dem Gedanken, nicht aber dem, der ihn hatte. Es gibt immer die Möglichkeit auszuscheren, zurückzuschrecken vor der Konsequenz.

Warum heute La Peyrère? Es gibt einen einfachen Grund. Im Verlag Frommann-Holzboog ist in der von Winfried Schröder herausgegebenen Reihe „Freidenker der europäischen Aufklärung“ La Peyrères „Praeadamitae – Systema theologicum“ in einer lateinisch-deutschen Ausgabe erschienen. Übersetzt und mit einer Einleitung herausgegeben von Herbert Jaumann und Raimund B. Sdzuj unter Mitarbeit von Franziska Borkert (zwei Bände, 1096 Seiten, 198 Euro). Es ist einer der großen Texte der europäischen Aufklärung, den man jetzt in einer deutschen Übersetzung lesen kann. Jede größere Bibliothek sollte ihn haben.

Dem Text der Präadamiten haben die Herausgeber zweihundert Seiten Dokumente hinzugefügt, die von der Vorgeschichte von La Peyrères Thesen über Weltentstehung und Bibelkritik über die Verbote in den fünfziger Jahren des 17. Jahrhunderts bis in die späte Rezeption des 18. Jahrhunderts reichen. Diese Texte sind alle – Lukrez ausgenommen – nur in den Originalsprachen abgedruckt. Ich quäle mich also zum Beispiel durch die Öffentliche Bekanntmachung des Verbots der „Präadamiten“ seitens der niederländischen Generalstaaten vom 26. November 1655. Das Buch stecke voller „verscheydene grouwelijcke ende lasterlijcke opinien, directelijck strydene tegens Godts Heylige Woort“. Ein solches Empfehlungsschreiben würde ich schon gerne besser verstehen.

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