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Vladimir Jabotinsky „Die Fünf“: Odessa zusehen beim Sterben

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Von: Christian Thomas

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Mord mit Publikum: Die Potemkinsche Treppe ist bei Jabotinsky der Ort einer „Zirkusvorstellung, wie sie niemand je gesehen hatte“.Foto: afp
Mord mit Publikum: Die Potemkinsche Treppe ist bei Jabotinsky der Ort einer „Zirkusvorstellung, wie sie niemand je gesehen hatte“.Foto: afp © afp

Eine kleine Ukraine-Bibliothek (10): Vladimir Jabotinsky: „Die Fünf“

Odessa vibrierte, doch die Leute sahen dem nicht mehr unbekümmert zu. Ihr Leben nicht mehr unbeschwert, von Tag zu Tag offensichtlicher die Veränderungen, etwa das Verhalten des Hauswarts oder das der Kinder der Herrschaften. Der Portier immer impertinenter. Und in den Schuhen der Bürgerkinder steckten die abgerissenen Schnürsenkel verkehrt in den Ösen. Unscheinbare Anhaltspunkte, im Rückblick untrügliche Anzeichen.

Odessa bebte. Denn es war eine in Unruhe versetzte Vielvölkermetropole, durch die im Jahr 1936 Vladimir Jabotinskys Roman „Die Fünf“ führte. In ihm nahm der Autor mit an oft abrupt wechselnde Schauplätze. Dorthin, wo im Jahr 1905 die Arbeiter aufbegehrten, sich Bürgerkinder den Bolschewiki anschlossen und die Hauswarte von der zaristischen Bürokratie als Spitzel und Schläger gedungen wurden.

Beritten und blutiger fielen über die Demonstrierenden die Kosaken her – womit der Roman auf historische Geschehnisse Bezug nahm: In vielen Details auf das Zarenreich um 1905, darunter Russlands Krieg gegen Japan, endend in einem Desaster. Auch auf Russlands Selbstherrlichkeit, die durch eine Revolution erschüttert wurde. Nicht zuletzt thematisiert sind mörderische Pogrome. Umso erstaunlicher, dass das Ende des „Frühlings“ in Odessa für den Erzähler wie aus dem Nichts auftritt. Es ist ein Auftritt, den ein politisches Attentat auf einen Repräsentanten Russlands auslöst, der im ukrainischen Odessa „mit unverhüllter Freude aufgenommen wurde“. Vielerlei Indizien, so dass es nicht recht plausibel klingt, wenn der Ich-Erzähler, ein Journalist, sich aus der historischen Distanz darüber verwundert zeigt, wie der „Alltag in unserer Stadt, der vor Kurzem so heiter und sorglos gewesen war“ in eine „Massentragödie“ umschlagen konnte.

Zur Welt gekommen 1880 in einer jüdisch assimilierten Familie Odessas, kündigte Vladimir Jabotinsky im Prolog von „Die Fünf“ einen Gesellschaftsroman auch über die „vorangegangene Epoche der jüdischen Russifizierung“ an, woran der Autor als einer der maßgeblichen Intellektuellen des Judentums ein besonderes Interesse hatte.

Im Roman bei einem Smaltalk die Bemerkung: „Wenn Sie schon eine Nation suchen, warum wollen Sie dann nicht Zionist werden?“ Obwohl ironisch gemeint, verweist die Sottise auf den Autor, den Zionisten Jabotinsky, der als Augenzeuge des Pogroms von Kischinew im Jahr 1905, dem Massaker an hunderten Juden auf offener Straße, zum Zionisten wurde. Ein Nachwort über Jabotinskys weitere politische Karriere, seine zunehmende Militanz, schließlich innerhalb der Untergrundorganisation Irgun, wo er ein Stratege und Attentäter war, wurde 2012, bei der Wiederentdeckung des Romans in der Anderen Bibliothek ebenso verpasst wie in der Taschenbuchausgabe, 2017. Sowie soeben in der 2. Auflage, 2022, im Jahr der Gewalt.

„Gwalt!“ entfährt es einem der fünf Geschwister, es ist ein Ausruf aus dem Jiddischen, Ausdruck des Schreckens und Erstaunens, der Angst ebenso wie des Protests. Trotz der auf Odessa lastenden „Gwalt“ ist allerdings das gewichtigste Thema in Jabotinskys Gesellschaftspanorama die Libertinage, wie sie im Haus der Milgroms gelebt wird. Auf Festen angelt sich Anna Michailowna unter den Augen ihrer Tochter einen Kavalier. Unter der Losung Libertinage steht das erotische Dasein, sie belebt das politische ebenso wie das kommerzielle Handeln.

Odessas kosmopolitische Bürgerwelt lebt ein mondänes Leben, das sich noch dazu aufpeppen lässt durch Manierismen. Aus anderen Gründen richten die Bauern alle Energien auf die Hafenstadt am Schwarzen Meer. Sie sind es, die Odessa nicht nur zu einem Wirtschaftszentrum in der Ukraine machen, sondern mit ihrem Getreide zum Knotenpunkt in einer global vernetzten Welt.

Die Reihe

Eine kleine Ukraine-Bibliothek, nicht chronologisch angelegt, nicht systematisch zusammengestellt, gedacht als Angebot zur Orientierung. Davon ausgehend, dass sich Schauplätze, ob fern oder fremd, durch Bücher von jedem Ort der Welt aus aufsuchen lassen. Der Punkt hier: die eigenen vier Wände. Darin der Kompass eingestellt auf Exkursionen durch Geschichte und Geschichten.

Vladimir Jabotinsky: Die Fünf. Roman. Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt erstmals 2012 in der Anderen Bibliothek. Aufbau Taschenbuch Nr. 3228, Berlin 2017. 288 S., 16 Euro.

Bereits im Regal: Das Igor-Lied, Serhii Plokhys „Die Frontlinie“, Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“, Walerjan Pidmohylnyjs „Die Stadt“, Oleksij Tschupas „Märchen aus meinem Luftschutzkeller“, Scholem Alejchems „Tewje, der Milchmann“, Oksana Sabuschkos „Schwestern“, Juri Andruchowytschs „Radio Nacht“ und Andreas Kappelers „Die Kosaken“.

Das elfte Buch wird Sherhij Zhadans „Internat“ sein.

Eine weitere Börse, eine der Erotik, ist das Theater: „,Sieh mal, dort rechts, die rothaarige kleine Jüdin in der dritten Loge: Wie ein Kätzchen im Muff!‘“ Von der ersten Romanseite an lässt die Männerwelt nicht ab von Marussja, sie ist deren koketter, gleichzeitig kumpelhafter wie kapriziöser Mittelpunkt. Von dutzenden Verehrern geküsst, Galanen auf dem Schoß sitzend, „durch viele Hände gegangen“, wird sie angehimmelt auch vom Ich-Erzähler.

Als Verkörperung der Verführung symbolisiert Marussja das berauschende Odessa. Wie sehr die Stadt eine Bühne ist, nicht nur auf dem Theater, im Salon oder auf der Straße, zeigt dramatisch der „Tag der Tage“, der die Hafenstadt bedrohende Auftritt des Panzerkreuzers Potemkin, historisch bezeugt, berühmt durch den Film Sergei Eisensteins. Am berühmtesten die Szene, in der inmitten des Massakers durch Soldaten und Kosaken ein Baby in einem Kinderwagen die mit Leichen übersäte Treppe Odessas hinabstürzt. Bemerkenswert, wie Jabotinsky nicht „eines der acht Weltwunder“ vernachlässigt, aber Eisensteins Einstellung ignoriert, um ein anderes Schauspiel zu inszenieren. Lagernd auf einem Rasen, bieten die Gewaltexzesse aus der sicheren Distanz eines erhöhten Parks dem Publikum eine „einzigartige Zirkusvorstellung, wie sie niemand je gesehen hatte.“ Odessa zusehen beim Sterben.

Idealisten halten ihre Ideen hoch, der Krieg im fernen Japan animiert zu fidelen Opernarien. Realisten machen Geschäfte, eine jüdische Bürgerwehr will organisiert sein. Revolutionäre üben, dazu schauen sie sich mit dem Revolver in der Hand im Spiegel ins Auge. Die rebellische Lika, die sich immerzu die Fingernägel abkaut, zieht als Bolschewistin in geheimer Mission durch Europa und geht, weil ihre Tarnung auffliegt, in einem zaristischen Gefängnis zugrunde. Marko, ein Schwärmer, aber auch ein „Schlimasel“, ein chronischer Pechvogel, verschwindet bei dem Versuch, eine Frau zu retten, spurlos in der vereisten Newa. Der unseriöse Serjosha wird, weil er sich mit zwei seiner Gespielinnen, mit Mutter und Tochter im Bett vergnügt, vom Ehemann und Vater mit Säure verätzt. Torik, der die hebräischen Lehrbücher mit dem Bleistift bearbeitet, konvertiert. Im allgemeinen Aufruhr auf den Straßen und in den Salons auch die Empörung gen Himmel: „Setz dich zur Ruhe, Alter, jetzt bin ich hier der Direktor.“

Fürchterlich trifft es Marussja, die in der Küche, weil ihr Kleid über dem Herd Feuer fängt, verbrennt. So hat seinen Auftritt denn auch ein schreckliches Schicksal. Es ist von einer erbarmungslosen Stringenz in einem Roman, der es mit der Stringenz der Erzählung nicht immer ernst nimmt. Will er auch spielen? Wo es doch darum geht, mit mindestens fünf Bällen zu jonglieren, nicht mit allen fünf Figuren gleichzeitig, aber doch circensisch in den Kulissen Odessas.

Überhaupt ist der Roman in 29 Kapiteln eine Szenenfolge. Am Ende ein großer Auftritt noch einmal für die Stadt, vom Meer aus, „die Küste zunächst noch im Nebel“. Die Annäherung ist auf eine Weise zart, wie man sie man so häufig nicht zu lesen bekommt. Wie zur Bestätigung, dass „Zärtlichkeit“ das Zauberwort war für Marussja und den Erzähler, auch in einer gemeinsam im Bett verbrachten, einer „zölibatären Nacht“.

Zartheit im Miteinander. Fingerspitzengefühl gegenüber dem Objekt Odessa, trotz aller „Gwalt“. Behutsamkeit als Anliegen eines verstörend empfindsamen Romans über den Anbeginn des Zeitalters der Extreme.

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