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Virtuose aus dem Totentanzgäßlein

Symbole und triftige Bilder: Adolf Muschgs Künstlerroman "Eikan, du bist spät"

Von MARTIN KRUMBHOLZ

"Ich bleibe bei der Ansicht", schreibt Sartre, "daß das Leben eines Menschen sich schließlich als Scheitern herausstellt; das, was er beabsichtigt hat, erreicht er nicht. Er schafft es nicht einmal, das zu denken, was er denken will, oder das zu fühlen, was er fühlen will?". Adolf Muschgs Künstlerroman Eikan, du bist spät liest sich wie ein reich instrumentierter Beleg dieser These. Der Protagonist Andreas Leuchter, ein Cellist und ein Intellektueller, scheitert an der Musik und an der Liebe. Die Erleuchtung, die sein Name zu versprechen scheint, bleibt aus - trotz einer Annäherung an fernöstliche Philosophien. Die Musik in ihrer Kompliziertheit widersetzt sich seiner Interpretation, die Frauen wie die schöne Japanerin Sumi Fujiwara laufen ihm davon. Vom Ehemann entwickelt er sich zum glücklosen Liebhaber, vom aktiven Cellisten zum Juror, zum Theoretiker. Am Schluss des Romans zerbricht, "was lebenslang seine Person gewesen war. Die Maske, die sein Gesicht zusammenhielt, sprang auf, und Tauwasser drängte durch die Risse. Er fühlte es aus den Augen laufen und durch die Finger."

An dem Spiel zerbrechen

Der Roman beginnt mit einem Brief, geschrieben im März 1987 von einem Aids-Kranken, dem Komponisten Roman Enders. Er hat Leuchter eine Suite gewidmet und verlangt, dass dieser sie in Paris uraufführe. Das Ansinnen oder der Anschlag steht in der Kontinuität eines Freund-Feindverhältnisses: Im Internat hat der raue Enders dem zarten Andreas (die Namen sind sinnfällig aufeinander bezogen: jeder ist der andere) brutal in die Hoden getreten, eine traumatisierende Gegen-Initiation, die zwar eine Freundschaft beendet, nicht aber eine lebenslange und fruchtbare Rivalität. Der musikalische Auftrag erscheint als eine späte Fortsetzung oder Bestätigung der frühen Attacke: Das Stück erweist sich auch nach vielem Üben als beinahe unspielbar. Aber es gibt anscheinend kein Entrinnen: "Wenn du kneifst, muß ich dir erscheinen." Der an Aids Sterbende lässt nicht mit sich scherzen. Die Partitur ist zu schwierig, besonders der dritte Satz, den der Interpret in seiner Not einfach auslässt, widersteht dem Versuch einer Übersetzung ins Hörbare, entpuppt sich förmlich als "Anweisung zum Mißgriff", wie ein schlauer Kritiker des Uraufführungsversuchs bemerkt; gerade deswegen, so dieser unerbittliche Musikphilosoph, müsse man an ihm "zu scheitern wissen." Wenn der dritte Satz unspielbar sei, hätte Leuchter ihn spielen müssen, "um an seinem Spiel zu zerbrechen."

Genau das scheint der unsichtbare Gegenspieler Roman Enders ja zu bezwecken. Der sterbende Wüstling, der Blender, wie Leuchter ihn sieht, gilt als Genie, als Musikdenker, dessen Stunde noch kommen werde. Leuchter dagegen werden am Ende immer schlechte Zeugnisse ausgestellt, ob er sich auf eine Herausforderung einlässt oder nicht. Auf Frauenbekanntschaften lässt er sich gern und immer wieder ein; der Tritt in die Hoden hat seiner Männlichkeit offenbar keinen Abbruch getan.

Die Ehefrau, die Atemtherapeutin Catherine, die Japanerin Sumi Fujiwara, die alleinerziehende Jacqueline mit ihrer Vorliebe für magische Steine, die androgyne Ayu: das sind nur einige der Frauen, die diesen Roman bevölkern und die Karriere eines homme à femmes ausmachen. Die rätselhafte Sumi hat Leuchter zum Konzert nach Paris begleitet, ist dort aber nach einem Bummel durch Nachtlokale plötzlich verschwunden; die Lücke, die sie hinterlässt, schließt sich über Jahre nicht mehr. Bei einem Nachwuchswettbewerb in Japan, bei dem Leuchter als Juror fungieren soll, trifft er sie wieder und verfehlt sie doch. "Sie mögen ein gewinnender Mensch sein, Herr Leuchter", schreibt ihm einmal eine andere Frau, "aber zu einem Mann fehlt Ihnen noch sehr viel." Adolf Muschg liebt Symbole und triftige Bilder. Das Cello, das Leuchter gern seinen Weißen Hai nennt, steht auch für eine raubtierhafte Männlichkeit. Vom deftigen Tritt in die Hoden über das mahnende Buddha-Wort, das dem Roman seinen Titel gibt: "Eikan, du bist spät", bis hin zum Zürcher Totentanzgäßlein, in dem der Held eine Wohnung bezieht, sind die Motive sorgfältig und mit Bedacht ausgewählt.

Problematische Männlichkeit

Als Roman über eine problematische Männlichkeit, um den es sich ebenso sehr handelt wie um einen Künstlerroman, steht das Buch in einer reichen Tradition von Max Frisch bis Louis Begley; aber in diesen Maßstäben zeigen sich auch seine Grenzen. Denn Muschg kann, so sehr er sich auch müht, einen spröden und akademischen Habitus als Erzähler nicht abstreifen. Den nicht wenigen lebensprall und opulent gemeinten erotischen Szenen fehlt es an sinnlicher Unmittelbarkeit, sie wirken verschwitzt und angestrengt, als handelte es sich um technisch anspruchsvolle Etüden. Oder als versuchte der Text eine Musik zum Klingen zu bringen, die der Leser nicht hören kann.

Auch mit der Ironie steht es nicht zum Besten. Es ist von "Galgenhumor und Selbstverkleinerung" die Rede und von einem "zu pechschwarzer Hochform" auflaufenden Witz. Aber die Proben dafür bleibt der Autor schuldig, obwohl sie, so lässt sich vermuten, dem Roman eine entscheidende Dimension mehr hätten geben können. Der vage optimistische Schluss kann dies nicht leisten. So bleibt es dabei, dass Muschg Sartres Verdikt episodenreich und akribisch illustriert - nicht zuletzt, indem er selbst die Probe aufs Exempel liefert und an dem Versuch scheitert, einen Roman zu schreiben, der nicht nur das Denkbare denkt, sondern auch den Leser fühlen lässt, was, angesichts der Misere des Daseins, zu fühlen wäre.

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