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Virginia Woolf, die in „Orlando“ eine grandiose Sternchen-Identität schuf.
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Virginia Woolf, die in „Orlando“ eine grandiose Sternchen-Identität schuf.

80. Todestag

Virginia Woolf: Orlando und die Finsternis

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Zur Zerrissenheit und Virtuosität von Virginia Woolf, die sich vor 80 Jahren das Leben nahm.

Am 24. März 1941 schrieb Virginia Woolf: „Leonard macht die Rhododendren“. Es war der letzte Eintrag in ihr Tagebuch. Vier Tage später geht sie durch den Garten ihres Hauses – Monk’s House in Rodmell in East Sussex – hinunter zum Fluß Ouse, stopft sich Steine in die Manteltaschen und ertrinkt.

Das schreibt sich so hin. Aber so schnell ertrinkt sich’s nicht. Es gibt keine Schilderung des Todeskampfes der 59-Jährigen. Ihr Ehemann Leonard Woolf, ein Linksintellektueller, Autor zahlreicher politischer Bücher und zusammen mit seiner Frau Eigentümer von Hogarth Press, einem Verlag, der 1919 abgelehnt hatte, den „Ulysses“ von James Joyce zu veröffentlichten, genau in dem Jahr, als sie Monk’s House ersteigerten. Unweit von ihnen in Charleston wohnte die Malerin Vanessa Bell, Virginia Woolfs Schwester, mit ihrem Geliebten Duncan Grant. Beider Häuser waren die ländlichen Stützpunkte der Bloomsbury-Gruppe. Es waren die Landsitze der englischen Moderne zwischen den beiden Weltkriegen.

Bevor Virginia Woolf zum Fluss ging, hatte sie noch eine kurze Notiz für ihren Gatten geschrieben.

Sie versichert ihm, dass er sie immer unterstützt habe, dass sie sich nicht vorstellen könne, dass irgend jemand anderes sich so geduldig ihrer angenommen hätte, wie er es tat. Sie schreibt: „Ich spüre, dass ich wahnsinnig werde ... Ich höre Stimmen, kann mich nicht auf meine Arbeit konzentrieren.“ Mehr muss sie kaum sagen. Die beiden wissen nur zu genau, worum es geht. Immer wieder haben sie über Suizid gesprochen.

Als Leonard Woolf Virginia Stephen einen Heiratsantrag machte, floh die erst einmal in den Wahnsinn. Fast zwei Jahre lang. Das war nicht das erste und nicht das letzte Mal. Die bedeutendste englische Autorin der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts litt unter einer bipolaren Störung. So sagt man heute. Man hat damit noch nicht viel mehr gesagt, als dass Virginia Woolf Phasen hatte, in denen in kürzesten Abständen euphorische und Zustände tiefster Verzweiflung einander ablösten. Sie rechnete einmal aus, dass „der Wahnsinn“ ihr fünf Jahre ihres Lebens abgeknöpft habe. Sie erklärte freilich auch, dass sie ohne ihn nicht die Autorin geworden sei, die sie sei.

Virginia Woolf hat den Wahn immer wieder geschildert. In ihren Romanen, in Tagebucheinträgen und Briefen. Sie hat sich nicht von ihm abgewendet, sondern ihn als dunklen Bruder betrachtet, als einen lebenslangen Begleiter. Die manisch-depressiven Phasen kosteten sie immense Kraft. Eine Autorin ist Autorin, weil sie etwas schafft. Sie ist Herrin der Lage: der Komposition im Ganzen, aber auch in jedem Detail. Wo steht ein Komma, wo steht ein Punkt? Sie entscheidet, welches das richtige Wort ist. Die Anfälle aber machten Virginia Woolf klar, wie wenig sie Herrin der Lage war. Wie ihr Witz, ihr Stolz, die Schärfe ihres Verstandes zusammenklappten und dem Gefühl völliger Nichtswürdigkeit Platz machten.

Wie das mit ihrem Frau-Sein zusammenhing, mit dem Frau-Sein in ihrer Epoche, mit der Diskriminierung der Frau, darüber dachte sie immer wieder nach. Sie probierte Erklärungen und Haltungen aus. Sie liebte Vita Sackville-West. Sie machte sie zum Romanhelden, zu „Orlando“. Ein Höfling und Liebhaber Elisabeths der Ersten, der sich in allen Künsten und Fertigkeiten, die in den anschließenden Jahrhunderten entwickelt wurden übt und dabei auch zur Frau wird. Die virtuose Beschreibung einer Sternchen-Identität – Autor*in – aus dem Jahre 1928.

Eine Zerrissene war sie immer. Gleichzeitig hochkonzentriert. Man kann das ihren Texten ansehen. Es gibt Seiten, auf denen sie dieselbe Sache, denselben Vorgang in immer wieder neuen Anläufen benennt, beschreibt. Man hat zunächst den Eindruck überbordender Virtuosität, dann kommt der Verdacht auf, die Autorin wäre sich unsicher und biete darum verschiedene Zugänge an. Bis man beginnt,Verzweiflung zu spüren. Egal, was man sagt, etwas von der Realität, etwas von dem, das man benennen möchte, entzieht sich immer.

Die Selbsttötung war immer ein Thema. Als die Woolfs angesichts der deutschen Luftangriffe auf London sich ganz ins Monk’s House zurückzogen, da diskutierten sie darüber, was sie tun würden, wenn die Deutschen England eroberten. Der Jude Leonard sprach davon, sich mit Hilfe von Autoabgasen umzubringen. Der Suizid musste keine Sache der Depression sein. Es konnte auch sehr vernünftige Gründe dafür geben. Für Virginia Woolf waren wohl zu viele zusammengekommen. Vielleicht hatte sie zudem das Gefühl, diesmal werde sie nicht mehr wirklich herauskommen aus dem Wahnsinn.

Die Eheleute diskutierten auch darüber, wer sich zuerst das Leben nehmen solle, für wen von beiden das Überleben schwieriger sein werde. In einem Gespräch meinte Leonard, er werde sie nicht überleben können. Niemand weiß über sich Bescheid. Leonard Woolf starb 1969 im Alter von 88 Jahren. Im Abschiedsbrief seiner Frau vom 28. März 1941 hatte gestanden: „Was ich sagen möchte, ist, dass ich alles Glück in meinem Leben Dir verdanke.“

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