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Viktor Schklowski: „Zoo“ – Ein russischer Exilant in Berlin, ziemlich verliebt

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Von: Katharina Granzin

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Wer nicht über die Liebe schreiben darf, schreibt vielleicht übers Berliner Wetter: Hauptstadttaube auf vereister Straße.
Wer nicht über die Liebe schreiben darf, schreibt vielleicht übers Berliner Wetter: Hauptstadttaube auf vereister Straße. © AFP

Viktor Schklowskis berühmter experimenteller Briefroman „Zoo“ erscheint hundert Jahre nach Entstehung erstmals wieder in der Urfassung.

Es kann als sehr wahrscheinlich gelten, dass Viktor Schklowski (andere eingeführte Schreibweise: „Šklovskij“) wirklich verliebt war in Elsa Triolet, geborene Ella Kagan, als er 1922/23 im Berliner Exil saß und für seine überbordende Kreativität einen interessanten Anwendungsfall benötigte. Hätte es diese Liebe nicht gegeben, hätte er sie wohl erfinden müssen, und sei es nur, um einen Grund zu haben, dieses Buch zu schreiben. Es dreht sich um („handelt von“ wäre ein unpassender Terminus) eine Liebe, von der zu sprechen dem Autor angeblich verwehrt ist, und die von der Umworbenen nicht erwidert wird.

Viktor Schklowski hatte noch vor der russischen Revolution die „Gesellschaft zur Erforschung der poetischen Sprache“ (OPOJAZ) mitbegründet, Keimzelle der wohl einflussreichsten literaturwissenschaftlichen Denkschule des 20. Jahrhunderts: des russischen Formalismus. Krieg und Revolution forderten ihm zwischenzeitlich jedoch anderweitiges Engagement ab. Er wurde Soldat, wechselte als solcher während der Revolution auf die Seite der Aufständischen, schloss sich später den Sozialrevolutionären an und wurde darum von den Bolschewiken als „Konterrevolutionär“ verfolgt. Über die zugefrorene Ostsee floh er aus der Sowjetunion nach Finnland und kam im Sommer 1922 nach Berlin. Seine Ehefrau war in der Heimat zurückgeblieben.

In Berlin lebten in den Jahren nach der Oktoberrevolution etwa 300 000 Russen und Russinnen im Exil, die meisten ohne engeren Kontakt zur einheimischen Bevölkerung, wie Schklowski in „Zoo“ mehrfach betont. „Wir leben auf einem Haufen inmitten der Deutschen wie ein See inmitten seiner Ufer“, schreibt er. Sicher fühlte er sich ein wenig wie ein Fisch auf dem Trockenen, in diesem fremden Land mit seinen seltsamen Sitten, „wo eine Hose vorn eine Falte braucht und die ärmeren Leute ihre Hosen über Nacht unter die Matratze legen“.

Aber auch in der russischen Berliner Parallelgesellschaft wurden Geschäfte betrieben, Werbung gemacht, Druckwerke aller Art publiziert; Schklowski fand bezahlte Arbeit als Texter, schließlich sogar eine Festanstellung. Aber zweifellos hatte er noch eine Menge intellektueller Kapazitäten übrig. Einen Teil davon kanalisierte er in dieses ganz und gar eigenartige kleine Buch, das 1923 im Exil, in abgewandelter Form dann 1924 erstmals in der Sowjetunion erschien.

Alles, was je dazugehörte

Das Buch

Viktor Schklowski: Zoo – Briefe nicht über Liebe oder Die dritte Héloïse. A. d. Russ. v. Olga Radetzkaja. Guggolz, Berlin 2022. 189 S., 22 Euro.

In späteren Jahrzehnten erlebte es weitere Auflagen, von denen jede sich von den vorangegangenen in der Textzusammenstellung unterschied. Dasselbe galt für die deutschen Ausgaben, die sich jeweils an der aktuellsten sowjetischen Version orientierten. Und nun, fast genau hundert Jahre nach Abfassung des Buches, kehrt die von Olga Radetzkaja besorgte und übersetzte Neuausgabe zurück zur Urfassung von 1923 – und enthält auch alle anderen Texte, die je in einer der zahlreichen „Zoo“-Ausgaben veröffentlicht wurden. Die Übersetzerin hat ein lesenswertes Nachwort über diese überaus bewegte Publikationsgeschichte verfasst.

„Zoo“ ist ein Buch, das sich ausgibt als „Briefroman“, wobei sowohl „Brief“ als auch „Roman“ einzeln ebenfalls Anführungszeichen verdienten. Einen herkömmlichen Liebes- oder Brief-roman hätte ein radikaler literaturtheoretischer Neuerer wie Schklowski selbstverständlich nicht schreiben können. „Wie eine Kuh eine Weide abgrast, so werden auch literarische Themen abgegrast, Verfahren verschlissen und abgenutzt“, erklärt er an einer Stelle. „Die Kunst braucht neues Material.“

Am Beginn von „Zoo“ steht ein Brief, den eine junge Frau, im Buch Alja genannt, aus Berlin an ihre Schwester in Moskau schreibt. Darin ist die Rede von einem Verehrer, der ihr täglich mehrmals schreibe, den sie aber nicht liebe. Der Großteil des Buches besteht aus jenen Briefen des Verehrers, also des Autors, der, da ihm von der Adressatin verboten wurde, über Liebe zu schreiben (was er nicht immer durchhält), stattdessen über alles Mögliche sinniert, theoretisiert, erzählt, schwadroniert; über das Emigrantendasein, über Berlin und sein Wetter, über Schriftstellerkollegen, Autos mit Elektromotor, Fragen der Kultur und Literatur.

Das literarische Verfahren des Briefschreibens verfremdet Schklowski (der den Begriff der „Verfremdung“ für die Literatur-wissenschaft überhaupt erst erfand) auf vielfältige Weise – zum einen, indem die Inhalte dieser „Briefe“ oft so unpersönlich allgemein sind, dann wieder so dozierend, mal satirische Einsprengsel enthaltend und oft scheinbar ganz assoziativ ausfallend, dass die Existenz einer Adressatin völlig irrelevant erscheint. Zum anderen lässt der Verfasser durchscheinen, dass der Schreibanlass ein anderer als der behauptete ist; es sich nämlich gar nicht um „echte“ Briefe handelt als vielmehr um ein Buch: „Mein Buch soll Deinen Namen umgeben, es soll sich um ihn legen wie ein breiter [...], niemals welkender Kranz.“

Die Adressatin ihrerseits (oder aber der Autor in ihrem Namen) schilt ihn in einem ihrer seltenen Antwortschreiben: „Liebesbriefe schreibt man nicht zum eigenen Vergnügen, so wie ein richtiger Liebhaber auch nicht an sich denkt bei der Liebe.“

Die Liebe zu Elsa Triolet, die er auch als Autorin sehr schätzte, hatte Viktor Schklowski jedenfalls nach eigenem Bekunden relativ bald hinter sich gelassen. Außerdem war er ja schon verheiratet. Er durfte 1923 in die Sowjetunion zurückkehren und starb hochbetagt im Jahr 1984. Elsa Triolet aber ging nach Frankreich, wurde die Ehefrau von Louis Aragon und eine preisgekrönte französische Schriftstellerin.

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