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In allem steckt der Gedanke der Vergeblichkeit.

"Ein gerader Rauch"

Vietnam und kein Zurück

Denis Johnsons gewaltiger Roman "Ein gerader Rauch" taucht ein in den Kriegsalptraum.

Von CHRISTOPH SCHRÖDER

Eines Tages, es ist das Jahr 1966, hält ein Wagen neben einer Gruppe von Soldaten, die gerade auf Urlaub sind. Ein Admiral in Uniform kurbelt die Scheibe herunter und ruft: "Amüsiert ihr Arschlöcher euch auch anständig?" "Jawohl, Sir!", so lautet die Antwort. ",Das will ich hoffen', sagte der Admiral. ‚Auf Arschlöcher wie euch kommen nämlich harte Zeiten zu.' Er kurbelte das Fenster wieder hoch und fuhr davon."

Der Vietnamkrieg ist ein Mythos, der vor allem durch zahlreiche Filme Eingang in die Populärkultur gefunden hat. Nun hat sich mit Denis Johnson einer der bedeutenden amerikanischen Gegenwartsautoren der Sache angenommen und mit "Ein gerader Rauch" einen knapp 900 Seiten starken Roman vorgelegt, der am Tag der Ermordung John F. Kennedys einsetzt und, nach einem Zeitsprung, der dreizehn Jahre auslässt, schließlich im Jahr 1983 endet. Und man muss sich selbstverständlich fragen: Warum nimmt Johnson sich diesen Stoff vor, der im Grunde ausgereizt und abgearbeitet zu sein scheint?

Die Motivation wird bereits nach wenigen Seiten deutlich: Weil dies eindeutig dunkles Johnson-Terrain ist; weil der Krieg und alles, was damit zu tun hat, sich umstandslos in das Gebiet mythologischer Erhöhung und göttlicher Verdammung rücken lässt. Und da kennt Johnson sich aus wie außer ihm vielleicht nur noch Cormac McCarthy.

Allein schon der Titel ist eine biblische Referenz: "Ich werde wunderbare Zeichen wirken am Himmel und auf der Erde: Blut und Feuer und Rauchsäulen", heißt es im dritten Kapitel des Buch Joel - "Rauchsäulen", wörtlich übersetzt: "Ein gerader Rauch". Und von alttestamentarischer Wucht ist auch das, was Johnson über seine Figuren kommen lässt. Das Aufgebot an Protagonisten ist, gemessen am Umfang des Romans, relativ überschaubar. Dass es dennoch Zeit und Geduld braucht, bis man sich einigermaßen zurechtgefunden hat, liegt daran, dass Johnson in Perspektive und Chronologie permanent hin- und herspringt. Nicht Aufklärung oder gar explizite Anklage hat dieser Roman im Sinn, sondern, so paradox das klingen mag, eine hochgenaue Darstellung von Desinformiertheit und Richtungslosigkeit.

Im Zentrum all dessen steht Colonel Sands, eine riesenhafte Figur (die ohne Joseph Conrads "Herz der Finsternis" kaum denkbar wäre, wie auch Bilder und Motive von Hollywood-Verfilmungen zu Johnsons Repertoire gehören), eine menschliche Legende, die seit dem Zweiten Weltkrieg Südostasien nicht mehr verlassen hat; ein strammer Antikommunist, der alles gesehen und erlebt hat und nun, in den Wirren des Krieges, einer Abteilung namens "PsyOps" vorsteht, die sich aus allen Befehlshierarchien und Kontrollmechanismen verabschiedet zu haben scheint; Aufgabengebiet (wenn man es überhaupt so nennen darf): psychologische Unterwanderung des Feindes, gezielte Desinformation.

Wie besessen sammelt der Colonel Fakten über Personen. Die hortet er in einer Sammlung von Karteikarten, deren Struktur nur er selbst versteht. Unter dem Arbeitstitel "Ein gerader Rauch" entwickelt er ohne Auftrag und Rückendeckung Strategien für den Einsatz eines Doppelagenten in Nordvietnam. Das Motiv des Verrats durchzieht den gesamten Roman in unterschiedlichen Varianten.

Der Colonel beordert seinen Neffen Skip Sands, einen jungen CIA-Agenten, in die Region. Man trifft Verbindungsleute, man diskutiert Aktionen, man philosophiert über das Wesen des Krieges und des Kampfes. Allein - was all das soll, scheint niemand so recht zu wissen: "Ich dachte, das ist eine Aufklärungseinheit." "Ist es nicht. Wir wissen auch nicht, was das ist."

Hin und wieder bekommt das beinahe komische Züge. Skip beispielsweise wird auf einen Priester angesetzt, der angeblich mit Waffen handelt. "Irgendwann erwachte Sands aus einem Traum von biblischer Kraft, einem prophetischen Traum, plötzlich erfüllt von der Gewissheit, dass die Insel Mindanao für die Vereinigten Staaten nicht von Interesse war, der katholische Priester keine Waffen an Moslems verkaufte und das Leben ihn - Skip Sands, den stillen Amerikaner, den hässlichen Amerikaner - an diesen Ort zitiert hatte, damit er im Blick auf alle zukünftige Arbeit seinen Horizont erweiterte. Denn hier gab es gegenwärtig nichts für ihn zu tun."

Der Priester wird schließlich von einem deutschen BND-Agenten per Blasrohr exekutiert, warum auch immer. Die Geheimdienstlogik ist eine Logik, die ausschließlich sich selbst erzeugt.

Mehr als 300 Seiten ist "Ein gerader Rauch" sozusagen ein Vietnamkriegsbuch ohne Krieg. Das ändert sich schlagartig. In einem parallelen Erzählstrang wird die Geschichte der Brüder Bill und James Houston erzählt. Während Bill unehrenhaft aus der Marine entlassen wird und in der Folge in den USA ein Leben als kleinkrimineller Säufer führt, entwickelt sich der zu Beginn noch minderjährige James zu einer brutalen Kampfmaschine, der freiwillig ein Jahr nach dem anderen als Soldat im Dschungel bleibt und später unter Zwang nach Hause geschickt wird, wo er geradezu erbärmlich untergeht. In James und seiner stupiden Unerbittlichkeit bricht sich symbolisch die aufgestaute Gewaltbereitschaft einer Nation Bahn. Und hier erfährt man auch die Wut, die der Schriftsteller Denis Johnson darüber verspüren mag. Was all diese Figuren eint, ist die Tatsache, dass sie jegliche innere Verbindung mit der Welt außerhalb ihrer Kriegsrealität verloren haben - und sich dessen in desillusionierter Selbstbetrachtung auch bewusst sind.

"Ein gerader Rauch" ist nicht Denis Johnsons bestes Buch; es fehlt ihm die Traurigkeit einer so wunderbaren Novelle wie "Train Dreams" und die sprachliche Prägnanz seines Romans "Schon tot". Und doch spricht viel für diesen irritierenden neuen Roman. Zum Beispiel, dass er sich im zweiten Teil unvermutet zu einem spannenden Agententhriller ausweitet. Vor allem aber strahlt "Ein gerader Rauch" in seinen starken Szenen eine Unheimlichkeit aus, die ihresgleichen sucht.

In allem, was geschieht und nicht geschieht, im Morden, im Beten und im Kämpfen, steckt von Beginn an sowohl der Gedanke an die Vergeblichkeit als auch die Sehnsucht nach Erlösung, nach Transzendenz; ein Gedanke, der Denis Johnsons gesamtes Werk leitmotivisch begleitet. So laufen die Menschen durch eine Welt, ohne Halt und auch ohne Gnade.

Der Vietnamkrieg, das zeigt sich vor allem im letzten Kapitel, ist ein Alptraum, aus dem niemand, der ihn einmal geträumt hat, wieder aufwacht. Die Biografien von Johnsons Protagonisten enden im Tod, im Nichts oder im Dickicht des Dschungels. "Alle werden erlöst. Alle werden erlöst" - so lauten die Schlussworte des Romans "Ein gerader Rauch". Ein in diesem Fall buchstäblich frommer Wunsch.

Denis Johnson: Ein gerader Rauch. Aus dem amerikanischen Englisch von Bettina Abarbanell und Robin Detje. Rowohlt Verlag, Reinbek 2008, 880 Seiten, 24,90 Euro.

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