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Texas, 2008. Die Männer saßen oft in Haft, "das Leben der Frauen war geprägt von Zwangsräumungen".

Literatur

Die vier Wände

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Matthew Desmonds Buch "Zwangsgeräumt" erzählt fundiert und erschütternd vom Recht auf Wohnen.

Man braucht einen Moment, um zu erkennen, dass der Titel dieses Buches nicht einfach auf eine graue Fläche gedruckt ist. „Zwangsgeräumt“ heißt es. Auf dem Schutzumschlag sieht man eine Wand mit hellen eckigen und runden Flecken: Als seien Bilder abgenommen worden. Als gehörte sie zu einer verlassenen Wohnung. Um die eigenen vier Wände, das notwendige Zuhause des Menschen, geht es in diesem Buch. Es ist ein außerordentliches Werk, glänzend geschrieben, gehaltvoll und aufklärerisch. Und bewegend. Gerade jetzt, da es immer drängender wird, die Menschen in den USA zu verstehen, da wir aber auch längst wissen, dass viele Entwicklungen von dort zumindest abgeschwächt auch in Europa ankommen, bereichert diese Lektüre nicht nur, sie macht Angst. 

Das Cover mit der traurig leeren Wand wurde von der amerikanischen Originalausgabe übernommen, die 2017 den Pulitzerpreis gewann. „Dieses Buch ist ein nichtfiktionales Werk“, lautet der erste Satz von Matthew Desmond. Er ist Soziologe, sein Forschungsschwerpunkt ist die Armut mit ihren Ursachen und Folgen. Er hat von Mai 2008 bis Dezember 2009 in den ärmsten Vierteln von Milwaukee recherchiert. 

Feldforschung nennt man die Methode, die er anwendete, er begab sich direkt in sein Untersuchungsgebiet. Desmond zog in einen Trailerpark und bekam in seinem Wohnwagen mit, wie der Besitzer die Bewohner hinhielt, wenn es um Reparaturen ging, jedoch immer pünktlich die überteuerte Miete verlangte und jede Stundung mit erheblichen Zinsen belegte. Desmonds Nachbarn erzählten ihm von ihren Abstürzen durch Arbeitsplatzverlust, Scheidung, Krankheit, Alkohol- oder Drogenabhängigkeit. 

Nach ein paar Monaten zog der Autor in ein Wohnviertel nahe der Innenstadt. Diesmal wählte er einen anderen Weg und bat zunächst eine Hausbesitzerin, sie begleiten zu dürfen, als „so etwas wie dein Lehrling“. Sie, die erfahren hatte, dass der Erwerb und die Vermietung von Immobilien weit einträglicher sind, als es ihr früherer Beruf als Lehrerin war, öffnete sich ihm schnell. Denn sie war der Meinung harte Arbeit zu verrichten, indem sie Geld eintrieb, wegen säumiger Mieter vor Gericht zog, neue Häuser dazukaufte und – Wohnungen zwangsräumen ließ. Auch hier wurde der Autor Vertrauter der Familien, als er in die Nachbarschaft zog. Er erlebte, wie Familien nicht mehr kochen konnten oder duschen, weil ihnen Strom und Gas abgestellt wurden, weil sie die Rechnungen nicht bezahlt hatten. 

Der Autor sieht die Menschen auf der Straße

Sein Vorgehen erklärt Matthew Desmond am Ende ausführlich. Davor stehen vierhundert Seiten, auf denen er zehn Protagonisten sehr nahe kommt. Wie ein guter Reporter es kann, verwandelt Desmond seine Beobachtungen in eine lebendige Erzählung. Die Zitate sind fast alle verbürgt, denn er war stets mit Notizblock und Diktiergerät unterwegs. Szenen, bei denen er nicht anwesend war, hat er sich jeweils von verschiedenen Personen nacherzählen lassen – und das gekennzeichnet. 

Er schreibt nicht als Ich, sondern aus der Beobachterposition heraus, er ist so nah an den Menschen, weil er sie so gut kennengelernt hat: Die alleinerziehende Mutter Arleen, die von Zwangsräumung bedroht, auf der Wohnungssuche eines ihrer Kinder verschweigt. Lamar, der Wohnungen renoviert, um bei der Vermieterin einen Nachlass zu bekommen, aber dann verlacht wird, weil die Arbeit nicht perfekt genug ausfällt. Patrice, die in ihrer Verzweiflung, dass kaputte Abflüsse monatelang nicht repariert wurden, die Hälfte der Miete einbehält und prompt verklagt wird. Larraine, die sich nach den Hilfsprogrammen erkundigt: Das eine greift nur, wenn man nachweist, einen „plötzlichen Einkommensverlust“ erlitten zu haben, etwa durch Scheidung oder Kündigung und nur, wenn minderjährige Kinder im Haushalt leben. Das andere gilt für Menschen, die belegen können, die Kosten bald wieder selbst zu tragen. 

Der Autor ist bei Zwangsräumungen dabei. Er sieht die Menschen auf der Straße. Er erzählt, was er an Geschichten erfährt. Er verschweigt nicht, wenn die Mieter unklug Geld ausgeben, wenn sie tricksen und dadurch ihre Probleme verstärken, wenn sie auf Betrüger hereinfallen. 

Zu Beginn seiner Recherche war die Finanzkrise bereits im Gange. In den USA hatte sie mit dem „Platzen der Immobilienblase“ angefangen. So lief das ab: „Mieter wurden dazu verlockt, beim Hauskauf schlechte Immobilienkredite abzuschließen, und Eigenheimbesitzer wurden ermutigt, risikoreiche Hypotheken aufzunehmen.“ Matthew Desmond zeichnet ein deutliches Bild der US-amerikanischen Gegenwart. Es sind Zeiten, da Familienmitglieder einander nicht mehr helfen.

Die schreiende Ungerechtigkeit, die er aufdeckt, besteht darin, dass die Armen praktisch keine Chance haben, der Not zu entkommen. Wenn sie zur Unterstützung Gutscheine erhalten, „housing vouchers“, haben die Vermieter das Recht, von ihnen mehr zu verlangen, als von den selbst zahlenden Interessenten. 

Nicht selten im Gefängnis

Der Soziologe fand auch heraus, dass bei vergleichbarer Größe der Unterschied zwischen den teuersten und den billigsten Wohnungen in der Stadt nur 270 Dollar betrug. Und noch etwas: Die Armut betraf vor allem schwarze Familien, jedoch mit unterschiedlichen Auswirkungen. Die Abwege vieler Männer aus den Armenvierteln führten nicht selten ins Gefängnis. Das Leben der Frauen „war geprägt von Zwangsräumungen“. 

„Zwangsgeräumt“ ist ein Sachbuch im besten Sinne, lehrreich und logisch geschrieben. Es ist auch ein politisches Buch, weil der Soziologe sich nicht scheut, über sein Feld hinaus zu blicken: „Ausbeutung“, schreibt er, sei ein Wort, das aus der Debatte um Armut gestrichen wurde. „Es ist ein Wort, das ausdrückt, dass Armut mehr ist als das Ergebnis von niedrigem Einkommen. Armut ist auch ein Produkt gewinnorientierter Märkte.“ 

Milwaukee, am Ufer des Lake Michigan schön gelegen, attraktiv durch viele Museen und die Innenstadt-Architektur, ist nach Detroit die zweitärmste US-Stadt mit mehr als 500 000 Einwohnern. Tausende Industriearbeitsplätze sind verschwunden. Die Firmen, die Zwangsräumungen vornehmen, florieren. 

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