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Vielleicht der Wein

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Der Mediävist Jacques LeGoff sucht nach den Ursprüngen Europas und dem moralischen Stellenwert des Lachens

Die Kapitel von Jacques LeGoffs Buch über Die Geburt Europas folgen einem biografischen Schema: Das erste beschreibt die "Empfängnis Europas" vom 4. bis zum 6. Jahrhundert, darauf folgt offenbar eine Fehlgeburt (das "fehlgeborene Europa") im 8. Jahrhundert, dennoch beginnt danach eine glückliche Jugend, in der Europa sich selbst entwirft, "erträumt"; im Erwachsenenalter reift es dann zum "schönen Europa", endlich mündet seine glückliche Vorgeschichte in den "Herbst des Mittelalters". Immerhin: Das Mittelalter musste sterben, damit "die Geburt Europas" erst wirklich vonstatten gehen konnte.

Mit dieser biografischen Metaphorik macht LeGoff das Mittelalter zum Ahn des modernen Europa. Die "Genese Europas als Realität und als Vorstellung" beginne nicht erst in der Neuzeit, sie liege im Mittelalter, "ohne dass die Menschen jener Jahrhunderte die Idee oder den Willen gehabt hätten, ein einheitliches Europa zu schaffen". Vielmehr war es gerade die Tendenz dieser frühesten europäischen Geschichte gewesen, eine Vielfalt von Staaten zu entwickeln, deren starkes Selbstbewusstsein zueinander in Konkurrenz trat. Das wichtigste Erbe, das die europäische Staatengemeinschaft aus dem Mittelalter überliefert bekommen habe, sei deshalb auch "die Verknüpfung der potenziellen Einheit mit einer fundamentalen Vielfalt, die gemischten Bevölkerungen, die Spaltungen und Gegensätze zwischen Osten und Westen, Norden und Süden, die ungewisse Ostgrenze, das einigende Primat der Kultur".

LeGoff wäre nicht der gern gelesene Historiker, wenn er es bei dieser unumstößlichen, aber pauschalen Behauptung bewenden ließe. Anschaulicher werden schon die Argumente, mit denen er beweist, dass selbst von der Antike her bis in die Gegenwart Überlieferungen immer fortwirken, die andere Kultur kaum kennen oder die sie anders geprägt haben. Das einigende Band des historischen und gegenwärtigen Europa liegt, so stellt LeGoff fest, im Lebensgenuss: Der Wein ist das Getränk, das die Europäer seit der Antike verbindet (dass die Engländer leicht zum Störenfried in der EU werden, dürfte also daran liegen, dass sie, was der französische Wissenschaftler geflissentlich übersieht, von diesem Trank noch nicht genug genossen haben). Aus der Tiefe der griechischen Vergangenheit sei auch der einigende Name geblieben, Griechenland habe zudem die Figur des Helden geschaffen, für die sich das Christentum eine sadistisch-masochistische Variante ausgedacht habe: den Märtyrer. Aus Rom hingegen übernimmt das europäische Abendland viele Einflüsse aus der Sprache, die Kriegskunst, in der Architektur die Steinkonstruktion, den Gegensatz von Stadt und Land, das System wissenschaftlicher Klassifikationen, vor allem die Gliederung des Wissens in die semptem artes liberales.

Ausgestattet mit diesem Erbe, beginnt Karl der Große mit dem Bau Europas, jedoch gerät ihm dieser, so zumindest sieht es LeGoff, zum Fehlstart. LeGoff hat in diesem Punkt einige Mühe, die Rolle des Fachmannes zu behaupten, der es besser weiß als seine Kollegen. Die Kaiserkrönung Karls 800 war nie anders als auch ein Versuch des Papstes verstanden worden, das römische Reich zu tradieren; mit der Feststellung, dass Karl seine Hand vor allem auf die Ostgebiete ausgestreckt habe und "der größte Teil der unter dem Namen ,Germania' zusammengefassten Gebiete ihm entzieht", bringt LeGoff nichts Neues und formuliert es nur so, als widerspräche er anderer Meinung. LeGoff selbst vergisst hier, dass er Europa auf dem Weg zur Einigung darstellen wollte und nicht schon geeint.

Die politische Entwicklung zur Einheit ist LeGoff ohnehin weniger interessant als die kulturelle, die sich schon früh abzeichnet. So bedeutet es ihm viel, dass Karl der Große sich anschickte, "das Geld zu vereinigen, indem er ein Währungssystem auf der Basis der Silbermünze, des Denar, einführte" und eine "Rechtsgemeinschaft" begründete.

Die Vielfalt der Nationen, die LeGoff selbst als den Wesenszug des Gebildes "Europa" vorstellt, verbindet ohnehin am ehesten die Kultur. Der Stadt, den Universitäten und Schulen, dem Mönchswesen, vor allem den Bettelmönchen, die wandernd Europa verbanden, widmet daher LeGoff ausführliche Referate. Er skizziert die Entwicklung dieser Institutionen über die Longue Durée der gesamten Epoche hinweg. Neue wissenschaftlichen Ergebnisse vorzustellen liegt nicht in der Absicht seines Buches. In der These, die Einheit Europas bestehe seit der Antike und überdauere das frühe Mittelalter, bis sie in der Neuzeit zum Regulativ des politischen Handelns werde, besteht schon die Provokation, die das Buch wagt - und die so aufrührerisch auch wieder nicht ist. Als Lenker dieser Idee fasst LeGoff alle Gedankengänge und Erkenntnisse der historischen Wissenschaften zusammen und leitet sie dem Begriff des einen vereinten Europas zu.

LeGoffs Buch erscheint in der Editionenreihe "Europa bauen", an der sich Verlage aus Deutschland, England, Italien, Frankreich, Spanien beteiligen und die er selbst herausgibt. Seine Geburt Europas ist eine Enzyklopädie, die für die bereits erschienenen Einzeldarstellungen eine Art Grundinformation und Programm bereitstellt. Das hat für LeGoff, der gern Seitenwege aufsucht und sich im Unterholz der Kulturen verliert, um von dort Seltsamkeiten mitzubringen, den Nachteil, dass er diesmal recht kursorisch bleiben muss. Das Buch, in dem er freilich nie auf Anekdoten, auf exemplarische Szenen und markante Figuren verzichtet, in denen sich seine Idee von der Frühgeburt Europas veranschaulich lässt, liest sich dennoch eher wie ein Repetitorium zur Geschichte des Mittelalters.

Un autre Moyenage - "Ein anderes Mittelalter" nannte LeGoff eine Sammlung seiner Aufsätze, und wer den Kursus über das andere Mittelalter der europäischen Einigung hinter sich gebracht hat, kann sich Aufsätzen aus diesem Band zuwenden, von denen der Verlag Klett-Cotta drei über Das Lachen im Mittelalter herausgebracht hat. Ein fortwährender Kampf zwischen Erlaubnis und Verbot des Lachens beschäftigt das Mittelalter. Die Parteien formieren sich im Zeichen des Aristoteles oder Christus und tragen damit den Streit zwischen Antike und Christentum aus. Aristoteles erhob das Lachen zur spezifischen Auszeichnung des Menschen. Das Christentum stolpert über die Frage, ob Christus je gelacht haben könne, und gerät in Verlegenheit, wenn es des Aristoteles anthropologische These auf den Menschensohn anwendet.

Doch nicht nur die Kirche müht sich mit der Frage der Gebührlichkeit des Lachens ab, entscheidet sich erst gegen das Lachen und feiert es dann wieder als joca monachorum; das Lachen wird im Prozess der Zivilisation überhaupt zum Problem, das sich vor allem im Zusammenhang mit den Tischsitten stellt. Lachen kann aber auch als Herrschaftsinstrument genutzt werden, der freundlich-witzige König ist dann der gute König. Heinrich II. von England etwa, "von dem viele witzige Aussprüche und Gelegenheiten bekannt sind", macht das Lachen zu einem Attribut der Macht.

In diesen Aufsätzen zeigt sich LeGoff wieder ganz als der "Poet der Geschichte", der der Historie die "Jemeinigkeit" der Dichtung und der Wissenschaft das Anrührende eines Nachbarschaftsgesprächs verleiht: Das Lachen geht uns alle an - und gern läse man etwas darüber, wenn nur die Übersetzung der Aufsätze nicht gar so sehr zum Lachen wäre. Was bedeutet schon, um das obige Zitat heranzuziehen, im Zusammenhang mit einem englischen König die "witzige... Gelegenheit" anderes als eine Unanständigkeit? Der Übersetzer Jochen Grube lässt sich von der französischen Sprache regelrecht an der Nase herumführen und scheint völlig vergessen zu haben, wie man Deutsch spricht.

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