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Vielleicht ein Spiel, aber eins voller Welt

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© Hanser Verlag

Was bedeuten eigentlich Liebe, Zeit, Tod ? - Um diese Fragen kreist die Erzählung in Lars Gustafssons Roman "Frau Sorgedahls schöne weiße Arme". Von Renate Wiggershaus

Von RENATE WIGGERSHAUS

Die Wahrheit ist, dass ich nichts weiß, ich erzähle nur." So bescheiden gibt sich der Ich-Erzähler in Lars Gustafssons jüngstem Roman "Frau Sorgedahls schöne weiße Arme". Dabei ist diese Figur - ein siebzigjähriger Philosophieprofessor in Oxford, der im Jahre 2006 Erinnerungen an seine Jugend im mittelschwedischen Västmanland aufzeichnet - mit vielen autobiographischen Zügen ihres vielseitig gebildeten Schöpfers ausgestattet.

Lars Gustafsson, wie sein Protagonist 1936 in Västeras geboren, studierte Philosophie, Ästhetik und Soziologie an den Universitäten Uppsala und Oxford, wurde Cheflektor einer bedeutenden schwedischen Literaturzeitschrift und ein ungemein produktiver Autor. Die Spannweite seines Werks reicht von erzählender Prosa über lyrische Texte bis hin zu essayistisch-theoretischen Abhandlungen zu Sprachphilosophie und Literaturwissenschaft. Stets ist dabei von zentraler Bedeutung das Nachdenken über den Sinn menschlichen Seins.

Das gilt auch für den neuen Roman. Es geht darin um Fragen wie: Was bedeuten eigentlich Liebe, Zeit, Tod ? - Fragen, die der Erzähler nicht zu beantworten weiß, die er erzählend aber immer wieder umkreist. In Erinnerung an einen Spaziergang im warmen Sommer 1954 fragt sich der Ich-Erzähler ein halbes Jahrhundert später unvermittelt: "Kann das Gegenwärtige das Vergangene beeinflussen? ... Geschieht es eigentlich erst jetzt in diesen feuchten und bewölkten Vorfrühlingstagen in Oxford Anfang des 21. Jahrhunderts, dass ich mich ernsthaft in Frau Sorgedahl zu verlieben beginne?"

Angesichts seines vorgerückten Alters ist er sich klar darüber, dass mit seinem Tod der einzige Mensch verschwinden wird, der von prägenden Eindrücken und Erfahrungen jener Zeit der ersten, noch unbewussten Liebe, der Selbstsuche und -findung Zeugnis ablegen könnte, ja, dass mit ihm die Welt von damals, wie er sie erlebte, untergehen wird. Sich dem Strom und der Erinnerungsauswahl seines Gedächtnisses überlassend, sucht er sich und seinem Leben auf die Spur zu kommen.

Die Miniaturgeschichte vom Vater, der im Werkzeugregal Schrauben in Einmachgläsern sammelte, erscheint dabei wie ein Gleichnis. Schrauben, erklärt der Vater, kauft man nicht. "Man findet sie, man zieht sie aus altem Holz, man ordnet sie und bewahrt sie auf. Und früher oder später kommt der Augenblick für jede einzelne Schraube."

Dem Ich-Erzähler kommt die Erkenntnis: Ja, er hat Frau Sorgedahl geliebt. Nach fünfzig Jahren des Nicht-an-sie-Denkens wird die Erinnerung an die damals mit einem farblosen Schweden verheiratete Schweizer Ingenieurin in ihm lebendig: die rote Haarpracht, ihre schönen Arme und weißen Hände, die die Katze in seinem Schoß streicheln. Für den Heranwachsenden, so begreift er nun, war sie das "Tor zum Leben". Sie gehört zu den verführerischen weiblichen Gestalten in Gustafssons Werk, die dem Erzähler bzw. dem jeweiligen Protagonisten das Gefühl vermitteln, wirklich zu existieren. Auch das wird aber irgendwann wieder durch einen Zweifel an der leibhaftigen Existenz von Frau Sorgedahl relativiert, dem lediglich entgegengehalten wird: wenn es sie nicht gegeben hätte, wäre er gezwungen gewesen, sie zu erfinden.

Denn der Erzähler braucht Frau Sorgedahl auch als Tor zur Vergangenheit. Mit den wiedererweckten Gefühlen für sie taucht nach und nach die versunkene Welt der Kindheit und Jugend auf: die damals noch baumbestandenen Alleen; dunkle, fast fensterlose Volvos; die Holzhäuser der Handwerker; Mädchen mit Plisséröcken und steifen Blusen; Diskussionsrunden mit Klassenkameraden im Heizungskeller; über Generationen tradierte Geschichten, die die Mutter erzählte. Indem der Professor sie niederschreibt und so dem Vergessen entreißt, taucht er in noch tiefere Zeitschichten hinab, über die er so gut wie nichts weiß.

Angesichts der Vermischung von Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigem überkommt ihn ein Gefühl von Verlorenheit. Ratlos gesteht er: "Ich habe mich in einem Wald aus Zeit verirrt." Könnte es sein, so spinnt der Ich-Erzähler Überlegungen seines einstigen Lehrers, des Kosmologen Stanley Gibbs fort, dass wir uns im Inneren eines Möbiusbandes befinden, in einem rätselhaften Zeitraum, der nur Innenseite ist?

Mit seiner Mischung aus Erzählung und Philosophie, Erinnerung und Imagination lässt dies jüngste Buch Gustafssons an ein bekanntes Spiel der Japaner denken: Unscheinbare Papierschnitzel, in eine Schale mit Wasser geworfen, entfalten sich, kaum dass sie sich mit Wasser vollgesogen haben, zu Blumen, Figuren, Landschaften. So steigt aus Gustafssons Roman unverwechselbares Leben einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort mit Gärten, Häusern, Menschen und Frau Sorgedahls schönen weißen Armen auf. Vielleicht ein Spiel, aber ein Spiel voller Welt.

Lars Gustafsson: Frau Sorgedahls schöne weiße Arme. A. d. Schwed. von Verena Reichel. Hanser Verlag, München 2009. 237 S., 19,90 Euro.

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