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Maria Theresia

Wie viele Körper hat die Königin?

  • Norbert Mappes-Niediek
    VonNorbert Mappes-Niediek
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Élisabeth Badinters gut lesbares Maria-Theresia-Buch "Die Macht der Frau"

Eine so mächtige Frau hat die Welt frühestens mit Queen Victoria, vielleicht erst mit Angela Merkel wieder erlebt. Die Besitzungen der absoluten Herrscherin reichten von der Ukraine bis in die Toskana, von Kroatien über Baden-Württemberg bis nach Belgien. Zugleich war Maria Theresia geradezu eine Ikone der Weiblichkeit: Rührend besorgte Mutter von sage und schreibe sechzehn Kindern und liebende Gattin, die ihrem untreuen Gemahl alles nachsah. In Friedrich II., dem harten, zynischen, frauenverachtenden Preußenkönig, stand ihr auf der Weltbühne eine Ikone der Männlichkeit gegenüber.

Das alles liest sich wie die ideale Versuchsanordnung für die Frage, was Macht und Geschlecht miteinander zu tun haben. Schon etwas, so, kurz gefasst, die Antwort der feministischen Philosophin Élisabeth Badinter – aber auch nichts, was den kleinen Unterschied zu einem welthistorisch erschütternden machen würde. Mit einer Biografie ausgerechnet über Maria Theresia nimmt Badinter eine nicht geringe Herausforderung an. Wer nämlich, anders als die Autorin, gern über Männer vom Mars und Frauen von der Venus fabuliert, findet im lebenslangen Konflikt zwischen Maria Theresia und Friedrich dem Großen das ideale Futter: Während die Kaiserin glaubt, „dass Politik weder Lüge noch Untreue rechtfertigt“, handelt der skrupellose Preuße als Machiavellist reinsten Wassers.

Aber wichtiger als das Geschlecht sind, wie Badinter nüchtern herausarbeitet, die christliche Erziehung der einen und die traumatische Jugend des anderen. Nicht im Verhalten der beiden Herrschergestalten offenbart sich für sie der Geschlechtsunterschied. Wieder aber in der Reaktion darauf: Nach dem ersten verlorenen Krieg erscheint die junge Maria Theresia in Karikaturen als die „entblößte Königin“ – mit nackten Brüsten, Beinen und Schenkeln. So gemein sind die Darstellungen, dass sich sogar eine frühe Frauensolidarität formiert und die Damen der englischen Aristokratie für die österreichische Kaiserin großzügig spenden.

Dass die 23-jährige Prinzessin nach dem Tod des Vaters selbst die Regierungsgeschäfte übernimmt, statt sie ihrem Ehemann zu überlassen, überrascht die Zeitgenossen zwar zunächst. Aber auch nicht so sehr, wie der moderne Leser erwartet. Während der französische Gesandte am Wiener Hof die Existenz der Prinzessin gar nicht zur Kenntnis nimmt, bewundert sein englischer Kollege schon bei der 18-Jährigen die „Männlichkeit ihrer Seele“. In den Reaktionen auf Maria Theresias Machtübernahme hallt zwar noch deutlich das Bild vom König als auch körperlich imposantem Heerführer nach. Als sie aber zum „König“ von Ungarn gekrönt wird, nimmt niemand Anstoß daran, dass es nun eine zarte junge Frau ist, die da der Tradition nach zur Krönung auf einen Hügel reitet und entschlossen das Schwert in alle vier Himmelsrichtungen stößt.

Im alten feministischen Streit darüber, ob im Verhältnis der Geschlechter eher die Gleichheit oder eher der Unterschied zu betonen sei, beharrt Élisabeth Badinter in der Tradition des französischen Liberalismus entschieden auf der Gleichheit. Weit entfernt davon, Frauen für die besseren Menschen zu halten, arbeitet sie bei ihrer Heldin Maria Theresia schonungslos deren zunehmende Verhärtung heraus, ohne solidarischen Rabatt – das eifersüchtige Festhalten an der Macht, ihre Prüderie, ihre Frömmelei und religiöse Intoleranz.

Badinter gibt auf 300 gut lesbaren Seiten einen lebendigen Einblick in die Psyche der Herrscherin, solide dokumentiert mit vielerlei Quellen, sprachlich präzise und elegant übersetzt. Sie bleibt bei der Figur und erzählt von den Verhältnissen im Europa des 18. Jahrhunderts gerade so viel, wie zu deren Verständnis nötig ist. Ihr Blick auf die „Macht der Frau“ ist vorurteilslos und kommt ohne Ideologie aus, auch ohne feministische.

Da aber, wo die Autorin dann doch vorsichtige Schlussfolgerungen aus dem Geschlechtsunterschied zieht, bleibt manches im Ungefähren. Den Rahmen des Portraits gibt ihr eine Theorie von den „zwei Körpern des Königs“, die 1957 der deutsche Historiker Ernst Kantorowicz entwickelt hat. Danach verfügt der Monarch nach mittelalterlicher Vorstellung über einen natürlichen, sterblichen, und einen symbolischen, unsterblichen Körper. Die Frau an der Macht, so Badinter, fügt den beiden Körpern des Königs einen dritten hinzu: den mütterlichen, der die Abstammungslinie fortführt.

Leider führt Badinter den Gedanken nicht weiter aus. Ein naheliegender Einwand wäre, dass die Politik der Herrscherdynastien überhaupt immer nach dem Muster einer Familienaufstellung erklärbar ist. Nicht umsonst ist die Geschichte der Monarchien eine Geschichte von Geschwisterstreitigkeiten, Vater-Sohn-Zerwürfnissen – und hier eben dem klassisch unklaren, zweideutigen Verhältnis der übermächtigen Mutter zu ihrem Sohn und Mitregenten Joseph II. Die Differenz zwischen Mann und Frau müsste demnach dann doch aus der Psychologie, nicht aus der Philosophie zu erklären sein – eine Lehre, die gerade Badinter in ihren theoretischen Werken nahelegt.

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