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"Nigeria hat so ein reiches literarisches Erbe. Wir haben nur zu wenige Förderstrukturen, um das Beste                                        rauszuholen": Verlegerin und Autorin Uche Okonkwo.
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"Nigeria hat so ein reiches literarisches Erbe. Wir haben nur zu wenige Förderstrukturen, um das Beste rauszuholen": Verlegerin und Autorin Uche Okonkwo.

Nigeria

"Viele Dinge, über die man schreiben kann"

  • Marie-Sophie Adeoso
    VonMarie-Sophie Adeoso
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Lektorin Uche Okonkwo vom nigerianischen Verlag Kachifo über den Literaturbetrieb des westafrikanischen Landes und die Schwierigkeit, ein einheimisches Publikum zu finden.

Auf den ersten Blick scheint Lagos voller Buchläden zu sein. Und wenn man – wie so oft – im Stau steht und den Blick über das Angebot der fliegenden Händler streifen lässt, sieht man Bücher gestapelt auf verschwitzten Schultern, von Rush-hour-Kurzstreckenläufern im Vorbeilaufen an Autoscheiben gepresst. Doch es sind keine Stars der zeitgenössischen nigerianischen Literatur wie Chimamanda Ngozi Adichie und Chigozie Obioma, Helon Habila, Sefi Atta oder Teju Cole, über deren Werke man in der Megacity stolpert – sondern Bibeln und Korane, spirituelle Publikationen, Schulbücher oder Businessratgeber sowie zerlesene Second-Hand-Thriller und Groschenromane.

Jene Kulturoasen, nach denen auch der Protagonist von Coles Lagos-Roman „Jeder Tag gehört dem Dieb“ verzweifelt sucht, Läden wie „The Jazzhole“, dem Adichie jüngst in der „New York Times“ als Lieblingsbuchladen huldigte, sind rar. An einem dieser Orte, im Terra Kulture, empfängt Uche Okonkwo, Schriftstellerin und leitende Lektorin des Verlags Kachifo Limited, die FR zum Gespräch.

Frau Okonkwo, bei Ihrem Nachnamen muss man unwillkürlich an den Protagonisten von Chinua Achebes großem Roman „Things fall apart“, „Alles zerfällt“, denken. Wie einflussreich sind Literaten seiner Generation heute noch für die zeitgenössische nigerianische Literatur?
Achebe und Wole Soyinka sind natürlich Vorbilder, denen viele Autorinnen und Autoren Tribut zollen. Es ist nicht so, dass man ihnen stilistisch und thematisch noch nacheifert. Aber ihr literarisches Erbe hat Gewicht für uns. Sie haben uns den Weg geebnet.

Sehen Sie abseits individueller Stilistik typische Charakteristika nigerianischer Literatur?
Nein, nicht wirklich. Das einzige, was mir einfällt, ist, dass nigerianische Literatur häufig Elemente aus verschiedenen nigerianischen Sprachen enthält. Aber was Themen angeht, kann ich nichts Typisches ausmachen. Es geht längst nicht mehr nur um Dinge wie Kolonialismus oder Korruption. Es gibt ein wachsendes Interesse an Speculative Fiction, auch Science Fiction entwickelt sich, Genre Fiction generell – die Diversität der nigerianischen Literatur wird immer größer. Auch Spoken Word ist beliebt. Aber Lyrik verkauft sich noch schlechter, entsprechend wird sie von den Verlagen weniger gerne veröffentlicht.

Sie sind Autorin und verantworten als leitende Lektorin den Belletristik-Zweig Farafina bei Kachifo. Wie hat man sich den nigerianischen Literaturbetrieb vorzustellen? Können Sie mir einen kleinen Überblick geben?
Die Verlagsindustrie in Nigeria ist sehr klein, zumindest was Belletristik angeht. Neben Kachifo verlegen vor allem Cassava Republic, Parresia und Quramo regelmäßig Belletristik, das sind wohl die etabliertesten. Was die Zahl verkaufter Bücher anbelangt, kann ich nur für Kachifo sprechen: Unsere Verkaufszahlen sind überraschend niedrig. Wenn wir einen literarischen Titel verlegen, lassen wir pro Auflage maximal 2000 Stück drucken. Die einzigen Bücher, die wir in höherer Stückzahl drucken lassen, sind Chimamanda Adichies Romane und Erzählungen, die sind immer schnell ausverkauft. Alle anderen bewegen sich in Auflagen von 1000 bis 2000 Stück. Und selbst dann braucht es viel Zeit, ehe die Bücher sich verkauft haben.

Wie groß ist die Konkurrenz der Verlage untereinander?
Wir pflegen gute Beziehungen – aber wir sind auch keine Freunde im engeren Sinne. Natürlich stehen wir in Konkurrenz zueinander, aber es ist auch klar, dass wir hier in Nigeria so viele verschiedene Literaturverlage wie möglich brauchen.

Es scheint eher schwierig zu sein, in Lagos, Nigerias größter Stadt, Buchläden zu finden, die Belletristik verkaufen. Was bedeutet das für Sie, was bedeutet das für einen Verlag? Wie finden Sie auf einem solchen Markt Ihre Kundschaft?
Das ist eine der Hauptschwierigkeiten, mit denen wir zu kämpfen haben. In der Tat gibt es sehr wenige Buchhandlungen und die wenigen, die es gibt, verkaufen lieber pädagogische Fachliteratur oder Spirituelles. Unser großes Problem sind die Kosten. Wenn Sie für einen Roman 2000 Naira oder mehr verlangen, ist das den Leuten schon zu teuer. Niemand zieht die Herstellungskosten in Betracht, Transport und andere Fixkosten. Ein Großteil der Romane, die Nigeria erreichen, sind Second-Hand-Bücher aus dem Ausland. Liebesromane und andere Prosatitel, die auf der Straße gebraucht für 200 Naira zu haben sind. Aber wenn sie ein ausländisches Buch für 200 kaufen können, hinterfragen die Leute, warum ein nigerianisches 2000 kosten soll.

Die ausländische Herkunft wird als Qualitätskriterium gesehen?
Ja. Hauptsache, es kommt aus Übersee. Dabei wird gar nicht beachtet, dass es sich nicht um Neuware handelt. Ein weiterer Grund, warum sich oftmals keine einheimische Literatur in den Buchläden findet, ist die Tatsache, dass viele Händler die Bücher auf Kredit bestellen. Oft müssen wir Verlage am Ende unserem Geld hinterherrennen. Wir versuchen daher auch, unsere Bücher selbst zu vermarkten, aber das ist sehr schwierig. Man verfehlt so außerdem all jene Leserinnen und Leser, die spontan ein Buch kaufen, wenn sie in eine Buchhandlung laufen und sich vom Cover angesprochen fühlen.

Aber woran liegt es, dass die Literatur in einem so großen Land wie Nigeria, das zahlreiche namhafte Autorinnen und Autoren hervorgebracht hat, einen so schweren Stand hat? Armut, klar, aber es gibt ja auch eine sehr gut situierte Mittel- und Oberschicht .
Es sind wohl viele Faktoren, aber ich kann darüber nur mutmaßen. Mangelhaftes Marketing unsererseits mag ein Grund sein. Aber ich glaube, es fehlt vor allem an literarischem Interesse. Viele Menschen in Nigeria scheinen Lesen als Arbeit zu betrachten. Als Freizeitbeschäftigung, zur Entspannung ist es vielen eher fremd, so mein Eindruck. Und wenn sie lesen, dann eher Nachrichten- und Klatschseiten im Internet.

Das klingt nach einer ziemlichen Herausforderung für Ihren und andere Verlage ...
Das ist es allerdings! Wir versuchen, über die Sozialen Netzwerke Aufmerksamkeit zu wecken, wir präsentieren uns auf Literatur-Festivals. Aber die literarische Szene in Nigeria ist so klein, eine solche Nische, dass man manchmal das Gefühl hat, ständig dieselben Leute zu erreichen. Jene, die uns ohnehin schon kennen. Es ist, als würde sich das Publikum gar nicht vergrößern.

Wie würden Sie Ihr Publikum denn charakterisieren?
Menschen, die sich für Kunst und Kultur im weitesten Sinne interessieren. Akademisch gebildete Menschen, die gut über soziale Medien vernetzt sind, die den Literaturbetrieb aktiv verfolgen. Durchaus viele junge Leute, aber nicht ausschließlich.

Wenn Erfolgsautorinnen und -autoren wie  Adichie oder Cole in Deutschland auf Lesereise sind, treten sie vor ausverkauften Häusern auf. Ziehen sie in Lagos oder Abuja auch so viel Publikum an?
Ich denke, schon. Jemand vom Rang einer Adichie ohnehin, Teju Cole vermutlich auch. Aber auch einige lokale Autorinnen und Autoren haben ihre Fans, wenn auch nicht auf dem gleichen Level wie Adichie.

Erfolgreiche Autorinnen und Autoren leben häufig im Ausland und feiern ihre Erfolge mit dortigen Verlagen. Ist es nicht schmerzhaft für Kachifo, die Besten ziehen lassen zu müssen, ohne an ihren Erfolgen wirklich teilhaben zu können?
(lacht) Es ist ja nicht so, dass wir sie hier großziehen, die finden ihren Weg schon selbst. Die meisten publizieren ihre Bücher ohnehin zuerst bei ausländischen Verlagen. Das ist natürlich nicht gut für uns nigerianische Verlage, aber ich kann das verstehen. Die Verkaufszahlen hier und dort lassen sich ja nicht einmal ansatzweise vergleichen. Ich würde wohl dasselbe tun.

Wie kommt der Kontakt zu den britischen und US-amerikanischen Verlagen zustande?
Die meisten suchen sich gezielt Agenturen im Ausland, die sie an Verlage vermitteln – und die verkaufen uns dann später die Rechte für den nigerianischen oder afrikanischen Markt. Nur in seltenen Fällen schicken die Autorinnen und Autoren ihre Manuskripte zuerst an uns. Literaturagenten haben wir hier nicht.

Welchen Vorteil bietet die spätere Zweitveröffentlichung bei nigerianischen Verlagen?
Der Vertrieb ist selbstverständlich einfacher, wenn die Bücher im Land erschienen sind. Außerdem gibt es manche Literaturpreise, für die man sich nur bewerben kann, wenn man bei einem nigerianischen Verlag publiziert hat.

Kommt es dennoch vor, dass Sie als Verlag auch neue Talente entdecken? Wenn ja: Wie muss man sich das vorstellen?
Zum einen erreichen uns regelmäßig Einsendungen. Über unseren Farafina Trust Fund veranstalten wir außerdem einen jährlichen Schreibworkshop mit Chimamanda Adichie. Sie unterrichtet in der Regel etwa 20 bis 30 Leute, die sie nach Talent auswählt. Wer in ihren Augen noch etwas von ihr lernen kann, wird auch danach weiter betreut. Auf diese Weise wollen wir neue Talente entdecken und fördern. Auch ich durfte 2011 an diesem Workshop teilnehmen. Eghosa Imasuen, dessen Roman „Fine Boys“ wir 2016 verlegt haben, war dabei, Jowhor Ile, der mit „And After Many Days“ gerade für die Shortlist des Etisalat-Preises nominiert wurde. Oder Akwaeke Emezi, die jüngst von der großen US-Agentur Wylie unter Vertrag genommen wurde und deren Debüt „Freshwaters“ bei Grove Atlantic erscheinen wird.

Nach wem sollten europäische Leserinnen und Leser noch Ausschau halten ?
Mir fallen vor allem Autorinnen ein, die ich aus dem Adichie-Workshop kenne. Pemi Aguda etwa, die 2015 den Writivism Short Story Prize gewonnen hat. Auch meine Kachifo-Kollegin Enajite Efemuaye halte ich für vielversprechend. Oder Lesley Nneka Arimah, die 2015 den regionalen Commonwealth Short Story Prize erhalten hat.

Sie selbst haben als Autorin noch kein Buch publiziert, aber 2013 den Etisalat Flash Fiction Prize für Ihre Kurzprosa „Neverland“ gewonnen. Wie schauen Sie als Autorin auf den nigerianischen Literaturbetrieb, welche Unterstützungsstrukturen bietet er Ihnen?
Literaturpreise in Nigeria richten sich hauptsächlich an Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die bereits Veröffentlichungen vorzuweisen haben. Etisalat Flash Fiction ist eine der wenigen Ausnahmen. Das einzige Aufenthaltsstipendium, von dem ich weiß, ist die Ebedi International Writers Residency in Iseyin, Oyo State. Schreibschulen oder Studiengänge für Kreatives Schreiben gibt es nicht – höchstens einzelne Seminare und Workshops hier und da.

Gibt es Literaturzeitschriften? Welche Kanäle gibt es für eine Erstveröffentlichung?
Bei Kachifo hatten wir einst das Farafina-Magazin. Einige der Autorinnen und Autoren, die jetzt bei internationalen Verlagen groß rauskommen, haben ihre ersten Texte bei uns veröffentlicht. Aber es hat sich nicht rentiert. Heute gibt es in Nigeria eigentlich kaum noch Literaturzeitschriften, es läuft alles online. Auch wir arbeiten an einem Online-Relaunch. Noch relativ neu ist „Omenana“, ein E-Magazin für Speculative Fiction. „Enkare Review“ aus Nairobi (Kenia) oder das „Saraba Magazine“ sind weitere Beispiele. Es gibt sie also, die nigerianischen und afrikanischen Literaturmagazine. Wobei viele Autorinnen und Autoren auch für diese ersten Schritte ihre Texte ins englischsprachige Ausland schicken, ich mache das genauso.

Was hat bei Ihnen die Begeisterung für Literatur geweckt? Warum haben Sie begonnen zu schreiben und für einen Verlag zu arbeiten?
Ich habe immer geschrieben, das war ein ganz natürlicher Prozess. Als ich anfing zu studieren, habe ich deshalb mit Englisch zunächst die naheliegendste Option gewählt. Danach bin ich für einen Master in Kreativem Schreiben nach England gegangen. Das Lektorieren hat sich aus dem Schreiben ergeben, und aus dem Lesen natürlich. Aber manchmal wünsche ich mir fast, ich hätte mich für einen anderen Karriereweg entschieden. Schreiben kann ich immer, das hätte ich nicht studieren müssen. Es ist einfach unheimlich schwierig, in diesem Metier finanziell über die Runden zu kommen. Besonders in Nigeria.

Machen es viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller so, dass sie andere Brotberufe wählen?
Ja, mit Ausnahme der sehr Erfolgreichen, handhaben es wohl die meisten so. Es ist möglich, in Nigeria vom Schreiben zu leben, aber es gelingt nur sehr wenigen.

Ist Nigeria trotz allem ein guter Ort für Literatur?
Das Gute an Nigeria ist sicherlich, dass es hier so viele Dinge gibt, über die man schreiben kann. Das Problem ist die mangelhafte Infrastruktur, mit der die Verlagsindustrie genauso zu kämpfen hat wie die Schreibenden selbst. Nigeria hat so ein reiches literarisches Erbe. Wir haben nur zu wenige Förderstrukturen, um das Beste rauszuholen.

Interview: Marie-Sophie Adeoso

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