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Ein verwundetes Land

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Von: Thomas Schmid

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Französische Soldaten und ein malischer Nomade.
Französische Soldaten und ein malischer Nomade. © AFP

Die Journalistin Charlotte Wiedemann hat im afrikanischen Mali genau hingeschaut und zugehört: Fünf Jahre lang hat sie dort recherchiert.

Die Islamisten auf dem Vormarsch, der Westen interveniert. Nein, nicht vom Irak ist die Rede, sondern von Mali. Noch keine zwei Jahre ist es her, da sorgte das westafrikanische Land für Schlagzeilen. Doch schon ist der Konflikt weithin vergessen, verschwunden hinter dem Bürgerkrieg in der Ukraine und dem Terror der Dschihadisten des „Islamischen Staats“ im Irak. Die mediale Logik fordert ihren Tribut. Morgen ist heute gestern.

Da ist es geradezu wohltuend, dass gerade ein Buch auf den Markt gekommen ist, das einer andern Logik folgt – zum Innehalten und Nachdenken anregt. Charlotte Wiedemann nimmt uns auf ihre Reisen durch Mali mit, ein verwundetes Land, in dem die Menschen um Würde ringen.

Über fünf Jahre hinweg hat die Journalistin das Land immer wieder bereist, meistens in klapprigen Überlandbussen. Sie hat die entlegensten Dörfer aufgesucht, sich mit politischen Notabeln und geistlichen Führern getroffen, vor allem aber immer wieder mit einfachen Leuten auf dem Land und in Städten. Sie hat hingeschaut und zugehört, ist eingetaucht in die afrikanische Gesellschaft. Aus Reportage und Reflexion entsteht, Stein für Stein, ein Mosaik, das Gewissheiten zerstört, mit Vorurteilen aufräumt.

Keine Schriftsprache? Unsinn.

Zum Beispiel das kaum auszurottende Vorurteil, das subsaharianische Afrika habe allenfalls eine orale Geschichte. Unsinn. Schon 1236 gab sich das Mali-Reich, das sich von der Wüste bis zur Atlantikküste erstreckte, eine Verfassung: die Charta von Kurukan Faga. Sie hält schriftlich fest: „Jede Person hat das Recht auf Leben und auf körperliche Unversehrtheit“ – die erste Kodifizierung des Menschenrechtsgedankens auf afrikanischem Boden.

Und auch die ältesten der rund dreihunderttausend Handschriften von Timbuktu, die von Recht, Philosophie, Astronomie und Mathematik handeln und auf abenteuerlichem Weg vor dem Furor der Islamisten gerettet wurden, reichen ins 13. Jahrhundert zurück.

„Ich habe versucht, die Maßstäbe zu verstehen, nach denen die Malier sich selbst betrachten“, umreißt Wiedemann ihre Herangehensweise. Wie soll der Malier den Staat als seinen begreifen, wenn in Regierung, Parlament und Gerichten französisch gesprochen wird, eine Sprache, die 85 Prozent der Bürger gar nicht beherrschen? Auch weist die Autorin auf die Gefahren traditioneller Entwicklungshilfe hin. „Oft fördert sie ein Klima von Opportunismus und Verlogenheit“, bilanziert sie.

Auch die militärische Intervention Frankreichs thematisiert die Journalistin in ihrem Buch, die Voraussetzungen und die Folgen dieser Intervention. Vor allem aber spürt sie den kulturellen Voraussetzungen nach, die die Chance bergen, dass Mali einen eigenen, nicht den vom Westen vorgezeichneten Weg in die Moderne findet. Denn die Selbstheilung des verwundeten Landes kann, so Charlotte Wiedemann, nur von innen kommen.

Charlotte Wiedemann: Mali oder das Ringen um Würde. Pantheon Verlag, München 2014. 303 Seiten, 11,99 Euro.

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