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Sie mögen possierlich aussehen, aber Waschbären haben es faustdick hinter den Ohren.

Roman

„Die Verwandelten“ von Thomas Brussig: Das maximal Unvorstellbare

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In seinem Roman „Die Verwandelten“ lässt Thomas Brussig Jugendliche zu Tieren werden.

Thomas Brussig ist ein Geschichtenerzähler. Je irrer, desto besser. Und dabei rechnet er eigentlich immer nur eins und eins zusammen und dann noch ein bisschen hoch.

Bekannt wurde der 56-Jährige mit dem satirischen Entwicklungsroman „Helden wie wir“ (1995), in dem der Protagonist im November 1989 den letzten Anstoß zur Grenzöffnung an Berlins Bornholmer Straße gibt, indem er den Polizisten mit der Entblößung seines nach einer Operation übergroßen Gliedes schockiert. In dem Roman „Das gibts in keinem Russenfilm“, zwanzig erfolgreiche Jahre später, macht Brussig sich selbst zum komischen Protagonisten und lässt dafür in einer frechen Wendung einfach die Mauer stehen.

Dazwischen schrieb der diplomierte Film- und Fernsehdramaturg mindestens das Drehbuch zu Leander Haußmanns „Sonnenallee“ (1999), das Libretto zum Lindenberg-Musical „Hinterm Horizont“ (2011) und ist auch sonst ein Fachmann für die Vermischung von Frechheit, Aberwitz und Sentiment, für die herzzerreißende Durchschaubarkeit und Lächerlichkeit der menschlichen Begierden. Insbesondere, wenn es um Deutsch-Deutsches geht.

In seinem neuen Roman wendet er sich jetzt dem Tierreich zu. Gewissermaßen. Auf dem Cover von „Die Verwandelten“ ist ein Waschbärschwanz zu sehen, und tatsächlich geht es darum, dass sich zwei sechzehnjährige Jugendliche in Mecklenburg in zwei Waschbären verwandelt haben. Und wie es dazu kam – und was dann geschieht. Die Geschichte darf hier natürlich nicht erzählt werden, aber sie spielt in naher Zukunft, sie bleibt immer erstaunlich und hat so viele Farben wie Beteiligte.

Brussig ist ein stimmliches Multitalent, ein echter Puppenspieler, der mit der gleichen kriminellen Energie hinter die Larve des ehrgeizigen Mecklenburger Bürgermeisters springt wie hinter die der Intendantin eines westlichen Privatsenders und bei der Gedankenwelten in wenigen Sätzen dreidimensional skizziert. Das Dreidimensionale scheint Brussigs Spezialität zu sein. Dass er hineinkriecht und von innen erzählt, wo andere, vielleicht Juli Zeh in „Unterleuten“, Ähnliches sehen, aber es nur von außen schraffieren.

Das Buch

Thomas Brussig: Die Verwandelten. Wallstein Verlag, Göttingen 2020, 326 Seiten, 20 Euro.

„Die Verwandelten“ ist ein wunderbar tänzelnder Gesellschaftsroman, der austeilt, ohne allzu hässlich zu denunzieren, und kaum eine Figur, vom schwäbischen Witzereißer bis zur mecklenburgischen Frickeljournalistin, bleibt dabei ohne Geschichte. Jeder reagiert auf das Unerhörte gemäß der eigenen Sehnsüchte und schreibt den anderen dabei nicht nur von einem Zimmer zum nächsten eine Whats-App-Nachricht, sondern auch über den Doppelschreibtisch hinweg.

Etwas hemdsärmelig ist, wie ungerührt die Jugendlichen selbst ihre Verwandlung hinnehmen und im Zentrum des brausenden Geschehens eine nun wirklich schwer vorstellbare Coolness performen. Aber vielleicht wäre das Gegenteil noch falscher gewesen – wer kriecht als Erwachsener literarisch schon ungestraft in eine jugendliche Psyche –, und in Zeiten des Virtuellen und des Rollenspiels ist die Do-it-yourself-Verwandlung in einen Waschbären vielleicht tatsächlich nur ein weiterer Wunsch, der erfüllt werden konnte und jetzt stehen sie da, jeder auf seine Weise und warten auf die eine Challenge, die sie auf das wiederum nächste Level hebt.

Die Challenge kommt in Form der Medienwirklichkeit, aus dem Schnürboden schwebt sogar Ed Sheeran herab, ganz großes Geld wird verdient und wieder verloren, eine Jugendliebe zerbricht, eine Altersliebe bahnt sich an, und eine scheue Beobachterin schiebt sich erst ganz zum Schluss ins Bild, wenn es, zumindest für einen der Beteiligten, zu spät ist. „Die Verwandelten“ rechnet durch, wie wir auf das maximal Unvorstellbare reagieren könnten oder auch schon reagieren. Wie wir nach einer kurzen Schockstarre die Welle fixieren und unsere Badehosen festhalten, damit wir auch nach der nächsten Dusche nicht nackt dastehen, sondern gut aussehen: so als wüssten wir, was zu tun ist. Haltung statt Halt, Wirkung statt Wirksamkeit und immer ein Spruch statt eines Gesprächs. Wer bei diesem Buch als letzter an den Klimawandel denkt, hat gewonnen.

Schließlich gehören Waschbären, die zwar niedlich, aber eine Plage sind, zu einer Tierart, die nicht erfolgreich bejagt werden kann, weil sie auf Bestandsbedrohung mit der vermehrten Geburt von Weibchen reagiert. Was also tun, wenn die Natur sagt: Fuck you!? Aber die metaphorische Ebene forciert Brussig nicht, wenn er sie denn überhaupt intendiert hat.

Das Wichtigste ist, dass diese Geschichte rollt, und sie rollt so gut in die Gegenwart hinein und wieder heraus, dass man zwischendurch sogar im Internet nachschaut, ob es diese oder jene Person nicht vielleicht wirklich gibt.

Ein Familienbuch übrigens. Ab zwölf würde ich sagen. Nach oben ohne Grenze.

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