Versuch im Familienarchiv

Wenn Verstehen unmöglich wird: Dagmar Leupold erfindet ihren Vater neu

Von WERNER JUNG

Einerseits hat sich Dagmar Leupold mit ihrem neuen Roman ins inzwischen modische Feld der Vertriebenenliteratur hineingeschrieben - ihr Text kann bestens bestehen neben Reinhard Jirgls Die Unvollendeten (2003) oder Christoph Heins Landnahme (2004) -, andererseits widmet sie sich wiederum einem Genre, dem Vaterroman, das eigentlich seit den achtziger Jahren mit Ludwig Harigs Ordnung ist das ganze Leben (1986) ans Ende gekommen zu sein schien. Genau in diesem Zwischenreich aber liegt die besondere Bedeutung dieses Romans, dessen poetologischer Kern in den ständigen Selbstzweifeln der Erzählerin steckt. Denn dieser Vater ist über seinen Tod hinaus der Fremde in der Familie geblieben: "Weil er so fremd blieb, lud der Vater dazu ein, ihm Vorlieben und Aversionen anzudichten, überhaupt ihm durch Zuschreibungen eine Gestalt mit festen Umrissen zu verleihen."

Leupold erfindet im Text also den Vater neu, lässt ihn im Schreiben auferstehen, gerade so, wie es auch Ludwig Harig seinerzeit in seinem Vaterroman beschrieben hat: "Vielleicht war der Atem, der so duftig und demiurgisch roch und rauschte, Vaters Erfindung, und nun, da Vater tot ist, muß ich ihn zum zweitenmal erfinden. Doch die Luft, die er so lebensvoll atmete, zerplatzt mir in lauter Seifenblasen aus Wörtern, und wenn ich den Mund aufmache und zu erzählen beginne, zerstiebt ein halbes Jahrhundert zwischen meinen Lippen in einzelne Silben, die ich immer und immer wieder neu zusammensetzen muß zu Wörtern, die ich noch gar nicht kenne." Mit einem entscheidenden Unterschied freilich: die fehlende Sicherheit.

Krieg als Testfall

Wo Harig vergleichsweise souverän - und dies gilt auch für die anderen, älteren Väterbücher von Ruth Rehmann, Christoph Meckel oder Siegfried Gauch - Lebensgeschichten auf den fixierenden und erklärenden Begriff (bei Harig die ?Ordnung') bringt, da fehlen bei Leupold Stetigkeit und Teleologie. Sie schreibt über schroffe Gegensätze und Widersprüche, für die sie formelhaft den Krieg einsetzt. Der Krieg als experimentum crucis, als Testfall. Alles ist danach anders geworden - doch ist er, der Vater und Fremde, nicht immer derselbe geblieben?

Als die Erzählerin 1955 zur Welt kommt, ist Vater Rudolf Leupold bereits 42, eine allseits geachtete Persönlichkeit, Mathematiklehrer, möglicherweise hochbegabt, überaus gesellig, eine Art ?womanizer'. Er liebt die Künste und ist befreundet mit Malern, spricht perfekt polnisch, verachtet die politische Reaktion leidenschaftlich und gibt sich betont liberal: "er war Studienrat am Oberlahnsteiner Gymnasium, hatte mittlerweile Frau und Familie und ein Paar Hobbys, wie man die Freizeitgestaltung damals zu nennen anfing. Er gehört nun zu den beneideten Durchschnittsmenschen mit festem Einkommen, nicht geläutert, aber ernüchtert und angepaßt. Heimat und Nationalgefühl spielten in der Erziehung der Töchter ... keine Rolle, was in ihnen Auftrag, Versprechen und Verbrechen gewesen war, wurde nicht mitgenommen in die neue Republik - höchstens als sentimentales Schmuggelgut, das man auspackte, wenn man unter sich war." Dieser Mann ist allem Anschein nach bestens angekommen in der Nachkriegsgesellschaft; er hat sich, wie es die Erzählerin an einer Vielzahl von Beispielen belegt, durchgesetzt. Dennoch ist er stets der Fremde für die anderen Familienmitglieder geblieben - nicht etwa, weil er als Schlesier das Vertriebenenschicksal mit entsprechenden Fremdheitsgefühlen (wie etwa bei Jirgl oder Hein geschildert) zu erleiden hatte, sondern weil da noch eine andere, dunkle und abseitige Existenz in dieser Vatergestalt schlummert: das Leben vor und während des Krieges.

So findet die Tochter, die den Tod des Vaters und seine Beerdigung selbst nicht miterleben kann, weil sie Probleme mit ihrem Flug aus den USA nach Deutschland hat, ein Tagebuch sowie weitere Texte des Vaters, die dessen Haltung, Einstellung und ideologisches Rüstzeug, auch literarische Ergüsse und Versuche während des Faschismus und kurz danach dokumentieren. Obwohl kein 100-prozentiger Nazi - er war Anhänger der jungdeutschen Bewegung, allerdings seit dem Frühjahr 1941 auch Mitglied der NSDAP -, arrangiert er sich doch bestens mit Regime und Bewegung, macht unaufhaltsam Karriere und schaut mit starrem Blick nach vorn.

Kontrafaktischer Nachvollzug

Ein Rationalist und Mathematiker - zugleich haltlos im Hier und Jetzt, im Dunkel des gelebten Augenblicks befangen. Ernst Jünger und Gottfried Benn sind für eine Weile seine Gewährsmänner, Autoren, bei denen er die "Verhaltenslehren der Kälte" (wie das Buch Helmut Lethens über die Literatur der Zwischenkriegszeiten heißt) lernt. "Unfähigkeit zur Gegenwart", so versucht Leupold an einer Stelle einen Deutungsversuch: "vielleicht das Kennzeichen einer Generation, die beide Weltkriege erlebt hat und der zwischen nostalgischem Verherrlichen oder Verdrängen der Vergangenheit einerseits und größenwahnsinnigem Entwerfen der Zukunft andererseits die Gegenwart abhanden gekommen ist."

Immer wieder versieht Dagmar Leupold in der zweiten Hälfte ihres deutlich in zwei Teile gegliederten Buches, nachdem sie zuvor erlebte und erlittene Lebensgeschichte im Elternhaus, vor allem die Zeit der sechziger und frühen siebziger Jahre, sinnlich-plastisch erzählt hat, Zitate aus Texten ihres Vaters mit interpretierenden und kommentierenden Passagen, um diese Fremdheit der Vatergestalt vorzustellen - und sie andererseits im verstehenden Nachvollzug für sich selbst wieder begreiflicher zu machen. Um schließlich, wie es in einer kurzen Vorbemerkung heißt, eine "vermißte Gestalt" "in der Imagination" - am Ende also: als Figur im Text - wiedererstehen zu lassen.

Ein eckiges, sperriges Buch, ein Roman mit vielen Erklärungen und Deutungen, sogar mit Literaturhinweisen. Alles in allem jedoch eine wunderbare Erzählung über die Unmöglichkeit des Verstehens und die Notwendigkeit des unausgesetzten kontrafaktischen Versuchs eben hierzu - mithin ein gelungenes Stück Literatur.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion