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Polizeieinsatz in Los Angeles

Kriminalroman

Da versteht sie keinen Spaß

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„Late Show“: Bosch-Erfinder Michael Connelly beginnt eine Reihe um eine taffe Ermittlerin.

Ein Brocken von Ermittler hatte bei Michael Connelly jahrelang mit Brocken von Ermittlungen zu tun: Bosch, Hieronymus Bosch. Die Zählung war bei 19 Harry-Bosch-Romanen angekommen, als Connelly 2017 eine Abwechslung an den Start brachte, in Gestalt einer taffen, sportlichen (Standup-Paddeln) jungen LAPD-Detective. Renee Ballard wehrte sich mit einer Anzeige gegen die sexuellen Übergriffe ihres Chefs, er leugnete diese Übergriffe, so war sie die Dumme und wurde strafversetzt in die Nachtschicht (durchaus und immer noch plausibel, trotz MeToo). Das Frustrierende an der Nachtschicht, der „Late Show“: Gegen Morgen, wenn sie zuende geht, müssen die Polizisten ein Protokoll schreiben und alle Fälle an die dann übernehmenden Kollegen geben. Nicht einmal einen eigenen Schreibtisch haben die Nachtschicht-Cops. Und sollen sich aus allem Folgenden raushalten.

Die Vorurteile sind noch da

Im Fall eines in die Bewusstlosigkeit geprügelten Transsexuellen aber möchte Detective Ballard dann doch wissen, ob das Opfer überlebt und wer ihm das angetan hat. Und weil außerdem in einem Nachtclub vier Menschen erschossen wurden, hält sich das polizeiliche Interesse am Fall einer „Transe“ – Ballard weiß: keine Schulung schafft es, die Vorurteile ihrer Kollegen ganz zu beseitigen – in Grenzen. Ja, Detective Ballard darf sich also noch ein bisschen kümmern. Den Rest erledigt sie, die Leserin kann es sich denken, heimlich.

Renee Ballard ist ein für Connelly typischer Charakter, einerseits: Heimatlos (gemeldet ist sie bei ihrer Großmutter), ruhelos, zielgerichtet, wenn sie Dinge anzupacken beschließt. Sie versteht bei der Verbrecherjagd, wie Bosch, keinen Spaß. Ist andererseits keiner von den Connelly’schen Kerlen, sie hat den Blick einer Frau auf die Diskriminierung von und die Gewalt gegen Frauen.

Michael Connelly: Late Show. Roman. Aus dem Englischen von Sepp Leeb. Kampa, Zürich 2020. 430 S., 19,90 Euro

Sie ist dabei Realistin, schließlich hat ihr früherer Partner nicht gegen den Chef ausgesagt, um seine Karriere nicht zu gefährden. Und es ist nur eine kleine Genugtuung, dass er ihr nicht mehr in die Augen schauen kann. Dann wird er ermordet, der zum Ermittlerteam der Nachtclub-Schießerei gehört; Ballard hatte schon vorher das Gefühl, dass ein Cop verwickelt sein könnte. Jetzt ist sie sich ziemlich sicher.

Connelly erfindet das Polizeiroman-Rad nicht neu mit „Late Show“. Aber er ist Profi von der ersten bis zur letzten Zeile: Profi beim Spannungsaufbau, der Verflechtung diverser Handlungsstränge, ohne dass es zu gewollt wirkt, bei der realitätsnahen Schilderung der Ermittlerarbeit bis runter zur Spurensicherung. Gewiss, Ballard hält sich nicht immer an die Regeln, aber sie geht dabei diskreter vor als manche ihrer Kolleginnen und Kollegen vom deutschen Tatort. Und wenn sie will, kann sie vorsichtig sein. Connelly schreibt gleichsam fehlerfrei. Und wenn Detective Ballard einen Fehler macht, dann lässt er sie das überleben, Gott sei Dank. Auf Englisch gibt es bereits zwei weitere Fälle mit ihr.

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