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Karl Dedecius im Jahr 2013.
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Karl Dedecius im Jahr 2013.

Nachruf auf Karl Dedecius

Verstehen und andere verstehen lassen

Zum Tod des großen Vermittlers Karl Dedecius, der uns die polnische Literatur übersetzte und nahe brachte.

Sein Schicksal passte sich ein in sein Jahrhundert. Seine Klugheit hinderte ihn daran, sich damit zu wichtig zu nehmen. Seine Begeisterungsfähigkeit und seine Begabung ließen ihn stattdessen zum Vermittler werden, eine Rolle, in der Selbstbewusstsein im doppelten Sinne gefordert ist – das Offensive daran ebenso wie die Bescheidenheit.

Karl Dedecius kam in Lodz zur Welt, 1921 war das, der Vater deutsch-böhmischer Beamter, die Mutter zeitlebens schwäbelnd, die Stadt seit kurzem wieder polnisch. Zweisprachigkeit war durch die Schule kein Thema und Problem. „In unserer Klasse gab’s Polen, Juden, zwei Franzosen, einen Russen und sieben Deutsche“, sagte Dedecius 2006 im FR-Interview, „wir waren eine Völkergemeinschaft. Das hatten wir gelernt, und dabei blieb ich.“ Da die Politik nicht dabei blieb, geriet er als 22-jähriger Wehrmachtssoldat vor Stalingrad in russische Kriegsgefangenschaft, sieben Jahre lang bis 1950. Da er selbst trotzdem dabei blieb, lernte er in dieser Zeit Russisch und fing zu übersetzen an.

Der Beginn eines Lebenswerks, nicht eines Broterwerbs. Nach der Übersiedlung von Weimar nach Frankfurt, von einer Goethe-Stadt in die nächste, arbeitete Dedecius 25 Jahre lang für die Allianz-Versicherung, eine mit seinen literarischen Interessen in einem höchst reizvollen und literaturgeschichtlich aufgeladenen Verhältnis stehende Tätigkeit. Und er begann, polnische Literatur zu übersetzen, was zugleich hieß, sie für ein deutsches Publikum zu entdecken und zugänglich zu machen.

Der große Zbigniew Herbert ist zu nennen, der spätere Literaturnobelpreisträger Czeslaw Milosz, aber auch Stanislaw Jerzy Lec, selbst wenn er ein Geheimtipp blieb. Die Frage, ob die eigenwillige und durchaus ohne Interesse an Verbreitung und allgemeiner Verständlichkeit schreibende Lyrikerin Wislawa Szymborska ohne ihn den Literaturnobelpreis bekommen hätte, ist gestellt worden. In der Übertragung ihrer Gedichte schlägt sich die Arbeit als Komplett-Vermittler einer fremden Welt besonders deutlich nieder.

Einen Höhepunkt fand Dedecius’ Tätigkeit im 2000 abgeschlossenen siebenbändigen Nachschlagewerk „Panorama der polnischen Literatur des 20. Jahrhunderts“. Schon zwanzig Jahre zuvor gelang ihm ein anderer, hoffentlich weitreichender Coup: Er fand breite Unterstützung für die Gründung des Polen-Instituts auf der Darmstädter Mathildenhöhe, das sein Engagement entprivatisierte. Bis 1997 wurde das Institut von Dedecius geleitet.

Bescheidenheit also dem eigenen Schicksal gegenüber – anders als anderen entging Dedecius nicht, was Altersgenossen wiederfahren war –, aber ein offensives Vorgehen im Verbreiten und Befördern der Arbeit: Seit 2003 vergibt die Robert-Bosch-Stiftung den Karl-Dedecius-Preis für Übersetzer. Der Vorlass wird seit Jahren im Karl-Dedecius-Archiv an der Viadrina-Universität in Frankfurt an der Oder betreut.

Der große Vermittler, der am Freitag 94-jährig in Frankfurt am Main starb, wie das Polen-Institut am Wochenende mitteilte, bereitete die Welt umsichtig darauf vor, dass es auch ohne ihn wird weitergehen können.

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