Nigeria

Im Versteck der Gefühle

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Chinelo Okparanta erzählt von einer lesbischen Liebe zu Zeiten des Biafra-Krieges.

Wann und wo das Schicksal die Weichen gestellt hat, die dem eigenen Leben eine bestimmte Richtung gaben, lässt sich nicht immer klar beantworten. Chinelo Okparantas Ich-Erzählerin Ijeoma aber ist sich sicher, diese Wendepunkte ihres Lebens im Nachhinein zu erkennen. Sie könne ihre Geschichte und die des Mädchens Amina nicht erzählen, sagt sie bereits auf den ersten Seiten des Romans „Unter den Udala Bäumen“, ohne zu erzählen, wie ihre Mutter sie von zu Hause wegschickte. Und dies wiederum nicht, ohne von jenem verheerenden Kriegstag zu erzählen, an dem ihr Vater sich weigerte, mit seiner Familie im Bunker Schutz zu suchen. „Wenn er sich nicht geweigert hätte, hätte Mama mich bestimmt nicht weggeschickt, und wenn Mama mich nicht weggeschickt hätte, wäre ich Amina nicht begegnet. Und wenn ich Amina nicht begegnet wäre, dann gäbe es vielleicht gar keine Geschichte zu erzählen.“

Chinelo Okparanta aber hat in ihrem Debütroman ganz sicher eine Geschichte zu erzählen, eine berührende und relevante noch dazu. Selbst als Zehnjährige mit ihrer Familie aus Nigeria in die USA migriert, verortet die Autorin das Leben ihrer eingangs elfjährigen Protagonistin Ijeoma im südöstlichen Nigeria der späten 60er-Jahren. In jenen Jahren des blutigen Bürgerkrieges also, als diese primär von den Igbo bewohnte Region sich als Republik Biafra vom Rest Nigeria abzuspalten versuchte und letztlich scheiterte.

Anders als etwa in Chimamanda Ngozi Adichies Roman „Die Hälfte der Sonne“ steht der Biafrakrieg nicht im Fokus des Buches. Okparanta nutzt ihn viel mehr als Hintergrundgeschehen, vor dem sich die Coming-of-Age- und Coming-Out-Geschichte ihrer Protagonistin abspielt. Der Tod des Vaters und die Lebensmittelblockade, die so viele Menschen im Biafrakrieg das Leben kostete, führen dazu, dass Ijeomas Mutter ihre Tochter als Hausmädchen zu Bekannten in einen anderen Ort schickt. Dort begegnet Ijeoma der gleichaltrigen Amina, die im Krieg ihre ganze Familie verloren hat.

Die Mädchen, beide einsam und entwurzelt, geben sich Halt. Und zwischen ihnen entspinnt sich eine zarte Liebe. So pur und unschuldig naiv, wie es nur eine erste Liebe unter Teenagern sein kann. Und doch, als sie entdeckt wird, eine Ungeheuerlichkeit, die in den Augen der Erwachsenen nicht sein darf. Weil Ijeoma Igbo und Christin, Amina aber Hausa und Muslimin ist, sie also die gegnerischen Seiten im Bürgerkrieg repräsentieren. Vor allem aber, weil sie beide Mädchen sind.

Ein „Gräuel“ sei die Homosexualität, predigt Ijeomas Mutter ihrer Tochter, die sie nun wieder zu sich holt. Mit Bibelstunden versucht sie über Monate, Ijeoma ihre Gefühle auszutreiben. Geschickt analysiert Chinelo Okparanta mittels langer Mutter-Tochter-Dialoge das traditionelle und religiöse Wertgeflecht. Zugleich wappnet sie ihre Ich-Erzählerin aber auch mit kritischem Urteilsvermögen, mit dem das Mädchen die wörtliche Auslegung der Bibelstellen und deren einseitige Interpretation hinterfragt.

Doch gegen die Übermacht gesellschaftlicher Konventionen, eines religiösen Moralverständnisses und verbreiteter Homophobie kommt die Heranwachsende nicht lange an. Sie lernt, ihre Gefühle zu verstecken, später auch zu verleugnen. Ijeoma fügt sich schließlich dem Druck, heterosexuell heiraten zu müssen. Und schafft es trotz widrigster Umstände am Ende doch, einen Weg zu finden, zu sich und ihrem wahren Begehren zu stehen.

Okparanta findet dafür eine eingängige Sprache, durchzogen von Sprichwörtern und Fabeln, sowie Redewendungen aus dem Igbo und Pidgin-Englisch. Die Übersetzerinnen Maria Hummitzsch und Sonja Finck haben diese für nigerianisches Sprechen und auch die Literatur so typische Melange geschickt ins Deutsche übertragen, indem sie Pidgin- und Igbo-Originalwortlaut an den entsprechenden Stellen beibehalten haben. Ergänzt um die deutsche Übersetzung lässt es wörtliche Rede zwar zuweilen schwerfälliger erscheinen, als sie es tatsächlich ist, hält so aber eine gute Balance zwischen Originalton und Verständlichkeit.

Anders als es die Ich-Erzählerin eingangs herleitet, hätte es den im Laufe des Romans bald endenden Biafrakrieg vielleicht nicht gebraucht, um diese Geschichte einer lesbischen Identitätssuche zu erzählen. Denn Ijeomas Schicksal könnte auch ein gegenwärtiges sein. Eine Community, die nur hinter verschlossenen Türen das eigene Begehren ausleben kann, in ständiger Angst vor Entdeckung und brutaler Hasskriminalität: Diese Realität entspricht leider auch dem aktuellen Status quo in Nigeria. Chinelo Okparanta selbst stellt den Gegenwartsbezug in einem kurzen Nachwort her: Seit 2014, so schreibt sie, kriminalisiert in Nigeria ein Gesetz gleichgeschlechtliche Beziehungen und „deren Unterstützung“ und bestraft sie mit bis zu 14 Jahren Haft. In den nördlichen Bundesstaaten droht gar der Tod durch Steinigung.

Sie wolle mit ihrem Buch daher „der marginalisierten LGBTQ-Community Nigerias eine Stimme und einen Platz in der Geschichte unserer Nation geben“, schreibt Okparanta. Wenn eines angesichts der düsteren Realitäten Mut macht, dann dass die nigerianische Literaturszene sich ihnen entgegenstemmt. Nach der Anthologie „She Called Me Woman“ wird im Sommer in Nigerias wichtigstem Belletristik-Verlag, Cassava Republic, erneut ein Erzählband erscheinen, der sich mit dem Themenbereich auseinandersetzt, „Queer Men’s Narrative“.

Und auch Chinelo Okparanta fügt sich mit ihrem Roman in eine wachsende Reihe junger nigerianischer Autorinnen und Autoren, die der politisch und religiös untermauerten Stigmatisierung und Verfolgung zum Trotz ihre Stimme gegen den Hass erheben. Die von schwulen Protagonisten schreiben (Jude Dibia), von non-binärer, transgeschlechtlicher Identität (Akwaeke Emezi) oder eben von einer lesbischen Liebe in Zeiten des Biafrakrieges.

Chinelo Okparanta: Unter den Udala Bäumen. A. d. Engl. von S. Finck / M. Hummitzsch. Wunderhorn 2018. 336 S., 25,80 Euro.

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