Probenpause in Chicago, 1942: Artur 3. v. l., Therese ganz rechts.
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Probenpause in Chicago, 1942: Artur 3. v. l., Therese ganz rechts.

Artur und Therese Schnabel

"Verstaubt, vermodert"

  • Hans-Klaus Jungheinrich
    vonHans-Klaus Jungheinrich
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Scharfe Urteile, intensiver Austausch und ein Liebesroman: Die Briefe des Künstlerpaares Artur und Therese Schnabel in einer opulenten Edition.

Musikbücher gehören nicht gerade zum Leichtverkäuflichen, wenn es nicht um Opern- oder Konzertführer oder ein Kompendium wie Joachim Kaisers Werk über die 32 Klaviersonaten von Beethoven geht. Umso erstaunlicher ist ein monumentales Unternehmen, mit dem sich nun der vor den Toren Frankfurts in Hofheim am Taunus residierende Wolke Verlag schmückt.

Man kennt und bewundert seit längerem die anspruchsvollen und mit Sorgfalt edierten Bücher über (oft keineswegs populäre) Musikthemen aus diesem Hause. Gleichwohl ist man verblüfft über den neuen aufwändigen Schuber, der drei stattliche Bände mit Briefen des Ehepaares Artur und Theresa Schnabel enthält. Ganz unvorbereitet trifft dieser musikliterarische Meteoreinschlag aber nicht. Im Einvernehmen mit dem Schnabel-Archiv und der Berliner Akademie der Künste legte der Verlag bereits mehrere Publikationen von und zu Schnabel vor.

Artur Schnabel (1882-1951) gehört zu den legendären mitteleuropäischen Pianisten der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Von uns heute Lebenden hat ihn wohl kaum einer noch live gehört, zumal er seit der Nazizeit in Deutschland nicht mehr auftrat. Auf Tonträgern bleibt er präsent als eine der maßgeblichen Beethoven-Autoritäten überhaupt. Mit eigenen Kompositionen auf Seitenwegen der Moderne fand er (ähnlich wie Furtwängler) die Anerkennung kultivierter Gleichgesinnter. Therese Behr-Schnabel war sechs Jahre älter und überlebte ihren Mann um neun Jahre. Sie galt als eine hervorragende deutsche Liedersängerin. Viele internationale Auftritte absolvierte sie gemeinsam mit Artur; später unterrichtete sie, wie periodisch auch er.

Das Künstlerpaar, vor allem durch Arturs weltweite Konzerttätigkeit immer wieder getrennt und auf briefliche Kommunikation angewiesen, lässt auch in der Korrespondenz flagrante Temperamentsunterschiede erkennen. Sie schreibt impulsiv, manchmal unkontrolliert, dabei höchst anschaulich und mitunter drastisch. Er ist der Besonnene, bleibt auch knapper und mitunter gar karg, ist dabei prägnant und witzig. Beide neigen zu ausgiebiger Selbstreflexion. Es hängt wohl mit den damaligen Zeitläuften zusammen, dass sie immer wieder auch einmal mit der konventionellen Frauenrolle kokettiert und – für den heutigen Geschmack etwas nervtötend – zu ihrem Gatten „aufblickt“.

Natürlich spiegelt sich in den Briefen des Paares auch ein fulminanter Liebesroman. Das leidenschaftliche Timbre der frühen gegenseitigen Anschreiben wird selbstverständlich nicht durchgehalten. Vor allem Artur gibt sich später sachlicher, egozentrischer, während Therese immer mehr auf ihn bezogen bleibt.

Auch von Krisen wird die Beziehung nicht verschont. Zwei Briefe Thereses sind erschütternde Dokumente der existentiellen Verunsicherung durch eine außereheliche Affaire Arturs. Von der nichtehelichen Tochter ist noch häufiger die Rede. In den letzten Jahrzehnten bleibt der Ton zwischen beiden gleichmäßig liebevoll. Das Verhältnis Arturs zu seinen beiden künstlerisch begabten Söhnen Karl Ulrich (Pianist) und Stefan (Schauspieler) war nicht immer komplikationslos; auch da bewies die Mutter weitaus mehr „Weisheit“ und Empathie.

Eine Fundgrube sind die Briefe auch als musikgeschichtliches Auskunftsmaterial. Nur selten kann es dabei um zusammenhängendere oder gar systematische Erkenntnisse gehen – wie etwa in Arturs bemerkenswert eingehenden, zwischen Ratlosigkeit und Hellsicht schwankenden Bemerkungen über Sibelius aus den 30er Jahren. Aber es werden viele kleine Geschichten und Anekdoten aus Kollegenkreisen kolportiert. Schnabel war berühmt für spitze Bemerkungen und bissige Urteile (in diesem Punkt stand er seinem Freund Otto Klemperer nicht nach). Therese äußert sich durchweg noch ungeschützter, ja polternder, und lässt noch weniger gelten (Schönbergs Klavierstücke: „furchtbar langweiliges Zeug, verstaubt, vermodert…“). Zeitgenossen wie Debussy, Richard Strauss, Rachmaninow finden keine Gnade.

Mehr Achtung genießen Hindemith und Krenek, mit denen man in der amerikanischen Emigration verkehrt – wegen Artur Schnabels jüdischer Herkunft ging die Familie 1933 ins Exil (über Italien und England). Als bedrückend erlebt wurden die McCarthy-Jahre in den USA.

Wie im Grunde auch Hindemith, der schon in Deutschland zu den Freunden Schnabels gehörte, waren Artur und Therese typisch auf die „klassische“ deutsche Musik fixierte Künstler, denen andere Musiktraditionen fremd blieben (eine periphere Begegnung Thereses mit einem Klavierkonzert von Schostakowitsch: „grässlich“). Kein Wunder, dass beide Schwierigkeiten hatten, sich in den USA einzuleben. Im politisch brisanten Jahr 1933 ist das Hauptthema der Briefe allerdings das neu erworbene Familienauto. Voller Anteilnahme kommentieren die Schnabels den widerwilligen Entschluss der Hindemiths zum Exil. Furtwänglers Verbleiben in Deutschland wird kritischer und letztlich doch als Kollaboration gesehen. Immerhin registriert Therese Furtwänglers Absage eines New York-Auftritts, weil er sich offenbar nicht (immer) zu Goebbels’ Aushängeschild machen wollte.

Die spannende Lektüre dieser familiären Lebensläufe und ihres Umfeldes wird aufgelockert durch zahlreiche Fotos. Als Herausgeberinnen fungieren Britta Matterne und Ann Schnabel Mottier, letztere eine Enkelin von Therese und Artur. Das Briefwerk wird trotz seines gewaltigen Umfangs als „Auswahl“ annonciert, und auch innerhalb der Brieftexte wurden gelegentlich (aus Personenschutzgründen) Kürzungen vorgenommen. Der biographisch-zeitgeschichtliche editorische Tripelschlag genügt höheren wissenschaftlichen Ambitionen. Ein Grund dafür ist die Übernahme sämtlicher Anmerkungen und Zusatzinformationen in einen separierten Extraband, der, ein imposanter „Apparat“ von beiläufig 560 Seiten, die den Briefen vorbehaltenen beiden ersten Bände ergänzt. Das erschwert die Lektüre, weil er für die ständig notwendigen Erklärungen immer noch ein zweites dickes Buch neben sich parat haben muss.

Britta Matterne und Ann Schnabel Mottier (Hg.): Ein halbes Jahrhundert Musik. Der Briefwechsel Artur Schnabel und Therese Behr-Schnabel 1900-1951. 3 Bände im Schuber. Wolke Verlag, Hofheim am Taunus 2016. 2068 Seiten, 89 Euro.

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