+
Stufe für Stufe das Logo der Leipziger Buchmesse.

Leipziger Buchmesse

Das Versprechen der Literatur

  • schließen

Die Leipziger Buchmesse vergewissert sich der Dimensionen des Lesens.

Optimismus und Entdeckungslust sind nicht unbedingt die ersten Regungen, die einem in diesen Tagen auf dem Weg zur Leipziger Buchmesse in den Sinn kommen. Und das hat keineswegs nur mit der angespannten ökonomischen Lage der Buchbranche zu tun, die im Ringen um die Lesergunst auf die Erschließung neuer Vertriebsformen und die Ausschöpfung digitaler Rezeptionsarten hofft. Es geht am Versammlungsort Buchmesse eben immer auch um ein Nachdenken darüber, was an der Zeit ist.

„The Years of Change“ heißt eine Veranstaltungsreihe, die die Bundeszentrale für Politische Bildung im Rahmen des Messeprogramms organisiert. Deutschland, Tschechien, Ungarn, Polen, Rumänien und die Slowakei stehen dabei im Fokus eines auf drei Jahre angelegten Schwerpunkts, der mehr sein soll als nur ein historischer Rückblick auf die gesellschaftspolitischen Umbrüche in Europa.

Die Stimmung des Aufbruchs in den Transformationsgesellschaften Osteuropas bildete einmal das wesentliche Unterscheidungsmerkmal der Leipziger Buchmesse gegenüber seinem Frankfurter Pendant im Herbst. Die Veranstaltungen des einzigartigen Formats „Leipzig liest“ waren getragen von einer demokratischen Meinungsfreude, und in den engen Messehallen in der Leipziger Innenstadt hatte man nach 1989 ganz unmittelbar das Gefühl, an einem bedeutenden sozialen Wandel teilzuhaben. Es war eine starke Geste, dass man dabei nicht nur auf die Empfindungen im gerade wiedervereinigten Deutschland schaute, sondern der Blick ausgeweitet wurde auf das Geschehen in Krakau, Tiflis, Vilnius und Lwiw. Tatsächlich waren hier Kulturlandschaften und Sprachen zu entdecken, die zwar keineswegs verschwunden waren, aber auf ganz unterschiedliche Weise politisch-administrativen Lenkungsarten unterstanden, die es nun zu überwinden galt. Aus heutiger Sicht ist es fast verwunderlich, dass es in solidarischer Neugier geschah.

Der Zauber der frühen Wendejahre ist vorbei, und das ist keineswegs nur die Folge einer rücksichtslos betriebenen Renationalisierung in Ländern wie Polen und Ungarn, wo die Grundsätze der Meinungs- und Pressefreiheit auf empfindliche Weise verletzt werden. Wenn nicht alles täuscht, hat insbesondere auch in der literarisch interessierten Öffentlichkeit die Aufmerksamkeit gegenüber den Entwicklungen in den Nachbarländern stark nachgelassen. Zwar darf sich Tschechien, das diesjährige Gastland der Leipziger Buchmesse, für ein paar Tage auf ein gesteigertes Interesse an seiner literarischen Produktion freuen. Die Zahl der übersetzten Bücher ist deutlich gestiegen. Aber dass daraus ein anhaltender Trend erwachsen kann, glaubt kaum einer der Experten.

Der Slogan „Wir zuerst“ drückt gegenwärtig nicht nur das schamlose Selbstverständnis eines populistischen Politikdarstellers aus. In ihm ist auch eine allgemeine Haltung des Rückzugs zu erkennen, in der man glaubt, sich am besten gegenüber drohenden Gefahren wappnen zu können.

Dabei wäre die Literatur doch ein geeignetes Gegengift. In ihr können wir in frei erfundene Welten reisen, aber auch in die Länder gleich nebenan. Und wenn die Not groß ist, wie gerade in Algerien, unterrichtet uns ein Schriftsteller wie Boualem Sansal über den Stand der Dinge. Die Übermittlung solchen Wissens ist noch immer das große Versprechen aus der Welt der Bücher.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion