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Alice Salomon promovierte 1906 über die ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen.
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Alice Salomon promovierte 1906 über die ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen.

Buchbesprechung

Versöhnung war ihr Ziel

Sie promovierte Anfang 1906 über Ursachen ungleicher Entlohnung. 1937 stellten die Nazis sie vor die Wahl: Emigration oder KZ. Nun sind Alice Salomons "Lebenserinnerungen" im Deutschen erschienen.

Von RENATE WIGGERSHAUS

Dem NS-Regime war die 55-jährige Sozialpädagogin und Frauenrechtlerin Alice Salomon nicht geheuer. Am selben Tag im Mai 1937, als die Berlinerin von ihrem örtlichen Polizeirevier die Nachricht erhielt, dass ihre Bitte um einen neuen Pass wegen Ablaufs des alten erfüllt worden sei, da nichts Nachteiliges gegen sie vorliege, musste sie im Polizeigebäude in Berlin-Mitte Gestapo-Beamten Bericht über ihre Auslandsreisen erstatten.

Das vierstündige Verhör endete mit dem Befehl, dass sie das Land innerhalb von drei Wochen zu verlassen habe. "Es ist mir", schrieb Salomon in einem Abschiedsbrief an Freunde, "offiziell mitgeteilt worden, dass ‚Juden' - also in meinem Fall Christen jüdischen Blutes - die sich oft und lange im Ausland aufhalten, zur Vermeidung der Überweisung in ein Schulungslager, auszuwandern haben, und es sind mir nur drei Wochen Zeit für die Liquidierung meines Lebens in Deutschland belassen worden."

Die vielen Auslandsreisen und Kontakte im Ausland, kurz: die Internationalität, die Salomon in den Augen der Gestapo so verdächtig machte, dass sie vor die Alternative Emigration oder KZ gestellt wurde - diese Internationalität sorgte dafür, dass die befohlene "Liquidierung" eines jahrzehntelang von Berlin aus geführten tätigen Lebens frei von traumatischen Zügen blieb.

Internationalität und ein davon geprägtes Engagement für Sozialarbeit und Frauenemanzipation bilden auch den roten Faden der Autobiographie Salomons. Die Emigrantin, die 1944 US-amerikanische Staatsbürgerin wurde, hatte sie für ein amerikanisches Publikum auf Englisch geschrieben. Doch zur Publikation kam es nicht. Die deutsche Übersetzung bietet nun erstmals eine vollständige Version der Lebenserinnerungen der 1948 in New York verstorbenen Autorin.

Alice Salomon kam 1872 als zweites von sechs Kindern in Berlin zur Welt. Die Eltern, assimilierte Juden der Mittelschicht, schickten ihre Kinder auf christliche Schulen. Nach einer glücklichen Kindheit im Haus ihrer Eltern starben kurz nacheinander der erst 53-jährige Vater und wenig später die jüngere Schwester.

Alice verließ die Schule mit 15 und arbeitete in verschiedenen Wohlfahrtsorganisationen und Armeneinrichtungen. Gleichzeitig hörte sie Vorlesungen über Soziologie und Staatsbürgerkunde. Im Bund deutscher Frauenvereine organisierte sie 1898 mit nur 26 Jahren die erste Berufsberatungs- und Arbeitsvermittlungsstelle für Frauen. Nachdem 1900 die preußischen Universitäten für Frauen geöffnet worden waren, studierte sie neben ihren vielen Tätigkeiten im sozialen Bereich Nationalökonomie, Geschichte und Philosophie bei politisch engagierten, sozialreformerischen Professoren wie Gustav Schmoller und Alfred Weber.

Nach der Promotion über die Ursachen ungleicher Entlohnung gründete sie die Soziale Frauenschule in Berlin. Den Internationalen Frauenbund vertrat sie auf zahlreichen Kongressen. Im Unterschied zu einem großen Teil der deutschen Frauenbewegung blieb Alice Salomon Internationalistin und Pazifistin. Dennoch war es für sie während des Ersten Weltkrieges selbstverständlich, die Betreuung von Kindern zu organisieren, deren Väter im Krieg gefallen und deren Mütter zu Arbeiten in Munitionsfabriken eingezogen oder als Krankenschwestern, Telefonistinnen usw. an die Front geschickt worden waren.

Nach dem Krieg galt ihr ganzes Bemühen der Versöhnung zwischen den verfeindeten Ländern. Die Bitte, für die liberaldemokratische DDP zu kandidieren, schlug sie ebenso aus wie das Angebot eines Postens im Außenministerium. Die Jahre 1924 bis 1929 erlebte auch Alice Salomon als eine Blütezeit, in der zum Beispiel die Deutsche Akademie für Soziale und Pädagogische Frauenarbeit Abhilfe für das Problem schaffen sollte, dass "hochgebildete und sozial gesinnte Frauen" sich für "menschliche Lebensbedingungen" engagierten, aber Männern unterstellt blieben, die die Ansichten von Verwaltungsbeamten vertraten. Doch auch Frauen bereiteten Probleme. Salomon wäre Präsidentin des Internationalen Frauenbundes geworden, wenn nicht der Deutsche Frauenbund 1927 ihre Nominierung wegen ihrer "Rasse" verhindert hätte. So war die Zwangsemigration 1937 nicht ohne Vorzeichen.

Das Buch besticht als Vergegenwärtigung der Entwicklung einer Frau, die einen lebenslangen sozialreformerischen und emanzipatorischen Elan mit Weltoffenheit verband. Es enthält lebendige Porträts insbesondere von in Deutschland weniger bekannten Persönlichkeiten der internationalen Frauenbewegung. Die aus einer US-amerikanischen Quäkerfamilie stammende Jane Addams zum Beispiel setzte sich für eine Verbesserung des Jugendschutzes und der Armenpflege ein. Die Einführung des ersten Jugendgerichts in Chicago ist ihr Verdienst. In einem Chicagoer Arbeiterviertel richtete sie ein Bürgerhaus - das später berühmte Hull House - für alle ein. 1931 wurde sie mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Weltzugewandt blieb Alice Salomon auch auf der Reise ins Zwangsexil. "Sehen Sie sich das an. Ist Gottes Welt nicht überall schön?", meinte sie angesichts holländischer Landschaften zu der erstaunten Freundin, die sie 1937 heimlich begleitet und befürchtet hatte, Salomon würde zusammenbrechen, sobald die Grenze überschritten wäre.

Alice Salomon: Lebenserinnerungen. Hrsg. von der Alice Salomon Hochschule Berlin. A. d. Engl. v. Rolf Landwehr. Brandes & Apsel 2009, 364 S., 29,90 Euro.

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