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Versionen eines Vaters

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Der neue Johnson-Preisträger Jan Koneffke, hier bei der Frankfurter Buchmesse.
Der neue Johnson-Preisträger Jan Koneffke, hier bei der Frankfurter Buchmesse. © dpa

Der Uwe-Johnson-Preis 2016 geht an Jan Koneffke, der mit seiner Kannmacher-Trilogie ein großes deutsches Zeitpanorama erzählt hat.

Von Sabine Vogel

Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen.“ Der vielzitierte Satz von William Faulkner könnte sich auch Jan Koneffke aufgedrängt haben, als er vor einigen Jahren zum ersten Mal Briefe zu Gesicht bekam, die sein Vater als 17-jähriger Soldat der Wehrmacht noch kurz vor Kriegsende geschrieben hatte. Was er darin an patriotischem Eifer und grausamem Heldentum, an Rohheit und mörderischer Kriegsbegeisterung vorfand, ließ sich nicht in Einklang bringen mit dem geliebten Vater, den er gekannt hatte.

Für seinen jüngsten Roman „Ein Sonntagskind“ verarbeitet Jan Koneffke die individuelle Lebensgeschichte seines Vaters, der in der Nachkriegszeit zu einem marxistischen Bildungstheoretiker und Professor wird, zu einem deutschen Zeitpanorama, das sich von 1944 bis zur Wende 1989 und bis fast in die Gegenwart erstreckt. Im Roman-Protagonisten Konrad Kannmacher erfindet Koneffke seinen 2008 verstorbenen Vater neu. Auch fügt er die teilweise fiktionalisierte Vaterfigur in das übergreifende Geschichtsepos seiner Familiensaga ein, das er bereits in seinen zwei vorherigen Romanen angelegt hat.

Während Koneffke in „Eine nie vergessene Geschichte“ (2008) von Flucht und Vertreibung der Urgroßelten aus dem pommerschen Dorf Freienwalde erzählt, verleiht er einem im Zweiten Weltkrieg verschollenen, vermutlich gefallenen Onkel, gleich aberwitzige „sieben Leben des Felix Kannmacher“ (2011). In denen taumelt der Held in einem orientalischen Erzählreigen von einer Bar im Berliner Nikolaiviertel in den Horror des Zweiten Weltkriegs durch Osteuropa bis zu den menschlichen Schlachthöfen und zwielichtigen Casinos nach Bukarest und Wien.

Mit der Geschichte des schuldig gewordenen Sonntagskindes zeichnet Jan Koneffke in einem der bitteren Härte des authentischen Materials angepassten Erzählduktus auch das umfassendere Bild einer in Scham, verdrängter Schande und Schweigen verkümmerten Generation.

Die Erkenntnis der tiefen Lebens-und Vorstellungsbrüche der sogenannten Flakhelfergeneration führt den Schriftsteller neben der eigenen Familienaufstellung zu allgemeingültigen Fragen danach, auf welche Weise sich individuelle und kollektive Verdrängung in einer Gesellschaft und ihrer Entwicklung niederschlagen. Der Konrad Kannmacher des Romans wird zunächst Schullehrer in Schleswig Holstein, mausert sich im Selbststudium (in Nachfolge des Großvaters) zum moralphilosophischen Kantianer, macht an der Universität in Frankfurt Karriere, manövriert sich durch schwierige Frauenbeziehungen, und versucht seine Schuld als Linker, Sympathisant und sogar RAF-Unterstützer zu kompensieren.

Aber Koneffke wäre nicht der grandiose Erzähler, der er ist, würde er dieser gebrochenen Vaterfigur nicht auch eine verspielte, fast märchenhafte Seite dazu erdichten. Zu den ihm durch den Jugendfreund des Vaters überlassenen Landserbriefen schenkt Koneffke dem Vater ein Schulheft, in das jener seine jugendlichen Fantasien von Mondraketen und verführerischen Flussnixen schreibt.

Mit „Sonntagskind“ hat Koneffke den persönlichsten und wahrhaftigsten Teil seines deutschen Jahrhundertpanoramas über die halbfiktive Familie Kannmacher geschrieben. Koneffkes Heimatromantrilogie von der Vertreibung der Urgroßeltern aus Pommern ist in einer Gegenwart angekommen, für die es wie für die Vergangenheit kein Ende gibt. Und damit steht Jan Koneffke in der großen Tradition eines Uwe Johnson.

Die Autorin ist seit 2014 Mitglied der Jury. Der Uwe-Johnson-Preis wird seit 1994 alle zwei Jahre durch die Mecklenburgische Literaturgesellschaft e.V., den „Nordkurier“ und die Rechtsanwälte Gentz und Partner vergeben. Zu den bisherigen Preisträgern zählen u.a. Lutz Seiler, Christa Wolf, Jürgen Becker, Marcel Beyer und Walter Kempowski.

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