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Das SS-Verbrechen wurde als "Das Massaker - Der Fall Kappler" mit Marcello Mastroianni (l.) und Richard Burton 1973 verfilmt.

Literatur

Verschwiegene Vergangenheit

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Felix Bohr analysiert in seinem Buch die Machenschaften der "Kriegsverbrecherlobby".

Von einer Erfolgsgeschichte will der Historiker Felix Bohr nicht sprechen. Vielleicht sei es ein wenig voreilig gewesen, wenn manche Kollegen aus seiner Zunft die Geschichte der Bundesrepublik nach 1945 als ein Erfolgsmodell herausstellen. Sicherlich sei der Prozess der Demokratisierung gut verlaufen. Nicht übersehen sollte man allerdings, dass sich immer wieder Kräfte gegen die Demokratie in Stellung brachten und sich zu diesem Zwecke auch für die Freilassung verurteilter NS-Täter einsetzten. Felix Bohr nennt sie „Kriegsverbrecherlobby“. Sie machten aus „Kriegsverbrechern“ kurzerhand „Kriegsgefangene“. Diese Geschichte stellt Bohr jetzt akribisch und facettenreich dar.

Bohr beschreibt das Wirken dieses Netzwerkes anhand von fünf deutschen Tätern, allesamt SS-Leute. Anders als die nach Tausenden zählenden Täter, die nach dem 8. Mai 1945 untertauchten, saßen diese Männer in Gefängnissen in Italien und in den Niederlanden. Als Kriegsverbrecher verurteilt von Gerichten in den Nachbarländern. Recht bald allerdings flochten Kirchenverbände, Veteranenvereinigungen und im Dienst der jungen Republik stehende Diplomaten Netzwerke, um ihnen rechtliche und materielle Hilfe zukommen zu lassen.

Die Bemühungen dieser Lobbygruppe skizziert Felix Bohr. Sie engagierten sich für den SS-Mann Herbert Kappler, der als Kommandeur der Sicherheitspolizei das grausame Massaker an 335 Italienern in den Ardeatinischen Höhlen am Stadtrand von Rom zu verantworten hatte. Und für „die Vier von Breda“, maßgeblich beteiligt an der Deportation und der Ermordung niederländischer Juden. Zu ihnen gehörten die ehemaligen SS-Männer Joseph Kotalla, Willy Lages, Ferdinand aus der Fünten und Franz Fischer. Die beiden Ersteren starben in Haft, Fünten und Fischer wurden 1989 begnadigt und entlassen.

Die Täter konnten sich nach der Studie Bohrs bereits seit Beginn der 50er Jahre auf „rechtliche, finanzielle und politische Unterstützung“ verlassen. Sie bekamen Spenden, erhielten die Rückenstärkung der Kirchen beider Konfessionen, die die Freilassung der Täter für einen Akt der Gnade hielten, und sie konnten darauf setzen, dass die jeweilige Bundesregierung mitunter nicht unbeträchtliche Anwaltskosten übernahm. In einer Zeit, in der NS-Opfer noch lange Jahre für Anerkennung und Entschädigung kämpfen mussten.

Bohr stützt seine Untersuchung der „Kriegsverbrecherlobby“ auf die Studie zur „Vergangenheitspolitik“ des Jenenser Zeithistorikers Norbert Frei. Sein nachhaltig wirkender Begriff bezieht sich auf die Anfangsjahre der Bundesrepublik: Bereits „Mitte der fünfziger Jahre musste fast niemand mehr befürchten, ob seiner NS-Vergangenheit von Staat und Justiz behelligt zu werden.“ Bohr will nun „das Konzept der Vergangenheitspolitik“ über die 50er Jahre hinaus erweitern, die die Wiedereinstellung von belasteten Beamten, die Amnestiegesetze und das frühe Ende der Entnazifizierung gebracht hatten. Bohr geht die Geschichte der Republik von den Anfängen mit der Regierung Konrad Adenauers aus ab. Wie allen Bundesregierungen bis in die 70er Jahre hinein sei es Adenauer früh darum gegangen, „eine Aussöhnung“ zu schaffen – selbst wenn das, wie Außenminister Heinrich von Brentano etwa im März 1956 nach einem Besuch in Den Haag anmerkte, nicht leicht gewesen sei, wenn man sich vor Augen führe, wofür NS-Täter wie „die Vier von Breda“ geradestehen sollten: „In den meisten Fällen handelt es sich um wirklich beispiellose Verbrechen.“

Eine Sichtweise, die sich bundesrepublikanische Parteien nicht zu eigen machten. Schließlich hatten sie als Volksparteien ein Interesse daran, in der Gesellschaft keine Gräben aufzureißen. Felix Bohr zeichnet nach, wie es wechselnde Regierungen von Adenauer über Willy Brandt und Helmut Schmidt mit der Hilfe für Kriegsverbrecher hielten.

Für eine Zäsur sorgte schließlich Präsident Richard von Weizsäcker. Zum 40. Jahrestag des Kriegsendes hat er eine neue Bewertung dieses 8. Mai gewagt – nicht als Einschnitt, der als „Niederlage“ zu bewerten sei, sondern vor allem als Zeitenwende der „Befreiung“ von Gewaltherrschaft. In diesem Sinne habe er während seines Besuchs in den Niederlanden an das Kriegsende erinnert und hinzu gesetzt: Wenn die Täter von Breda freikämen, „dann doch nicht aufgrund eines Appells eines Deutschen, sondern aufgrund (des niederländischen) Rechtsempfindens.“

Plötzlich ein anderer Akzent in der Nachkriegsgeschichte. Bis dahin, so hebt Felix Bohr hervor, gehört in diese Zeit gleichzeitig das Streben nach Aufklärung und der Wunsch nach Verdrängung: Viele Menschen zeigten sich zwar erschüttert über das, was Anfang der 60er Jahre im Prozess gegen Eichmann in Jerusalem und wenig später im Auschwitz-Prozess in Frankfurt die NS-Verbrechen zur Sprache kam. Und doch befanden viele, dass es jetzt genug sein müsse. Erst drei Jahrzehnte später gelangt die Entschädigung ehemaliger NS-Zwangsarbeiter überhaupt auf die Tagesordnung.

Auch deshalb, darauf beharrt Bohr in seiner lesenswerten Studie, dürfe nicht verkannt werden, dass „es große Versäumnisse in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus“ gegeben habe. Mit diesem Befund gelte es „die bundesdeutsche Kriegsverbrecherlobby und ihr Erbe“ kritisch zu beleuchten. Bohr hat dazu einen wichtigen Beitrag geleistet. Zumal, wenn er mit diesem Beispiel den Blick auf die – noch immer – unermüdlich wirkenden Bemühungen um Relativierungen der Geschichte schärfen kann.

Felix Bohr: Die Kriegsverbrecherlobby. Bundesdeutsche Hilfe für im Ausland inhaftierte NS-Täter. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018. 558 S., 26 Euro.

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