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Selbst Reinhold Messner wirkt auf einmal falstaffisch. Falls es dieses Wort gibt.

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Die Verschlankung der Literatur

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Die Autorenfotos zur kommenden Frankfurter Buchmesse verstören. Wie konnten wir übersehen, dass auf einmal alle so dünn und alert sind?

Sie denken, es sei noch lange hin bis zur Frankfurter Buchmesse. Ganz falsch. Jeden Tag teilt irgendein Verlag uns Journalisten uns mit, welche seiner Autoren wir dort im Oktober werden treffen können. Und damit wir dort nicht verloren herumstehen, werden die Autoren mit Foto vorgestellt. So können wir uns ihre Gesichter einprägen und beherzt auf sie zugehen, wenn wir mögen. Ich bin jetzt allerdings eher verängstigt. Jahrelang habe ich mich lustig darüber gemacht, wenn man mir erklärte, ich lebte in einer Fernsehdemokratie und Politiker müssten gut aussehen, um eine Chance beim wählenden Fernsehbürger zu haben. Seht sie Euch doch an, höhnte ich. Wer sieht denn gut aus von denen?

Ich möchte jetzt keine Namen nennen. Das klingt dann gleich so diskriminierend. Aber wir werden uns doch darauf einigen können, dass das politische Führungspersonal der Bundesrepublik sich ästhetisch ganz sicher nicht abhebt vom Durchschnitt der Bevölkerung.

Nun aber, bei den Einladungen zur Buchmesse nach Frankfurt fällt mir doch auf, dass ein Autor heute offenbar schlank und alert aussehen muss. Keiner, der sein Fett mühsam in einen Sessel zwängen müsste. Nirgends ein Dürrenmatt zu sehen. Ich habe mir die Liste der Fischer-Autoren angesehen und immer tiefer fraß sich eine von Neid gefütterte Depression in meinen überfetteten Körper. Von Ahmed Ahmad bis Klaus Peter Wolf hat kaum einer auch nur ein Gramm zu viel. So ein durchtrainierter Körper wie der meines Helden Reinhold Messner wirkt falstaffisch – gibt es das Wort? – wenn er dem Hungerhaken Édouard Louis folgt. Wenn selbst ein Autor, der einen „Gruß aus der Küche“ veröffentlicht, mit hohlen Wangen auftrumpft, dann sehnt einer wie ich – schon um sich nicht verzweifelt aus dem fünften Stock des Treppenhauses hinunterstürzen zu müssen – sich nach Thomas Hettche, Wilhelm Genazino oder Ingo Schulze. Von wegen Ingo Schulze! Er wird auch auf der Buchmesse sein. Fischer zeigt, schlank und rank. So sieht einer aus, der lächelnd dem nächsten Marathonlauf entgegenrennt.

Die deutsche Literatur hat sich verschlankt. Kollegen sagen mir, das sei schon lange so. Ich hätte es nur nicht gemerkt. Kann sein. Es wäre besser gewesen, ich hätte mich mehr im Literaturbetrieb bewegt, dann wären die Verlagshinweise jetzt nicht ein solcher Schock für mich gewesen.

Womöglich hätte ich – konfrontiert mit der Schönheit der anderen – inzwischen auch zwanzig Kilo abgebaut und würde meine Hemden wieder in der Hose tragen. Und tailliert wären sie auch.

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