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Schön müssen die Bücher sein, sagt Ingo Dr?ecnik.

Literatur

So verrückt und doch auch so vernünftig

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Eine Begegnung mit Ingo Dr?ecnik, Verleger des Elfenbein Verlags, der in diesem Jahr den Kurt-Wolff-Preis gewonnen hat.

Der Elfenbein Verlag erhielt dieses Jahr auf der Leipziger Buchmesse den mit 26 000 Euro dotierten Kurt-Wolff-Preis. Der Preis wird seit 2001 laut Satzung „für das Lebenswerk, für das Gesamtschaffen oder das vorbildhafte Verlagsprogramm eines deutschen oder in Deutschland ansässigen unabhängigen Verlages vergeben“. Den Elfenbein Verlag gibt es seit 1996. Er wurde gegründet, weil Ingo Dr?ecnik, geboren 1971, und Roman Pliske, geboren 1970, von den Gedichten von Andreas Holzschuh so begeistert waren, dass sie unbedingt sein Verleger sein wollten. Bald kamen andere zeitgenössische und tote Autoren dazu. Eine achtbändige Klabund-Ausgabe zum Beispiel. 

Gegründet wurde der Verlag in Heidelberg. Die Verlagsräume waren die Privatwohnungen, das Buchlager befand sich im ersten und zweiten Jahr des Verlags – die Bücher wurden bereits in den großen Feuilletons sehr positiv besprochen – unter den Betten der Chefs.

Schon mit der Klabund-Ausgabe hatte der Verlag sich als Teilhaber am Projekt Größenwahn zu erkennen gegeben. Dem schlossen sich im Lauf der Jahre an: eine Werkausgabe des berühmtesten Autors der portugiesischen Literaturgeschichte, Luís de Camões (1524–1580), des dichterischen Werks des bedeutendsten französischen Renaissance-Dichters, Pierre Ronsard (1524–1585), und die völlig verrückte zwölfbändige deutsche Ausgabe des Romanzyklus „Ein Tanz zur Musik der Zeit“ des bei uns bis zur Elfenbein-Übersetzung nahezu unbekannten englischen Autors Anthony Powell (1905–2000). Der letzte Band „Der Klang geheimer Melodien“ liegt seit dem 1. Oktober in den Buchhandlungen. So verrückt das Projekt schien, so klug und vernünftig wirkt es jetzt. Der Verlag hat dem deutschen Publikum nicht nur einen Autor erschlossen, er hat mit ihm auch seine ökonomische Situation deutlich verbessern können. 

Der viel beschworene „Mut zum Risiko“ kommt dem fernen Betrachter des Verlags wie dessen Lebensmotto vor. Wer mit Ingo Dr?ecnik spricht – seit 2002 ist er mit Familie, dafür aber ohne den Mitbegründer in Berlin –, der bekommt meist ein Lachen als Antwort auf die Fragen. Roman Pliske ist inzwischen Geschäftsführer des Mitteldeutschen Verlags in Halle. An Dr?ecniks Einstellung zum Büchermachen habe sich seit der Gründung des Verlages wenig geändert, er legt Wert darauf, die Bücher zu machen, die er gerne selbst lesen würde und wenn er sich in einen Autor vergucke, dann wolle er den Autor ganz. Nach wie vor achte er sehr auf die Kosten. Er habe nur ein kleines Lehrergehalt aus seinem Alltagsberuf und könne nicht aus einem großen Vermögen in einen kleinen Verlag investieren.

Schön müssten die Bücher außerdem sein und gut in der Hand liegen. Es seien Bücher für Leser, für Leute also, die sich Zeit nehmen für ihre Leidenschaft. Darum gehöre zu der Ausgabe von Powells Romanzyklus auch Hilary Spurlings Handbuch „Einladung zum Tanz“, das der Schweizer Literaturkritiker Andreas Isenschmid „die schönste lange Romanreise der Weltliteratur“ nannte. Ich sage dem Verleger, dass ich finde, Superlative hätten in der Literaturkritik nichts zu suchen. Er lacht und meint dann: „Wo er recht hat, hat er recht. Und Sie neigen selbst doch auch zum Enthusiasmus.“

Der Verlag trägt sich? Ja, das tue er. Er habe eine Backlist von weit mehr als 150 Titeln. Das helfe schon, meint Dr?ecnik, aber Großprojekte, wie sie ihn immer wieder anlachten, seien stets ein Wagnis. Aber er habe Glück gehabt. Einen richtigen Einsturz habe er noch nicht erlebt. Und die 26 000 Euro? „Die machen Mut.“ Er wisse schon, in welches neue größenwahnsinnige Projekt er sie stecken werde, aber verraten wolle er mir noch nichts.

Es gibt viele Gründe, den Elfenbein Verlag zu lieben. Ich ging ein Jahr lang in Portugal zur Schule. Luís de Camões lernte ich dort kennen. Wirklich gelesen habe ich ihn erst später. Die „Lusiaden“ sind ein kolonialistisches Heldengedicht, das sich nicht scheut, auch die Gräuel des Kolonialismus zu nennen. Dazu so mitreißend geschrieben, dass sie – in der Übersetzung von Hans-Joachim Schaeffer – noch heute begeistern. Vor zwanzig Jahren erschienen sie das erste Mal im Elfenbein Verlag. Seither sind sie lieferbar. Inzwischen in der vierten Auflage.

Zu den von Ingo Dr?ecnik entdeckten und viel zu wenig wahrgenommenen Autoren gehört Rainer Kloubert. Neben seinen Romanen stehen große Bücher über das alte Peking und seine Zerstörung. Nicht etwa durch Krieg und Bürgerkrieg, sondern durch den plötzlichen Reichtum. Ich liebe besonders sein Buch über „Yuanmingyuan“, den größten Palastgarten des alten China, der jetzt ein Ruinenfeld ist. Von Kloubert, der in Peking und London lebt, sind gerade im Elfenbein Verlag neue Geschichten aus dem Fernen Osten erschienen unter dem Titel „Vom fliegenden Robert“. 

Und ebenfalls gerade in die Buchhandlungen gekommen ist „Und der Himmel so blau“, eine Anthologie aus Texten von Einar Schleef (1944–2001), zusammengestellt von Hans-Ulrich Müller-Schwefe. Der langjährige Suhrkamp-Lektor war dramaturgischer Berater Schleefs. Wenn Sie heute nichts lesen, lesen Sie nur auf Seite 164 dieses Buches den Abschnitt „Sprechen“. Die Schauspielerin Joana Maria Gorvin (1922–1993) erklärt, dass es dem Schauspieler unmöglich sei, gleichzeitig Impuls und Wortverständlichkeit zu liefern. Er müsse sich entscheiden.

Verleger haben es, das ist von Ingo Dr?ecnik zu lernen, leichter. Sie liefern nicht ein Wort, sondern viele, nicht einen Text, sondern viele, nicht einen Autor, sondern viele. Wenn sie bei dem einen mehr auf den Impuls, das sich auf den Leser übertragende Gefühl von etwas, bei dem man nicht genau weiß, woran man dabei ist, setzen, können sie bei einem anderen die Wortverständlichkeit, die Klarheit, schätzen. Gerade weil sie wissen, dass die Welt aus beidem besteht und nur von beidem beschrieben und begriffen werden kann. 

Warum er zur Frankfurter Buchmesse fährt, die doch so teuer ist, frage ich Ingo Dr?ecnik. „Ich bin dort sehr glücklich. Es sind die einzigen Tage im Jahr, in denen ich nichts bin als Verleger.“

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