Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Etwas ist geschehen, alles ist verbrannt, jegliches Leben ausgelöscht: Die Welt in Heinz Helles neuem Roman "Eigentlich müssten wir tanzen".
+
Etwas ist geschehen, alles ist verbrannt, jegliches Leben ausgelöscht: Die Welt in Heinz Helles neuem Roman "Eigentlich müssten wir tanzen".

Heinz Helle „Eigentlich müssten wir tanzen“

Verrohung im Zeitraffer

Weiterfunktionieren nach der Apokalypse: Heinz Helles eiskalter Roman „Eigentlich müssten wir tanzen“ dreht den Menschen auf Null zurück.

Von Christoph Schröder

Die Tür zum Heizungsraum der verlassenen Bergstation ist verrammelt, aber was wäre frustrierender: Eine Tür nicht auf- oder die komplizierte technische Anlage dahinter nicht in Gang zu bekommen? Es bleibt also kalt dort oben, es ist Winter, es wird Nacht. „Der leere Speisesaal. Die weißen Hänge im Mondlicht vor den Panoramafenstern. Ihre Schönheit. Unser Hass auf sie und ihre Schönheit, weil wir plötzlich nichts anderes empfinden konnten als eine physische Angst vor dem Tod. Also tanzten wir. Fünf Männer tanzten.“

Heinz Helles neuer Roman ist ein Buch in 69 Einzelbildern, in starken, eindrücklichen kurzen Szenen, von denen einige sich nach der Lektüre eingebrannt haben werden, weil sie so verstörend sind, so grausam und kalt. Oder eben auch: so schön. Helles Debüt ?Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin? war eine auf den Nullpunkt herunter gekühlte Bewusstseinserforschung im Geiste Niklas Luhmanns. Der zweite Roman, dem man eine Nominierung nicht nur für die Long-, sondern auch für die Shortlist des Deutschen Buchpreises unbedingt gewünscht hätte, ist im Stoff zupackender, konkreter, aber in der Form nicht weniger radikal.

Fünf Männer, vermutlich allesamt Mitte 30, brechen auf zu einem Wochenendausflug in die bayerischen Alpen, irgendwo an der Grenze zu Tirol. Sie sind alte Freunde, immer wieder schießen Erinnerungen an gemeinsame Jugenderlebnisse an die Oberfläche. Beruflich sind sie gefestigt, Piloten, Architekten, Versicherungsmakler oder Biologen. Da oben verbringen sie die Tage in einer Hütte, trinken Bier, spielen alberne Spiele. Als Golde, Fürst, Drygalski, Gruber (so heißen sie) und der Ich-Erzähler am Morgen vor die Hütte treten, sehen sie dichten Rauch über dem Tal. Unten angekommen, treffen sie auf ein verheertes Szenario: Etwas ist geschehen. Die Welt hat sich verändert, die Dörfer und Menschen sind verbrannt; überall stoßen die fünf Männer auf Leichenansammlungen; jegliches Leben ist ausgelöscht.

Ein brutaler Sog

Derartige apokalyptische Entwürfe, das ist auffällig, haben in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur zur Zeit Konjunktur, man denke beispielsweise an Valerie Fritschs „Winters Garten“, doch erfreulicherweise gewinnt auch Heinz Helle seiner Dystopie einen ganz eigenen Reiz und Erkenntnisgewinn ab. Die chronologisch nicht geordneten Einzelszenen entwickeln einen buchstäblich brutalen Sog, denn was Helle dem Leser hier zumutet, ist eine Verrohung im Zeitraffer, ein Abtauen der dünnen Zivilisationsfirnis im bloßen Überlebenskampf. Andererseits bedient sich Helles Ich-Erzähler einer dezidiert distanzierten, geradezu naturwissenschaftlich-analytischen Sprache. „Eigentlich müssten wir tanzen“ ist eine Versuchsanordnung, in der der Erzähler Proband und Beobachter zugleich ist.

Erklärt wird nichts. Wie es zu der Katastrophe kam, welche Ursachen sie hat – das ist unwichtig. Wichtig ist, das verbindet Helles Roman mit einem Werk wie Cormac McCarthys Roman „Die Straße“, wie Menschen damit umgehen. Und was tun sie? Sie funktionieren weiter, irgendwie, weil es, wie es einmal heißt, besser ist, am Leben als tot zu sein. Nach und nach reduziert die Gruppe sich. Wer zu schwach ist, bleibt zurück. Mit Ungerührtheit wird das hingenommen.

Fürst bricht sich einen Fuß. Weitergehen kommt nicht in Frage. Die Gruppe lehnt ihn an eine Eiche am Wegrand, „und wenn sich nachher seine vom Schmerz verkrampften Züge wieder entspannen, wird er genau die Berge sehen, die er gesehen hat, als er noch im Besitz zweier gesunder Füße war und sein einziges Problem eine aus den Fugen geratene Welt. Dann gehen wir. Wir lassen ihn sitzen im nassen Gras, und wir hoffen, dass es heute Nacht nicht so kalt wird, dass er im Dunkeln sterben muss.“

Wenn die Welt aus den Fugen gerät, hat das schreckliche und komische Seiten. Es gibt eine unappetitliche Massenvergewaltigung und einen angedeuteten Fall von Kannibalismus. Es gibt aber auch einen riesigen Container, den die Überlebenden im Wald finden. Mit Hilfe eines alten Kühlschrankes gelingt es ihnen, den Container zu öffnen, darin: fabrikneue Kühlschränke en masse. Heinz Helle, gebürtiger Bayer, studierter Philosoph, ist kein lustvoller Untergangsbeschwörer. Er nähert sich dem an, was der Mensch ist – ein System, ausgerichtet auf das Überleben. Und das mitten im alten Europa, auf einem heillos versehrten Kontinent.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare