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Der Verratene

Erneut rollt Stefan Aust den Fall Ulrich Schmücker auf

Von Elke Schubert

Diese Affäre weist einige Besonderheiten und Rekorde auf, vor allem aber ist sie beispiellos. Der Prozess gegen die mutmaßlichen Mörder des Verfassungsspitzels Ulrich Schmücker ging nicht nur als längstes Verfahren in die deutschen Justizgeschicht ein, er wurde letztendlich eingestellt, weil die Angeklagten keinen fairen Prozess mehr erwarten konnten. Trotz aller Vertuschungsversuche demonstriert der Fall Schmücker, wie sehr der Verfassungsschutz in die Ermordung eines "Verräters" involviert war oder diese zumindest billigend in Kauf nahm. Für den Journalisten Stefan Aust ist die Affäre "der wohl abenteuerlichste Fall von Manipulation, der in der Bundesrepublik Deutschland je bekannt wurde". Aust ist einer der wenigen, die sich auch nach langer Zeit aufrichtig über die Begleitumstände von Schmückers Tod 1974 empören können.

Der Verhandlungsmarathon beschäftigte vier Gerichte und einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss. Dennoch gelang es nicht, Licht in die mysteriösen Umstände dieses Fememordes zu bringen. Nach 16 Jahren staatlich sanktionierter Behinderung und Beweismanipulation musste die Justiz kapitulieren. Offenkundige Täter kamen auf freien Fuß und mussten zudem finanziell entschädigt werden.

Schon Anfang der achtziger Jahre hatte Aust ein Buch über den Fememord in einem kleinen linken Verlag veröffentlicht, zu diesem Zeitpunkt war das volle Ausmaß des Skandals noch nicht gänzlich freigelegt und der Autor in seinen Recherchen beträchtlich behindert worden. Doch jetzt kann Aust auf neue Aktenfunde und Zeugenaussagen zurückgreifen, und wahrscheinlich ist dies nur möglich, weil der Fall Schmücker durch den großen Zeitabstand keine Gemüter mehr erregen wird. Aus heutiger Sicht fällt es schwer, sich die hysterische Atmosphäre der siebziger Jahre vorzustellen, in denen die Medien und ein völlig überforderter Verfassungsschutz eine Hetzjagd auf jene veranstalteten, welche angetreten waren, die Grundfeste des deutschen Staates nachhaltig zu erschüttern, in diesem Fall die "Bewegung 2. Juni".

Der 22-jährige Student und spätere "Lockvogel" Ulrich Schmücker war 1972 von der Polizei bei der Vorbereitung eines Sprengstoffanschlags verhaftet und zum Spitzeldienst erpresst worden. In der Szene wurde schnell bekannt, dass er umfassende Aussagen gemacht hatte, zudem vermuteten seine Genossen zu Recht, dass er sich auf das Spiel des Verfassungsschutzes eingelassen hatte. Schmücker war monatelang damit beschäftigt, seinen Ruf der Unzuverlässigkeit zu revidieren, vor allem weil er wieder zu einer Szene gehören wollte, die sein Leben ausmachte.

In der Nacht zum 5. Juni 1974 stellten ihm seine Genossen eine Falle und richteten ihn im Berliner Grunewald als Verräter hin. Ob und inwieweit die Behörden von der Gefahr für ihren Informanten wussten und seinen Tod aus fragwürdigen Ermittlungsinteressen in Kauf nahmen, liegt offiziell nach wie vor im Dunkeln, obwohl man bei der Lektüre von Austs abgesicherten Erkenntnissen seine Schlüsse ziehen kann. Erwiesen ist zumindest, dass es einen weiteren Spitzel in der Gruppe gab, der von der geplanten Ermordung wusste und seinen Kontaktmann beim Verfassungsschutz informierte. Auch Schmücker selbst hatte wenige Tage vor seinem Tod um Schutz gebeten.

Die Liste der Verfehlungen ist lang, und Aust trägt alle Indizien zusammen. Darüber hinaus entwickelt er ein lebendiges Bild der Braunschweiger Wohngemeinschaft um Ilse Jandt, welche mit allergrößter Wahrscheinlichkeit die Hinrichtung plante und durchführte. Außer Jandt waren die Mitglieder der Gruppe noch sehr jung, und es schien ihnen nicht bewusst zu sein, was sie da eigentlich anrichteten. Etliche in das Buch aufgenommene Briefe deuten darauf hin, wenn man sie nur richtig liest. Aust lässt jedoch keinen Zweifel daran, wer für ihn der wirklich Schuldige ist und dass es ihm nicht um Psychologisierung von politischem Handeln geht.

Längst ist diese Affäre auch Dank gezielter Desinformationskampagnen des Verfassungsschutzes in Vergessenheit geraten. Sie gewinnt jedoch eine erstaunliche Aktualität, wenn man etwa die Skandale um V-Männer in der rechtsextremen Szene betrachtet. Der etwas versponnene Ulrich Schmücker, welcher ohne Argwohn und voller Hoffnung auf Rehabilitation zum vereinbarten Treffpunkt kam, hat nie wirklich jemanden interessiert. Weder sein Kontaktmann noch seine Genossen machten sich die Mühe, Motive und auswegslose Situation des "Lockvogels" zu begreifen. Er war nur Verräter und Spitzel, für beide Seiten. Erst Stefan Austs Schilderung kann dem diffusen Bild Schmückers wieder eine Kontur verleihen.

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