Der Verräter hat sich verliebt

Zum zwanzigsten Todestag: Jean Genets letztes Prosawerk feiert die Palästinenser und verliert sich in Altersmilde

Von INA HARTWIG

Ausgerechnet Jean Genet, der sich als "Feigling, Verräter, Dieb und Schwuchtel" definierte, habe sich in eine "Persönlichkeit des Konsenses" verwandelt, staunt Ivan Jablonka anlässlich des 20. Todestages in Le Monde. In der Tat: In dem Teil seines Werks, der Genets Ruhm Mitte der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre begründete, gilt die Amoralität als oberstes Prinzip, während sein politisches Werk seit den siebziger Jahren grosso modo dem linken Zeitgeist verpflichtet war; so unterstützte Genet die Black Panthers, die RAF (wie Sartre) und vor allem die Palästinenser, die sein wichtigstes politisches Liebesobjekt wurden.

Um es polemisch zuzuspitzen: Der junge Genet, der am Rande der Gesellschaft lebte - als Zögling der öffentlichen Fürsorge, als Gefängnisinsasse, als Deserteur, Vagabund und Dieb -, delektiert sich an der bösen Schönheit der Nazi-Eleven, während der gealterte, weltberühmte Schriftsteller, weich und milde und ein wenig rührselig geworden, sich beeindrucken lässt von der Idylle der palästinensischen Revolution. Es gefiel ihm, im Schatten von Olivenbäumen neben hübschen jungen Männern zu sitzen, die ihre Maschinengewehre als stolzes Sexsymbol betrachten.Ob von einer politischen Konversion von rechts nach links gesprochen werden muss, wie Ivan Jablonka es nahelegt (er hat unlängst ein vieldiskutiertes Buch über Genets Nazi-Faszination veröffentlicht) bleibt zu diskutieren.

Altsein unter Arabern

Den Palästinensern widmete Genet sein letztes Buch, ein schwer definierbares Prosawerk mit dem Titel Ein verliebter Gefangener, das jetzt im Rahmen der deutschen Werkausgabe bei Merlin in neuer Übersetzung vorliegt. Über der Arbeit an den Korrekturfahnen ist Genet in der Nacht vom 14. auf den 15. April 1986 an den Folgen einer langjährigen Kehlkopfkrebs-Erkrankung gestorben; im Mai '86 erschien Un captif amoureux postum. Das Buch war von Anfang an umstritten, auch unter Genet-Enthusiasten, und wenn man es jetzt noch einmal betrachtet, dann auch vor dem Hintergrund der Frage, ob es sich im Zeitalter der Hamas und der islamistischen Selbstmordattentate denn auch neu lesen lasse.

Im Unterschied zu seinen anderen, kurzfristigen "Engagements" war Genets Liebe zur arabischen Welt von Dauer. Bereits als Soldat bei den französischen Kolonialtruppen der Levante stationiert, entschied er am Lebensende, dass sein Grab im marokkanischen Larrache liegen solle. Die 1970 auf einer Reise in den Nahen Osten entflammte Sympathie für die palästinensische Revolution - Genet wurde von Arafat mit einem Passierschein ausgestattet - fügt sich offensichtlich in die arabische Vorgeschichte ein. In einem langen, klugen Interview, das Hubert Fichte im Dezember 1975 mit Genet führte, fragt er ihn mit Blick auf die Araber, ob er eine "revolutionäre Konzeption des Erotismus" verfolge. Genet, damals 65, antwortet: "Revolutionär - nein. Der Umgang mit Arabern hat mich einfach glücklich gemacht und zufrieden gestellt. Die jungen Araber schämen sich nämlich nicht eines alten Körpers, eines alten Gesichts. Das Altern ist Teil der islamischen Zivilisation, ich sage nicht Religion. Man ist alt: man ist alt."

Der Verräter von einst hat sich verliebt - natürlich in eine männliche Person, die ihm freundlich gesonnen war: in Hamza, einen jungen Palästinenser, auf dessen Spuren er durch Irbid wandelt. Die Erinnerung hält ihn seit 1970 gefangen, als er ihn an einem Brunneneck kennenlernte, und nun, im Jahr 1984 trifft er lediglich seine fast erblindete Mutter an. Hamza arbeite in Deutschland, sagt sie ihm. Genet nutzt die Enttäuschung für eine Meditation über seine Gefühle am wieder aufgesuchten Ort.

Mit zweierlei Maß

"Das Bild dieses Brunnenecks war die ganze Zeit über da; jedes Mal, in vierzehn Jahren, wenn ich Hamza nachsann, war dieser Brunnen in dem gegenwärtig, was man vom Kino her Überbelichtung nennt, und die Spuren der Beleidigungen, oder dessen, was uns beleidigte oder weh tat, kehren schneller zurück als die Spuren der Liebenswürdigkeit. Es geschieht selten, dass die Beleidigungen willentlich ins Gedächtnis zurückgerufen werden, wir rücken sie im Gegenteil in weite Ferne. Sobald die glücklichen Momente erinnert werden, sind die Spuren einer selbst vorübergehenden, selbst eingebildeten Misere zur Stelle, nörgelnde und im Allgemeinen festgehakte Wiederholungen. Nicht jedes Brunneneck wiederholte mir den alten Schmerz, doch jeder Abruf von Glück brachte mich an den Brunnen."

Was ist das - das weltliche Gebet eines lebensmüden, schwer kranken Homosexuellen in der Fremde, oder bloß Politkitsch? Wahrscheinlich beides. Zweierlei steht fest: Ein verliebter Gefangener ist insofern ein erstaunliches Buch, als es nach vierzig Jahren Pause in diesem Genre wieder ein veritables Prosawerk aus Genets Feder darstellt, in dem seine Kunst hier und da aufscheint; aber es ist leider kein überzeugendes Buch. Die im Nachwort begeistert aufgestellte These - im Kampf um Palästina, wie Genet ihn zeichne, spiegele sich der Kampf um Troja wider, wie bei Homer dargestellt - wirkt ziemlich überzogen.

Seien wir ehrlich: Dieses Buch ist ein Alterswerk, das noch einmal breittritt, was längst und meist besser, schneidender, geistreicher, radikaler formuliert war. Genets Antisemitismus, den er trotz seiner intensiven Freundschaft mit Jacques Derrida beibehielt, ist grundsätzlich problematisch, um das mindeste zu sagen. Aber in dem Essay "Vier Stunden in Chatila", geschrieben unmittelbar nach dem Massaker christlicher Milizen in den palästinensischen Lagern Sabra und Chatila vor den Toren Beiruts im September 1982, ist zumindest eine affektive Überwältigung gegeben für Genets Hass auf Israel. (Die israelische Armee schirmte die Lager ab, das heißt, sie sah zu.) Doch darf man nicht vergessen, dass derselbe Genet in dem Roman Das To tenfest (geschrieben 1944/45) das Massaker von Oradour, das die SS in jenem französischen Dorf anrichtete, als "Poesie" bezeichnet. Genet, auch das gilt es zu bedenken, hasste das republikanische Frankreich, von dem er sich ausgeschlossen fühlte, und so freute er sich über alles, was Frankreich "weh" tat. Man sieht daran, dass noch der größte Literat mit zweierlei Maß zu messen bereit ist.

Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass Genets Faszination für die Nazis (die er als kriminelle Homosexuelle theatralisierte) in letzter Zeit besonders kritisch hinterfragt wird - jedenfalls in Frankreich, wo Genet inzwischen in die ehrwürdige "Pléiade" aufgenommen wurde. Es gibt wohl auch etwas abzuarbeiten, das mit der Dominanz Sartres womöglich mehr zu tun hat als mit Genet, der immer schon - das wäre eine weniger polemische These - sich im provokanten Widerspruch am wohlsten fühlte. Eine politische Botschaft "für heute" lässt sich aus all dem nicht ableiten, aber eine ästhetische schon: Als Verräter ist Genet am besten.

Jean Genet: "Ein verliebter Gefangener."Werke in Einzelbänden. Band VI. Deutsch von Ulrich Zieger mit einem Nachwort von Marcel Marin und einer editorischen Notiz von Friedrich Flemming. Merlin Verlag, Gifkendorf 2006, 670 Seiten, 29,90 Euro.

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