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Verortung der Mitte

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Von: Michael Hesse

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Heinrich August Winkler, der bei der Leipziger Buchmesse für seinen Beitrag zur Europäischen Verständigung geehrt werden wird.
Heinrich August Winkler, der bei der Leipziger Buchmesse für seinen Beitrag zur Europäischen Verständigung geehrt werden wird. © dpa

Der Historiker Heinrich August Winkler erhält am Mittwoch den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung.

Beneidenswert kenntnisreich ist dieser Historiker, der auf tausenden von Seiten mit seiner „Geschichte des Westens“ ein Meisterwerk geschaffen hat. Von Moses bis Maastricht hat sich Heinrich August Winkler tief im Westen eingegraben, um die Fundamente aufzuspüren, auf der unsere heutigen Gesellschaften ruhen. Er schuf ein monumentales Werk in vier Bänden, für das er nun den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhält. Die Auszeichnung wird dem Mann, der lange Jahre an der Berliner Humboldt-Universität Geschichte lehrte, am heutigen Mittwoch in Leipzig überreicht. „Der Preis“, so Winkler gegenüber der FR, „ist traditionell auf Ostmitteleuropa ausgerichtet, das auch in meiner ,Geschichte des Westens‘ eine wichtige Rolle spielt.“

Es bestehe leider immer noch die Neigung, so Winkler, den Begriff des Westens aus dem Blickwinkel des Kalten Krieges zu definieren. „Der Westen galt dabei als das Gebiet, welches das Verteidigungsbündnis der Nato umfasste, der Osten hingegen wurde durch die Mitgliedsstaaten des Warschauer Paktes definiert. Doch die seit 2004 der Europäischen Union beigetretenen Staaten gehören allesamt zum alten Okzident“, so der Historiker.

Winkler hat sich immer wieder in die aktuellen Debatten eingemischt, wenn es um die Europäische Union, die Krisen Südeuropas oder die Konflikte in der Ukraine ging. Sein Wort hatte stets Gewicht. Doch mit dieser ihm jetzt verliehenen Auszeichnung, so der Eindruck, hat Winkler auch ein persönlich bedeutsames Ziel erreicht.

Gemeinsame Rechtstradition

Kein Wunder. Sein Gespür für die Mitte könnte zusätzlich auch einen familiären Grund haben. Winkler selbst, Jahrgang 1938, stammt aus Königsberg, der Stadt des Philosophen und Aufklärers Immanuel Kant. „Meine Mutter, die das Kriegsende klar vor Augen sah, hatte sich frühzeitig darum bemüht, eine Beschäftigung in Südwestdeutschland zu finden, und hat es schon als eine Befreiung erlebt, als im August 1944 die Nachricht eintraf, dass sie eine erkrankte Lehrerin an der Urspringschule in der Nähe von Ulm vertreten sollte“, erzählt Winkler. „Auf diese Weise konnten wir Ostpreußen bereits im August 1944 verlassen. Wir haben das Kriegsende dann in Württemberg erlebt. Unsere Befreier waren die Amerikaner und nicht die Rote Armee.“

Die „östlichen“ und die anderen westlichen Staaten besäßen eine gemeinsame Rechtstradition, zu der seit dem Mittelalter die Trennung von geistlicher und weltlicher Gewalt gehört, sagt Winkler: „Das gilt für Polen, Ungarn, Tschechien genauso wie für die baltischen Staaten.“ Winkler verweist auf einen in den 80er Jahren aufsehenerregenden Artikel des tschechischen Schriftstellers und Intellektuellen Milan Kundera mit dem Titel: „Der gekidnappte Okzident“. „Er meinte damit die Länder, die durch das Abkommen von Jalta in den sowjetischen Einflussbereich geraten waren. Sie zählten von nun an zum Osten, obwohl sie kulturell zum Westen gehörten. Ich habe sie auch aus diesem Grund in meiner ,Geschichte des Westens’ als Bestandteil der westlichen Welt begriffen. Was man heute als Osteuropa bezeichnet, ist in Wahrheit Ostmittel- oder Südosteuropa.“

Menschenrechte gelten nicht nur für Europäer und Amerikaner. Davon ist der Doyen unter den deutschen Historikern überzeugt. Auch wenn es vielen nicht gefällt, an erster Stelle gesinnungslosen Diktatoren, gelten Menschenrechte überall. Seinen Optimismus bezüglich des Universalismus der Menschenrechte will er sich nicht rauben lassen. Er ist bereits seit einigen Jahren Emeritus; er hat die Zeit genutzt, um eine beeindruckende Anzahl von Büchern zu publizieren.

In ihnen geht er vor wie ein Archäologe, zugleich als ein Kritiker der Geschichte des Westens, mit dem er hart ins Gericht geht. Die Sündenliste reicht etwa im letzten Band von George W. Bushs spezifischem „Krieg gegen den Terror“ bis zu Abu Ghraib, Guantánamo, und sie umfasst schließlich auch die selbstherrlichen NSA-Aktivitäten. Andererseits steht für Winkler fest, dass den Westen ein besonderes Gut ausmache: die Fähigkeit zur Selbstkorrektur. Winkler, das spürt man auch bei seiner Bilanz, will sich seinen Optimismus nicht rauben lassen. Schließlich sieht er die Geschichte des Westens im Ganzen als eine Erfolgsgeschichte an.

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