Vernichtung des "Anderen"

Genozide im Kolonialzeitalter

Von ANDREAS ECKERT

Als sich der Völkermord an den Herero und Nama in der früheren Kolonie Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, voriges Jahr zum 100. Mal jährte, provozierte dies lebhafte wissenschaftliche und politische Debatten. Neben Symposien, Feuilletonartikeln, Rundfunk- und TV-Beiträgen sorgten politische Aktivitäten für Kontroversen: Dies gilt besonders für die öffentliche Entschuldigung, die die Ministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD), bei ihrem Namibia-Besuch im Namen der Bundesregierung für das Kolonialverbrechen ausgesprochen hat.

Die Verknüpfung von Kolonialismus, Gewalt und Genozid gehört zu den Aspekten, die nicht zuletzt infolge der Diskussionen über den genozidalen Kolonialkrieg in Namibia auch hier zu Lande verstärkt auf die Forschungsagenda gesetzt werden. Die Beiträge des vorliegenden Sammelbandes, hervorgegangen aus einer vom Bochumer Institut für Diaspora- und Genozidforschung organisierten Tagung, versuchen sich recht unterschiedlich an der Analyse spezifischer Formen kolonialer Gewalt.

Eine Reihe von grundlegenden Fragen, die allerdings nicht alle Autoren in gleicher Intensität aufgreifen, strukturiert den Band: War etwa die Vernichtung des "Anderen", des "Fremden" explizit oder implizit Teil des kolonialen Programms? Welche Bedeutung kommt der Kategorie "Genozid" für das Verstehen kolonialer Gewalt zu? Und, besonders wichtig, inwieweit ist die Analyse koloniale Gewaltakte relevant für unser Verständnis von Genozid?

Diese Fragen implizieren eine beträchtliche Sprengkraft. Vor ziemlich genau einem halben Jahrhundert äußerte Aimé Césaire, der Dichter der Négritude, in seinem Discours sur le Colonialisme den Verdacht, die Weißen könnten Adolf Hitler nicht das Verbrechen am Menschen an sich nicht verzeihen, sondern, "dass es die Demütigung des Weißen ist und die Anwendung kolonialistischer Praktiken auf Europa, denen bisher nur die Araber Algeriens, die Kulis in Indien und die Neger Afrikas ausgesetzt waren".

Die von Césaire zornig beklagte Verharmlosung, gar Negierung kolonialer Verbrechen und Gewalt ist in jüngerer Zeit von der Genozidforschung aufgegriffen und - wenig überraschend - kontrovers diskutiert worden. Denn die Hervorhebung genozidaler Tendenzen im Kolonialismus, vor allem in Siedlergesellschaften von Australien bis Amerika, stellt die immer noch weit verbreitete Annahme in Frage, die Europäisierung der Erde sei ein Projekt des Fortschritts gewesen. Zudem rüttelt die These von kolonialen Genoziden an der Singularität des Holocaust - so die Meinung einiger Historiker und vieler Opfer des Holocaust und ihrer Nachkommen. Ist eine vergleichende historische Genozidforschung daher überhaupt statthaft? Besteht überdies nicht die Gefahr, mit der Einbeziehung etwa kolonialer Verbrechen den Genozidbegriff unbotmäßig aufzuweichen?

In seinem ausführlichen Beitrag betont Mitherausgeber Mihran Dabag, Leiter des Instituts für Diaspora- und Genozidforschung, zwar, dass die Genozidforschung großes Interesse an kolonialen Projekten haben muss, geht aber auf die genannten Streitpunkte bestenfalls implizit ein. Dabag ist es primär darum zu tun, anhand der Analyse "national-kolonialer Konstruktionen in politischen Entwürfen des Deutschen Reichs um 1900" Strukturen, Selbsterklärungen und Motivationen in der Formation von Tätergesellschaften freizulegen.

In diesem Zusammenhang unterstreicht er, sicher zu Recht, dass es keine gradlinige "Kontinuität der Täter, Motive und Strukturen von der Ermordung der Herero zu der Ermordung der Juden in Deutschland und Europa" gegeben habe, gibt aber zu bedenken: Muster zur Legitimation des nationalsozialistischen Ausgrenzungs- und Vernichtungshandelns waren bereits zwei politische Generationen vorher durchgesetzt und dienten zur Legitimation sowohl des Genozids an den Herero als auch zur Legitimation der deutschen "Duldungshandlung" gegenüber dem türkischen Genozid an den Armeniern im Ersten Weltkrieg.

Jüngere Interpretationen des Kolonialismus' zeichnen diese Zeit verstärkt als eine Periode ebenso vielfältiger wie widersprüchlicher Kooperationen und Auseinandersetzungen zwischen Kolonisierenden und Kolonisierten. Dabei darf man nicht, wie zuweilen geschieht, die blutigen Auseinandersetzungen und die spezifischen Formen kolonialer Gewalt ignorieren.

Der Sammelband betont die zentrale Bedeutung von Gewalt für das koloniale Projekt. Er skizziert überdies, wie stark koloniale Gewalterfahrungen und -praktiken auf Europa zurückwirkten und mithin für das Verständnis der neueren europäischen Geschichte unabdingbar sind.

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