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Diese Richtung: Joseph Breitbach wusste, wo es lang ging.
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Diese Richtung: Joseph Breitbach wusste, wo es lang ging.

Vermittler von Gnaden

"Die Höflichkeit des Erzählers": Marbach widmet dem Dandy und Exzentriker, dem Schriftsteller und Mäzen Joseph Breitbach eine Ausstellung

Von Ulrich Rüdenauer

Das heimliche Hauptwerk des heute fast in Vergessenheit geratenen Schriftstellers Joseph Breitbach (1903 bis 1980) lagert noch in den Katakomben des Deutschen Literaturarchivs in Marbach. Dreißig- bis vierzigtausend Briefe, aufbewahrt in zahlreichen Kisten. Bemerkenswert ist nicht allein die Anzahl der Schriftstücke, sondern sind die Briefpartner: kaum ein Autor oder Gelehrter von Rang, mit dem der in Koblenz geborene, später in Frankreich lebende Breitbach nicht bekannt gewesen wäre. In einem riesigen literarischen Netzwerk bildete er einen Knotenpunkt - seine Bedeutung als Vermittler zwischen Literaten, zwischen Literaturen, zwischen Deutschland und Frankreich kann kaum überbewertet werden.

Zu seinem 100. Geburtstag widmet nun das Schiller-Nationalmuseum in Marbach dem Mittler und Autor gleichermaßen eine sorgfältig erarbeitete Ausstellung. Jochen Meyer, der Leiter der Handschriftenabteilung des Deutschen Literaturarchivs, hat Zeitdokumente zusammengetragen, Briefe, Fotografien und Bücher aus Breitbachs Bibliothek, die oftmals mit anrührenden Widmungen berühmter Kollegen versehen sind. Selbst Breitbachs Schreibtisch findet sich der Authentizität wegen in der Ausstellung wieder. "Die Höflichkeit des Erzählers" heißt die zur Neuentdeckung einer beeindruckenden Persönlichkeit einladende Schau, und das ist ein bezeichnender Titel.

Man muss nur das Porträt des Dandys als alter Mann betrachten: Das Foto zeigt Breitbach in seiner Pariser Wohnung, wenige Jahre vor seinem Tod 1980, herzlich lachend, den rechten Arm weit ausgestreckt, eine Geste, die aus- und einladend zugleich anmutet, seine Besucher offenherzig empfängt und sagt, dass sie etwas zu erwarten haben: zum mindesten Zeit und Aufmerksamkeit. Zeit hat er tatsächlich reichlich für seine Freunde und fürs Briefeschreiben aufgewendet - nicht zuletzt die vielfältigen Bekanntschaften und ausgiebigen Korrespondenzen mögen ein Grund für sein relativ schmales literarisches Œuvre sein. Eine geradezu skrupulöse Arbeit am Text kommt hinzu, wie die Ausstellung eindrücklich anhand einiger Manuskriptseiten dokumentiert: Fortwährend schrieb Breitbach ganze Kapitel neu und um, immer wieder diktierte er, der schlechte Augen hatte, seinem Sekretär abgewandelte Passagen; selbst vor den eigenen gedruckten Büchern machte seine Verbesserungswut nicht Halt. Seine Ausgaben wimmeln nur so vor Korrekturen und Anstreichungen. Ein ausgeprägtes Bewusstsein für erzähltechnische Probleme, das Gespür für gesellschaftliche Themen und der Wunsch, spannend und verdichtet zu erzählen, reizten ihn zu immer neuen Anläufen.

Aber Breitbach war nicht nur penibel. Bereits in jungen Jahren muss er ein äußerst einnehmender und temperamentvoller Homme de Lettres gewesen sein: Ganz früh zieht es ihn aus seinem bürgerlichen Elternhaus im Rheinland nach Frankreich, wo er rasch Anschluss an die bedeutenden Intellektuellenzirkel der Zeit findet. Seine Homosexualität und ein ausgeprägter Hang zur Exzentrik dürften dabei nützlich gewesen sein. Er freundet sich an mit André Gide, mit Julien Green, mit Jean Genet, mit Marguerite Yourcenar, mit Klaus Mann; und er lernt Jacques Rivière kennen, den Herausgeber der Nouvelle Revue Française. Besonders prägend ist die Beziehung zu dem älteren Schriftstellerkollegen Jean Schlumberger, der Breitbach wie einen Sohn aufnimmt. Seinen bekanntesten Roman Bericht über Bruno aus dem Jahr 1962 widmet er "meinen beiden Vätern Jean Breitbach und Jean Schlumberger".

Qualvolles Abwägen

"Kannitverstan" ist der erste Teil der thematisch organisierten Ausstellung überschrieben: Hebels Parabel symbolisierte für Breitbach das Grenzgängertum zwischen zwei Sprachen, das Glück bedeutet und mitunter Unbehagen bereitet: "Wer ein echter Zweisprachiger ist, leidet, sobald seine Gefühle oder Sinne nach höchstnuanciertem Ausdruck suchen, bewusst oder unbewusst, an dem qualvollen Abwägen der Werte seiner beiden Sprachen", schreibt der naturalisierte Franzose in einem Feuilleton.

Sein erstes Buch mit neusachlichen Erzählungen erscheint 1928. Rot gegen Rot zeugt von Breitbachs Tätigkeit als Angestellter im Warenhaus Landauer und von seinem Liebäugeln mit linken Theorien. Als einer der ersten tummelt er sich erzählerisch im Milieu der Verkäufer und Liftboys, der Lehrmädchen und deren Vorgesetzter. So genau sind manche Porträts, dass auch auf Direktionsebene des Warenhauses Landauer ein Wiedererkennungseffekt eintritt - Breitbach wird entlassen. Er findet Anstellung als Lektor in Willi Münzenbergs Neuem Deutschen Verlag, aber bald widmet er sich ganz dem Schreiben. Woher der immense Wohlstand rührt, der ihm einen mehr als komfortablen Lebensstil ermöglicht, lässt die Ausstellung dezent im Dunkeln - vermutlich verdankt Breitbach ihn geschickten Spekulationen und wohlwollenden Förderern. Der Reichtum erlaubt es ihm jedenfalls, selbst als Mäzen für junge Autoren zu wirken - bekanntlich auch über seinen Tod hinaus: Der Joseph-Breitbach-Preis ist heute mit 120 000 Euro der höchstdotierte Literaturpreis in Deutschland.

1932 erscheint sein Zeitroman Die Wandlung der Susanne Dasseldorf, der von den Nazis alsbald verboten wird. Breitbachs Rolle in dieser Zeit ist jedoch zwiespältig: Die Distanzierung vom Marxismus geht einher mit der Entfernung von Freunden; seine Einlassungen zur deutschen Literatur und sein Engagement für zweifelhafte Autoren des "Reichs" sind missverständlich, machen ihn in Frankreich suspekt und führen zu einer erbitterten Debatte unter anderem mit Klaus Mann. Sein "Furor teutonicus", so deutet es Jochen Meyer im Marbacher Magazin, habe nicht nur mit Breitbachs stetem Bemühen um Verständnis zwischen Deutschland und Frankreich zu tun, sondern auch "mit einem zornigen Affekt gegen die plötzlich als Gruppe ganz im Vordergrund der französischen Aufmerksamkeit stehende literarische Emigration, die nun vor dem Ausland so etwas wie Alleinvertretung für zeitgenössische deutsche Literatur beanspruchte".

Auf die eigene literarische Produktion wirkt sich dieser eine ganze Weile schwelende Konflikt nicht gerade förderlich aus. Der Krieg schließlich unterbricht die Arbeit an seinem Opus magnum gänzlich: Clemens sollte ein monumentaler Roman werden, der ihn dem Literaturolymp hätte näher bringen können. Nach 1945 fehlt ihm die Energie, nochmals neu anzusetzen. Erst in den 60er Jahren, nachdem der weltoffene, zum Konservativismus bekehrte Grandseigneur Breitbach sich intensiv für die deutsch-französische Aussöhnung eingesetzt hatte, kehrt er mit neuer Prosa und dem provokant-zeitkritischen Theaterstück Genosse Veygond erfolgreich auf die literarische Bühne zurück. Auf die ist allerdings bekanntermaßen, was den Nachruhm betrifft, nicht immer Verlass. Breitbach wird heute nicht mehr gelesen. Vielleicht trägt ja die facettenreiche Marbacher Ausstellung dazu bei, dass er nicht allein durch den von ihm gestifteten Preis im öffentlichen Bewusstsein bleibt.

"Joseph Breitbach oder Die Höflichkeit des Erzählers". Schiller-Nationalmuseum, Marbach am Neckar. Bis zum 28. September 2003. Das begleitende "Marbacher Magazin" kostet 9 Euro.

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