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Auf vermintem Terrain

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Von: Norbert Mappes-Niediek

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Zeigt her eure Flaggen: Ein Albaner mit Kosovo-Tattoo, Pristina 2007.
Zeigt her eure Flaggen: Ein Albaner mit Kosovo-Tattoo, Pristina 2007. © Getty

Vor einem Jahr hat das Kosovo seine Unabhängigkeit erklärt: Neue Bücher zum Thema. Von Norbert Mappes-Niediek

In die Weltöffentlichkeit ist das Kosovo als Streitgegenstand zweier Nationen gekommen: der Serben und der Albaner. Beide Seiten malen das Bild vom ewigen Kampf ständig weiter aus. Da muss es einen nicht wundern, wenn auch die Historiker in der Geschichte vorwiegend nach serbisch-albanischen Konflikten suchen, Gründungen dieser oder jener Volksgruppe zuordnen und nachträglich feststellen, welche der beiden in einem fernen Jahrhundert wo die Mehrheit stellte.

Der Wiener Balkanhistoriker Oliver Jens Schmitt mag der nahe liegenden Erwartung nicht entsprechen. Seine "Kurze Geschichte einer zentralbalkanischen Landschaft" versucht zunächst, das vornationale Kosovo zu rekonstruieren - in einer tief versunkenen Zeit, die aber bis ins 20. Jahrhundert hinein dauerte. Auch wenn die Geschichtspriester beider Konfessionen die Erinnerung an die unheroische, unserbische und unalbanische Frühzeit mit Hass, Mythen und Legenden systematisch zugeschüttet haben, lohnt sich ein Blick darauf, wie Schmitt in seinem flüssig geschriebenen Buch darlegt.

Ignorieren allerdings darf man die Geschichtsmythen nicht; sie sind schließlich selbst ein Stück Geschichte. Schmitt trägt dem Rechnung, indem er die Legenden beider Seiten ausgiebig zitiert, gegeneinander hält und auf ihre (meist dünne) faktische Grundlage hin abklopft. Das Bemühen um Fairness ist auf jeder Seite zu spüren. Man bewegt sich auf vermintem Terrain, und es wird umso gefährlicher, je näher man der Gegenwart kommt.

Nichts, was immer so war

Schmitt behält einen kühlen Kopf. Mit der gebotenen Nüchternheit behandelt der Autor das Reizthema der organisierten Kriminalität, das längst zu einer Waffe im Propagandakrieg geworden ist. Parteigängern der serbischen Sache dient es dazu, die Albaner pauschal als Mafiosi zu qualifizieren, und kriminelle Albaner nutzen den Generalverdacht, um sich hinter patriotischen Wallungen zu verstecken.

Schmitt erliegt auch nicht der Versuchung, den Konflikt zwischen beiden Nationen auszublenden und ein idyllisches Bild zu zeichnen. Sein Abriss kommt ohne "die Bösen" aus - aber auch ohne "die Guten". Schmitts Kosovo-Geschichte ist eine Sammlung von - genutzten, vor allem aber von verpassten - Möglichkeiten. Nichts, was "immer so war", wird hier belegt. Dafür findet man hier Zahlen, die von einem kritischen Blick beglaubigt sind. Wer beruflich mit dem Kosovo zu tun hat oder hatte, was in Deutschland inzwischen für tausende Soldaten, Polizisten, Richter und Verwaltungsbeamte zutrifft, darf sich auf jeder Seite des detailfreudigen Buches über ein neues Aha-Erlebnis freuen.

Wer sich auf einen beruflichen oder privaten Besuch vorbereitet, einen Kosovaren näher kennt oder wissen will, wie es dorthin entsandten Angehörigen geht, nähert sich dem Thema Kosovo am besten über das Buch von Saskia Drude. Die junge Deutsche hat als "mitreisende Ehefrau" eines EU-Beamten den Alltag des jungen Landes eingefangen. Sie erzählt kleine Erlebnisse, berichtet von Stromausfällen und vereisten Bürgersteigen, von Müll und Parkproblemen. Das klingt banal, aber banal ist das Buch, das subtil die Mentalität des Landes skizziert, an keiner Stelle.

In jedem Falle hilft es, den Blick auf das Kosovo von Mystifizierungen und dem schweren Überhang an Politik und Geschichte zu befreien. Unabhängig davon, ob "die Albaner" nun "Separatisten" sind oder "die Serben" ihre "Unterdrücker", ist das Kosovo vor allem erst einmal ein Land, in dem ganz normale Menschen wohnen. Dass deren Alltag von Politik dominiert ist, weiß auch Drude: Ihre Hintergrundkommentare zu Politik und Zeitgeschichte künden allesamt von einem guten Überblick - auch wenn die Diplomatenperspektive bei ihr nie ernsthaft in Frage steht.

Von besonderer Bedeutung, gerade für Leser, die bereits im Kosovo waren, ist das Buch des Architekten und Stadtforschers Kai Vöckler, auf das abschließend noch einmal aufmerksam gemacht werden soll (FR v. 12.1.09: "Prishtina is Everywhere. Turbo-Urbanismus als Resultat einer Krise", Parthas Verlag).

Staunend stehen Besucher vor den abenteuerlichen Zu- und Umbauten, vor den neubarocken Palästen, den verspiegelten Glasflächen und dem üppigen Tand, mit dem die bauwütigen Kosovaren seit dem Krieg ihre Städte und Dörfer entstellen. Die Exemplare des balkanischen "Turbo-Urbanismus" haben Eingang in ein reich illustriertes Buch gefunden. Es gibt Aufschluss über eine wilde Bautätigkeit, die die Stadt auch zerstört und eine aggressive Mafia mästet.

Oliver Jens Schmitt: Kosovo. Kurze Geschichte einer zentralbalkanischen Landschaft. Böhlau Verlag 2008, 393 S., 24,90 Euro.

Saskia Drude: Hundert Wochen Kosovo. Alltag in einem unfertigen Land. Karin Fischer Verlag 2008, 254 S., 13,50 Euro.

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