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Fontane am Schreibtisch, um 1895.

Theodor Fontane

Vermessungen in Fontaneland

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Zwei sehr unterschiedliche Exkursionen ins Brandenburgische: Cornelius Pollmer und Robert Rauh erkunden die Grafschaft Ruppin auf Dichters Spuren.

Es hat sich inzwischen herumgesprochen, dass Theodor Fontane keineswegs alle Orte, über die er in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ schrieb, auch tatsächlich aufgesucht hatte. Irgendwann waren seine historischen Tiefbohrungen und zeitgenössischen Erkundungen derart begehrt, dass er seine heimatliche Umgebung auch schon mal ausschließlich vom Schreibtisch aus ergründete.

Cornelius Pollmer, Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, ist für sein kleines Brandenburg-Buch eher umgekehrt vorgegangen. Ausgestattet mit Rucksack und überschaubaren Fontane-Gepäck ist er 2018 ein paar Wochen durchs Land gezogen, um ein Jahr vor den Jubiläumsfeierlichkeiten für den großen Dichter und Journalisten einige Orts- und Charakterstudien vorzunehmen.

Los geht es natürlich in Neuruppin, Fontanes Geburtsort, wo Pollmer auf Günter Rieger trifft, der sein geballtes Fontane-Wissen in Gestalt von Tagesbusreisen unter die Leute bringt, literarische Butterfahren gewissermaßen. Es ist ein fremdelnder Blick, den Pollmer auf Menschen und Landschaft richtet, aber der allzu gefällige Sound des Buches geht vor allem deshalb auf, weil Pollmer schnell deutlich macht, dass er bereit ist, dem spröden Charme von Land und Leuten versuchsweise zu erliegen.

Cornelius Pollmer Heute ist irgendwie ein komischer Tag. Meine Wanderungen... Penguin, 2019. 240 S., 20 Euro.

Es ist ein Spiel mit dem Klischee wortkarger Menschen, die dann aber lossprudeln wie Schniepa, der in der Nähe von Fehrbellin Fallschirmsprünge über der Mark organisiert. Der urige Kleinunternehmer steht hier für den skurrilen Eigensinn der Einheimischen, die schnurstracks ihren Weg gehen, obwohl in Brandenburg vieles so wirkt, als komme es gerade darauf an, alles an Ort und Stelle und beim Alten zu belassen. Dem alten Adel, der bei Fontane oft das Bewahrende verkörpert, ohne sich dem Neuen zu verschließen, begegnet Pollmer in Gestalt des Krafft Freiherrn von dem Knesebeck. Der stammt persönlich gar nicht von hier, er ist erst nach der Wende nach Karwe bei Neuruppin gekommen und hat seither das halbe Dorf gekauft und ein prächtiges Idyll geschaffen, das er in Form schicker Ferienwohnungen an Touristen vermietet. Das Bilderbuch-Brandenburg eines Zugezogenen, der sich als traditionsbewusster und weitsichtiger Gönner entpuppt, ganz so, wie Fontane sich einen gestaltungssicheren Adel vorgestellt hat.

Cornelius Pollmer ist sehr beflissen darin, den landläufigen Erwartungen zu widersprechen, manchmal fühlt man sich an Moritz von Uslars Roman „Deutschboden“ erinnert, worin es den Autor unter erhöhter Alkoholzufuhr als teilnehmenden Beobachter in eine nordbrandenburgische Kleinstadt gezogen hatte. Auch Pollmer wacht nach einem Dorffest derangiert unter Autochthonen auf, aber seine grundsätzliche Menschenfreundlichkeit lässt den Leser die Seiten stets heiter umschlagen – aber manchmal nervt gerade das.

Die Brandenburger, die danach trachten, ihr Land durch Stimmabgabe bei der nächsten Landtagswahl radikal zu verändern, hat Cornelius Pollmer nicht gesucht, sie treten nicht einmal am Rande in Erscheinung. Sein Buch ist keine Sozialreportage, das durchaus vernehmbare Wechselverhältnis von Offenheit und Abweisung gegenüber einer in den Städten längst angekommenen migrantischen Bevölkerung hat er bei seinen Wanderungen nicht in den Blick genommen. Das zumindest hinterlässt ein zwiespältiges Gefühl bei Pollmers Beschreibung seiner komischen Tage in Brandenburg.

Ganz anders war etwa zur gleichen Zeit der hauptberufliche Lehrer Robert Rauh unterwegs. Schaut man sich seine Fontane-Bücher an, liegt die Vermutung nahe, dass er unentwegt mit dem Fahrrad durch Brandenburg fährt. Ausgestattet ist er dabei nicht nur mit Orientierungssinn, sondern auch mit den neuesten Erkenntnissen, die er aus den digital erschlossenen Notizbüchern Fontanes gewonnen hat. Über das Örtchen Karwe weiß Robert Rauh ganz genau, wann und wie oft Fontane dort war und auf welchen Wegen er zum Vorfahren des Freiherrn Knesebeck gelangte.

Robert Rauh: Fontanes Ruppiner Land. Neue Wanderungen durch... Edition Q im Bebra Verlag, 2019. 382 S., 26 Euro.

Von Rauh erfahren wir auch, dass der heutige Freiherr keineswegs nur willkommen war. Die Brandenburger sind nicht immer so offenherzig, wie Rucksackausflügler sich das vorstellen mögen. Robert Rauh verknüpft auf penible Weise Heimatkunde mit Literaturwissenschaft und neigt zu Abschweifungen. Aber was, bitte schön, ist das für ein Vorwurf im Zusammenhang mit Fontane?

Beim Besuch in Rheinsberg beschränkt er sich nicht auf die Bemerkung Fontanes, dass der Ratskeller zu keinem Zeitpunkt ein Kellerlokal war. Auf vielen Seiten berichtet er indes von der kulturpolitischen Kabale in der Musikstadt. Der Komponist Siegfried Matthus, in Rheinsberg geboren, hatte gleich nach der Wende alles daran gesetzt, den einstigen Musenhof des Kronprinzen Friedrich zum Festivalort zu machen. Den Ruf als Opernstadt, den Rheinsberg heute genießt, verdankt das Städtchen zu großen Teilen Siegfried Matthus. Seit ein paar Jahren aber hängt der Haussegen schief. Matthus‘ Sohn Frank, der vorübergehend als Nachfolger seines Vaters die Intendanz innehatte, wurde im vergangenen Jahr durch den erfahrenen Georg Quander abgelöst. Robert Rauh erzählt das journalistisch ausführlich, als sei es eine Fontanesche Gesellschaftsstudie. Zugleich aber räumt er mit den Vorstellungen vom ländlichen Idyll auf, wo die Zeit noch anders tickt. Rheinsberg erinnert eben nicht nur an die friederizianische Kunstbeflissenheit, sondern auch daran, dass das Städtchen, zumindest im Sommer, seine Rolle als Touristenhochburg zu verteidigen hat.

Am gefälligsten liest sich Robert Rauhs Buch dort, wo er mit sanfter Dringlichkeit die Fontaneklischees aufraut. Im Café Constanze in Wustrau, wo Pollmer vor allem auf den leckeren Rhabarberkuchen verwiesen hat, geht Rau der Geschichte der in Lettland geborenen Gräfin Constanze Baronesse von Derschau nach und wehrt sich gegenüber zwei Cafébesucherinnen gegen das Vorurteil, Fontane sei doch allzu männerfixiert gewesen. Auch hier ist Robert Rauh natürlich Experte, in seinem Buch „Fünf Frauen“ hat er ausführlich über das fiktive und reale weibliche Personal in Fontanes Leben und Werken berichtet.

Während man mit Cornelius Pollmers Reisenotizen bald fertig ist, ist es wenig ratsam, Robert Rauh in einem Rutsch zu lesen. Eher empfiehlt sich die Lektüre zur Nachbereitung von dringenden anzuratenden Landausflügen zwischen Rhinluch, Ruppiner See und Dosse.

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