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Vermessene Kraftfelder

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Von: Christian Thomas

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Die Wernerkapelle von Bacharach: wunderbar besungen und mysteriös missverstanden.
Die Wernerkapelle von Bacharach: wunderbar besungen und mysteriös missverstanden. © Imago

Romantik in RheinMain – mehr als eine Buchvorstellung in Frankfurts Romanfabrik.

Es war keine Kuriosität, wenn sich die Romantik nicht mit Kleinigkeiten abgeben wollte. Es war Konfession. Ungeheuer waren die Gefühle, mächtig Freude und Verzweiflung, und das Herz zersprang in tausend Stücke (zum pochenden Kleinod wurde ein jeder Splitter). Es ist wahrhaftig kein Geheimnis, dass die Romantik zu einem geradezu abenteuerlichen Klischee wurde.

Wie dem ausweichen? Offenkundig alles andere als leichthin vorbereitet hatten sich Wolfgang Bunzel, Michael Hohmann und Hans Sarkowicz, aber mit leichter Hand stellten sie ihr Buch „Romantik an Rhein und Main. Eine Topografie“ in der Frankfurter Romanfabrik vor. Und der Geist war ein nicht so sehr exaltierter Geist, und die Gefühle, wie zu hören in den Texten, die Claude de Demo und Torben Kessler lasen, waren nicht nur aufgewühlte, sondern gar gelinde Sinnesempfindungen. Wie aber auch anders sollte es sein, wenn man, wie die Herausgeber in ihrem Buch, darauf pocht, dass es mit der Romantik nicht eindeutig bestellt war, sondern eine vielfältige Bewandtnis hatte.

Eingangs sprach Hohmann als Leiter der Romanfabrik vom Rhein-Main-Gebiet als einer um 1800 bereits „durchromantisierten Landschaft“ und diesen Gedanken nahm Bunzel auf, insgeheim ironisch. Meinte er doch, es sei ganz bestimmt kein „vermessenes Unterfangen“, wenn mit der Rhein-Main-Region eine typisch romantische Topografie abgesteckt werde. Zur Vielfalt der Romantik gehörte, dass sie anstelle eines Zentrums verschiedene „Subzentren“ ausgebildet habe, in Jena oder Heidelberg, in Dresden und Berlin, auch in Wien.

Dagegen im Rhein-Main-Gebiet, über alle Grenzen hinweg, und es waren wahrhaftig viele Grenzen, hätten sich „Kräftefelder“ entwickelt, von Hanau bis Koblenz, von Mainz bis Gelnhausen. Manchen Ortsnamen warf Bunzel in den Raum und verband das mit dem Gedanken, dass der eine oder andere Ort für doch immerhin einige Jahre als ein „Hotspot“ der Romantik anzusehen sei.

So, nein, nicht etwa flapsig, sondern wissenschaftlich fundiert trägt es das Buch zusammen in 21 Ortsartikeln und sechs Essays, wie Hans Sarkowicz ergänzte. Das Buch erklärt RheinMain zur Synthese, verfertigt es zum Logo, und auch wenn es sich nicht allerorten als Synonym für die Romantik liest, so durchforstet es aber doch die Region dermaßen entschieden, dass man ohne weiteres sagen kann, dass von A bis W, von Alzenau bis Wiesbaden, die Romantik eine „bislang unterschätzte Rolle spielte“.

Die Romantik hat sich gern im Kleinen aufgehalten, gern im Übersichtlichen – um eine geringfügige Welt um so überschwänglicher zu transzendieren. Die Gefühle, die ein Friedrich Schlegel auf seiner ersten Rheinfahrt entwickelte, vertrauten sich einer gewiss nicht beiläufigen Darstellung an. Die vor seinem frühromantischen Auge vorüberziehenden Dinge allein zu beschreiben, wäre ihm zu billig gewesen.

Was sich vor dem auch inneren Auge tat, wurde allerdings zur Konstruktion, zu einer Reise durch eine Seelenlandschaft (aufgewühlt), und weil Schlegel überhaupt ein wenig enthusiasmiert war, erklärte er Ruine und Ritterburg zu den Urbildern deutscher Baukunst. Was später mit patriotischer Emphase erklärt worden ist, ist dann auch als kunsthistorischer Humbug erkannt worden, wenn Friedrich Schlegel in den Burgen das Urbild und Vorbild der deutschen Gotik entdeckt haben wollte.

 O, die Romantik hat sich auch verstiegen. Direkt aufschlussreich, dass die Veranstalter mit ihrem fein kalkulierten Programm nicht nur der Günderode durch Textpassagen gedachten. Nicht nur Bettina von Arnim sprechen ließen, sondern doch entschieden ein Gewicht auf Franzosentexte legten, von Alexandre Dumas und Victor Hugo.

Das war ein schöner Zug. Und auch mehr. Wo man doch weiß, dass mancher Romantiker, der sein Augenmerk gern auf das Abseitige und Abwegige richtete, vielfach unwillig war, den Blick auch über den Rhein hinaus, ohne hässliche Gedanken auch Richtung Frankreich zu lenken.

Nicht dass dies ein Thema an diesem Abend gewesen wäre – aber weil diese Buchpräsentation, unterstützt vom „Kulturfonds Frankfurt RheinMain“, ausdrücklich auch beim Aufbau des in Frankfurt entstehenden „Deutsche Romantikmuseums“ behilflich sein wollte, entpuppte sich die Auswahl der Franzosen Hugo und Dumas als Statement.

Hat sich doch die Romantik, die sich nie mit Kleinigkeiten arrangieren wollte, in ihrem Überschwang auch mit der puren Restauration abgegeben. Ausgerechnet die Romantik, die dem Fremden und Verstörenden nachgespürt hatte, wurde zum unheimlichen Wegbereiter schauriger Ressentiments, unverhohlener Ranküne dem Fremden gegenüber, Frankreich.

Das „Deutsche Romantikmuseum“ steht wohl zwangsläufig vor einer grenzüberschreitenden Aufgabe. Zum Realismus der Veranstaltung in der Romanfabrik zählte nicht zuletzt die Kunst der Lesung. Claude de Demo und Torben Kessler, mochte sie auch gelegentlich lieblich lächeln und er dem artig zusehen, hielten sich auf geradezu dramatische Weise zurück. Eine romantische Lesung als antitheatralisches Programm: So ein feiner Zug ist keine Kleinigkeit.

Wolfgang Bunzel, Michael Hohmann, Hans Sarkowicz (Hg.): Romantik am Rhein und Main. Eine Topografie. Verlag Philipp Zabern. 280 S., 24,95 Euro.

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