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Stefan Zweig

Die Verlockung des Nichts

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Vor 75 Jahren hat sich der Schriftsteller Stefan Zweig im brasilianischen Exil das Leben genommen.

Was in den letzten Minuten genau geschah, muss im Dunkel bleiben. Das Foto der beiden Toten bietet ein friedliches Bild. Die Frau liegt angeschmiegt im Arm des geliebten, bewunderten Mannes. Auf dem Nachttisch stehen eine Wasserflasche und ein Glas, aus dem sie das Veronal getrunken haben. Der Tod – so der Bericht des Polizeiarztes von Petrópolis – trat am 22. Februar zwischen zwölf und vier Uhr nachmittags ein. Die Ausstellung des amtlichen Totenscheins erfolgte erst am nächsten Tag.

Der 23. Februar findet sich in manchem Nachschlagwerk irrtümlicherweise daher auch als Todestag des Dichters und seiner zweiten Ehefrau Lotte Altmann, die aus einer jüdischen Familie stammte und in Frankfurt aufgewachsen war. Wenige Stunden vor dem selbstgewählten Ende schreibt der Dichter seinen Abschiedsbrief: „Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus.“

Stefan Zweig war 61 Jahre alt, als seine Lebensflucht in einer brasilianischen Kleinstadt endete. Bereits im Dezember 1942 hatte er mit Blick auf Deutschland an einen Freund die verzweifelten Zeilen geschrieben: „Unsere Welt ist zerstört und das Grauenhafte kommt erst nach dem Kriege, wenn der jetzt wehrlose Haß in den Ländern sich Klasse gegen Klasse, Mensch gegen Mensch wendet. Und welcher Fluch gerade in dieser Sprache lesen, denken, schreiben zu müssen.“

Hinter dem Autor lagen über acht Jahre des zunächst freiwilligen, dann, als seine Heimat Österreich auf Hitler setzte, erzwungenen Exils. Ein Lebensabschnitt war es, der diesen sensiblen Humanisten und kosmopolitischen Intellektuellen schließlich zermürbte. Der Biograf seiner Exiljahre, George Prochnik, hält mit Blick auf die letzten Monate fest: „Er wurde das Gefühl nicht los, nirgendwo hinzugehören, und er konnte nirgendwohin mehr reisen. In allem, was er nun tat, war unterschwellig das Ende zu spüren. Die Verlockung des Nichts.“

Stefan Zweig war einer der erfolgreichsten Schriftsteller seiner Epoche. Seine Bücher – Biografien, Novellen, Romane und Theaterstücke, Essays und kulturgeschichtliche Monographien – erreichen Millionenauflagen. Und sie stoßen bis heute auf ein nahezu ungebrochenes Interesse der Leser. Seine „Schachnovelle“ kommt noch mehr als sieben Jahrzehnte nach seinem Tod auf einen jährlichen Verkauf von rund 25 000 Exemplaren. Seine Erinnerungen „Die Welt von Gestern“ und seine historischen Mosaiksteine „Sternstunden der Menschheit“ haben nach Auskunft des Fischer-Verlages einen jährlichen Absatz von jeweils rund 6000 Exemplaren. Zu seinen Lebenszeiten galt er als der meistübersetzte deutschsprachige Autor. Seine Lesungen und Vorträge fanden bis in seine letzten Lebensmonate hinein in überfüllten Sälen oder Hallen statt. Wo immer dieser Vielreisende hinkam, schlugen ihm Zuneigung und Bewunderung entgegen. Die großen Künstler seiner Zeit – Dichter, Musiker, Maler – suchten das Gespräch mit ihm.

Zweig hatte zeitlebens nie ernsthafte Geldsorgen, seine Bücher machten ihn schließlich reich. Er war großzügig. Wo immer notleidende Weggefährten um Hilfe baten, war er zur Stelle. Joseph Roth etwa wäre ohne Zweig schon viel früher zugrunde gegangen. Der Erfolg aber machte ihn nicht hochmütig. Thomas Mann rief ihm die zutreffenden Sätze nach: „Nie ist mit tieferer Bescheidenheit, feinerer Scham, ungeheuchelter Demut ein Weltruhm getragen worden.“

Über sein Werk schreibt Zweig in seinen Erinnerungen, er habe „unweigerlich nie die Partei der sogenannten Helden“ eingenommen, „sondern Tragik immer nur im Besiegten“ gesehen. Vielleicht ist es dieser zutiefst humanistische Blick auf das Leben, der seine Leser bis heute berührt. Seine großen Biografien über Marie Antoinette und Maria Stuart, seine Essays über die geistigen „Baumeister der Welt“, seine Novellen-, Roman- oder Bühnenfiguren: Immer ist es „der dem Schicksal Unterliegende, der mich anzieht“. Elisabeth von England ist die „Erfolgreiche“ im realen Lebenskampf, aber im moralischen Sinn behält Zweigs Maria Stuart recht. Luther erkämpft eine neue Welt („Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“), aber sein Gegenspieler, Zweigs Erasmus von Rotterdam, verweigert sich den Forderungen dieser Zeit, „die Bekenntnisse will“. In seinem wunderbaren Erasmus-Essay – es ist die erste größere Arbeit, die er nach Hitlers Machtantritt schreibt – spiegelt Zweig im Humanismus des Renaissance-Gelehrten die eigene Welt- und Denkhaltung.

Zweig blieb zeitlebens ein großer Bewunderer. Die toten Calvin, Balzac, Dickens oder Dostojewski, die Lebenden Emile Verhaeren, Romain Rolland, Rainer Maria Rilke oder Sigmund Freud verehrte und feierte er in seinen Büchern. Künstlerfreundschaften spielten eine zentrale Rolle in seinem Leben. Die Musiker Alban Berg, Ferruccio Busoni und Richard Strauss (für den er ein Opernlibretto schrieb) waren ebenso Gäste in seinem Salzburger Haus oder Begleiter vieler Kaffeehausstunden wie die Dirigenten Arturo Toscanini und Bruno Walter, die Maler Frans Masereel und Salvadore Dalí oder die Kollegen James Joyce und Joseph Roth. Zu seinen Gesprächspartnern zählten Theodor Herzl, Walther Rathenau und Harry Graf Kessler. Er gehörte zur intellektuellen Elite der europäischen Vorkriegswelt.

Stefan Zweig lebt drei Leben. Aufgewachsen in einem wohlhabenden jüdischen Fabrikantenhaushalt, beginnt er schon als Gymnasiast seine ersten Gedichte zu schreiben und bald auch zu veröffentlichen. Seine Geburtsstadt Wien wird für ihn zur ersten Schule des Lebens. In den Kaffeehäusern und Zeitungsredaktionen begegnet er der künstlerischen Avantgarde des späten Habsburg-Reiches und zählt bald neben Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal und Karl Kraus selbst zu ihren Vertretern.

„Das goldene Zeitalter der Sicherheit“ – so nennt er angesichts des moralischen und materiellen Zusammenbruchs Europas in den Jahren nach 1914 diese Epoche – endet mit dem Ersten Weltkrieg. Stefan Zweig wird Pazifist, lebt bald in der Schweiz und beginnt, sich leidenschaftlich gegen den nationalistischen Wahn und für ein gemeinsames Europa zu engagieren.

Das zweite Leben sieht ihn in Salzburg, und es bringt ihm den künstlerischen Durchbruch. Viele seiner bedeutenden Bücher erscheinen in diesen Jahren. Im Insel-Verlag findet er eine Heimat für seine Werke. Die bald berühmt gewordene „Insel-Bücherei“ entsteht auf seinen Vorschlag hin. Er wird einer der geistigen Repräsentanten der europäischen Zwischenkriegszeit.

Das dritte Leben führt ins Exil und in die Verzweiflung. Nicht materielle Not, sondern das Entsetzen über die scheinbar unaufhaltsame Zerstörung der europäischen Demokratien treibt ihn schließlich von England nach Nord- und Südamerika.

Zweig war ein scheuer, komplizierter Mann. Ruhelos streifte er seit seinen Jünglingstagen durch die Straßen der europäischen Metropolen, entfloh den Menschen und den Anforderungen des Ruhms, wann immer es ihm möglich war. Jüngere Veröffentlichungen weisen auf seine Neigung zum Exhibitionismus hin, der er bei seinen Gängen durch die Wiener Parks erlag. Ein Zerrissener war er, der seine bürgerliche Herkunft nie verleugnete.

Die hohen Auflagen seiner Bücher machten ihn nicht nur reich, sondern verführten manchen neidischen Kollegen zu abfälligen Urteilen. Thomas Mann, dessen Bücher auch nicht annähernd an Zweigs Verkaufserfolge heranreichten, notiert am 28. Mai 1939 missmutig im Tagebuch: „Über die Schriftsteller Zweig, Ludwig, Feuchtwanger u. Remarque. Welchem die Palme der Minderwertigkeit reichen.“ Welch ein arroganter Irrtum! Der große, idealistische und hochgebildete Erzähler Stefan Zweig zeigt uns in seinen Biografien, was es gilt, aus der Geschichte zu lernen, wenn wir überleben wollen. Und der „moralische Mut“, stellt er klar, „ist der einzige Heroismus auf Erden, der keine fremden Opfer fordert“.

Für einen wahren Künstler sei „die Verneinung unfruchtbar, nur Zustimmung, Bejahung, Liebe und Begeisterung kann uns zu den Dingen in ein wirkliches Verhältnis setzen“, schrieb er in einem Essay über den Dichter Émile Verhaeren. Am Ende konnte auch dieser idealistische Fortschrittsgläubige nicht mehr widerstehen und er verließ diese Welt, weil sie nicht mehr die seine war.

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