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Tsitsi Dagarembga.
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Tsitsi Dagarembga.

Friedenspreis

Verleihung des Friedenspreises an Tsitsi Dangarembga: Wir sind da, also denken wir

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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In der Frankfurter Paulskirche fordert Tsitsi Dangarembga eine neue Aufklärung.

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ist ein Preis ganz von dieser Welt, und es liegt viel in der Luft, in der er überreicht wird. Zutiefst beeindruckend, wie sich das in der Dankesrede von Tsitsi Dangarembga niederschlug, die für eine „neue Aufklärung“ plädierte. Sie wies darauf hin, dass Descartes’ „Ich denke, also bin ich“ nicht nur den beim französischen Philosophen zunächst noch mitbedachten Zweifel aus der Formel nehme („Ich zweifle, also denke, also bin ich), sondern eine gemeinsame Denkweise voraussetze. Was aber, wenn ein Wesen nicht in diese Denkweise passe? „Es denkt nicht, also ist es nicht“?

„In meinem Teil der Welt“, so Dangarembga, sei Kern der Lebensphilosophie die Idee gewesen: „Ich bin, weil du bist“, und während man darüber vielleicht noch beschämt war, räumte sie ein, dass auch das die Welt nicht gerettet habe. So bewegte sie sich allmählich der Wendung „Wir denken, also sind wir“ entgegen, und schlug schließlich vor: „Wir sind, also denken wir.“ Als Folie und Beispiel diente ihr die deutsche N-Wort-Diskussion. Man habe immer die Wahl, ob man das „Ich denke“ hochhalte oder horizonterweiternd ein „Wir“ mitdenken lasse.

Die 62-jährige Schriftstellerin, Filmemacherin und Aktivistin Dangarembga blickte in geschliffenem Englisch zurück auf Gewalt und Friedlosigkeit, die die westlichen Kolonialmächte in ihrer Heimat Simbabwe hinterließen. Indem sie auf die verschiedenen Formen der Gewalt einging – unmittelbarer körperlicher, ökonomischer, metaphysischer (durch die Verunglimpfung vorkolonialer Lebens- und Denkweisen) –, machte sie das Ausmaß der Zerstörung weit deutlicher, als es in den Sphären der Ex-Kolonialherren gemeinhin wahrgenommen wird. Hingegen, so Dangarembga, seien das Erfahrungen, die ebenso andere Länder auf dem afrikanischen Kontinent, die überhaupt weite Teile (Dreiviertel) der Welt gemacht hätten. Mit Folgen, die inzwischen sogar auf jenes eine Viertel der Welt zurückfielen, das diese Gewaltstrukturen entwickelt habe.

Es sei aber nicht so, dass sich nichts bewege: Dass „jemand wie ich“, die „in nicht so ferner Vergangenheit aufgrund von demografischen Kriterien im schlimmsten Fall als nicht denkend, im besten Fall als nicht auf eine wertvolle Weise denkend und deshalb auf nicht wertvolle Weise existierend kategorisiert“ worden sei, diesen Preis erhalte, bezeuge „die Fähigkeit für Wandel, die wir Menschen haben“.

Vorher war noch etwas anderes geschehen. Der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) stellte zur Begrüßung klar, dass Frankfurt eine tolerante Stadt sei, aber nicht tolerant gegen Rechtsradikalismus, Antisemitismus, Rassismus. Er wolle, dass sich im kommenden Jahr alle Autorinnen hier willkommen fühlten, auch Jasmina Kuhnke, die ihren Auftritt wegen der Präsenz sogenannter neurechter Verlage auf der Messe abgesagt hatte.

Nun trat außerplanmäßig die Frankfurter Grünenabgeordnete Mirrianne Mahn ans Rednerpult und erklärte, mit einer Plattform für rechtsradikale Ideologie, wie der Börsenverein sie auf der Buchmesse gewähre, „beteiligen wir uns aktiv am nächsten Hanau“. Das sei keine Frage der Meinungsfreiheit. Was nun als „Diskurs gelobt“ werde, sei für Menschen „existenziell“. Eine Wegmarke, im ZDF zu sehen. Es ist schwer vorstellbar, dass auf der Frankfurter Buchmesse 2022 noch einmal eine solche Diskussion geführt werden muss.

Es gab dadurch Verzögerungen im Betriebsablauf, wie wir sie sonst aus anderen Zusammenhängen kennen. Auch begann einer der kleinen Zwischenfilme leider nicht wie geplant (während nämlich stundenlang das Pult desinfiziert wurde), sondern genau in der Sekunde, in der die Börsenvereinsvorsteherin Karin Schmidt-Friderichs mit ihrem Grußwort beginnen wollte. Schmidt-Friderichs: stoisch. Das Fernsehen: ein Abenteuer mit eigenen Regeln. Schmidt-Friderichs bekannte sich dann als mitgerissene Leserin von Dangarembgas Romantrilogie über Tambudzai und ihr ganz anderes Leben, so dass die Macht der Literatur über das Steckenbleiben im Ich auch direkt zur Sprache kam.

Die Laudatio hielt die kenianische Soziologin Auma Obama und musste sich ein wenig sputen. „Lesen Sie afrikanische Literatur“, rief sie dem Publikum jedenfalls zu, „lassen Sie das keinen Einzelfall sein“. Die Preisträgerin gebe den Stimmlosen eine Stimme. Die Halbschwester des ehemaligen US-Präsidenten erzählte, wie sie Dangarembga in Deutschland kennengelernt habe. Gerade die Fremde, so Obama, gebe einem Gelegenheit, sich selbst zu sehen.

Umgekehrt selbst die Fremde zu sein, war insgesamt ein aufschlussreicher Eindruck. Dangarembga wies darauf hin, dass sie nur erahnen könne, wie dunkel das europäische Mittelalter und wie wichtig darum die Aufklärung gewesen sein müsse. Nur sei es jetzt eine andere Zeit, sagte sie freundlich. Die Welt wurde groß in der Paulskirche, und das war ausschließlich ein Vorteil.

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ist mit 25 000 Euro datiert. Etwa 400 Menschen durften vor Ort zuhören.

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