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„Es gibt schon lange eine Kontroverse um das N-Wort“, sagt Ulrike von Stenglin.

Gendern und verletzende Sprache

Verlagsleiterin Ulrike von Stenglin im Interview: „Bücher bilden die unschöne Realität ab“

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Die hanserblau-Verlagsleiterin Ulrike von Stenglin spricht im Interview über das Gendern, verletzende Wörter und warum sie gegen Trigger-Warnungen ist.

  • Häufig kommt es vor einer Buchveröffentlichung zu einer Diskussion zwischen Verlag und Autor.
  • Viele Autoren möchten in ihren Büchern verletzende Begriffe vermeiden, so Ulrike von Stenglin
  • Für Ulrike von Stenglin hat die Akzeptanz von Gendern etwas mit Gewöhnung zu tun.

Liebe Frau von Stenglin, den ersten Anstoß für dieses Gespräch mit Ihnen gab mir die bei hanserblau erschienene Übersetzung von „Miracle Creek“ von Angie Kim, ein Roman, der unter anderem unter US-Koreanern spielt. hanserblau hat einen „Sensitivity Reader“ drüberschauen lassen, warum?

Die Übersetzerin wünschte es sich für ausgewählte Passagen, in denen ein Nicht-Muttersprachler kein korrektes Englisch spricht, damit in der Übersetzung Klischees vermieden werden. Es ist ein Roman, der spannend erzählt ist, die Perspektive ständig wechselt und bei dem man nicht genau weiß, was passiert ist. Das ist eigentlich gar kein klassisches Buch für jemanden, der sich an bestimmten Formulierungen stößt. Aber daran sieht man, wie breit das in die Gesellschaft übergewechselt ist, dass bei einem eher auf Spannung erzählten Roman Leute sich daran stoßen, dass bestimmte Kontexte angeblich nicht funktionieren. Ich weiß nicht, ob Sie das mitbekommen haben, aber es gab in den USA um diesen Roman einen Mini-Shitstorm in den sozialen Medien darum, dass einseitig dargestellt werde, wie autistische Kinder sind.

Shitstorm für einseitig dargestellten Roman über autistische Kinder in den USA

Nein, das habe ich nicht registriert, aber ich verstehe, dass der Roman sozusagen ein doppelter Stein des Anstoßes sein kann.

Die Autorin hat selber ein Kind aus dem autistischen Spektrum, man kann ihr also nicht vorwerfen, sie habe sich mit der Thematik gar nicht beschäftigt, sie kenne sich nicht aus. Was ihr vorgeworfen wurde war, dass sie nur ein klischiertes Bild von Autismus bedient.

„Männer sind es ja gewöhnt, dass gerade Berufsbezeichnungen fast ausschließlich in der männlichen Form vorkommen. Es wäre schön, wenn es auch mal einen Irritationseffekt andersrum gäbe.“

Ulrike von Stenglin, Verlagsleiterin

Ich habe kürzlich einen Bericht über einen Grammatik-Experten gelesen, der erzählte, ihn würde erschrecken, wie zunehmend fanatisch beide Seiten sich zu Wort meldeten. Warum ist diese Diskussion Ihrer Meinung nach so emotional?

Ich hatte im letzten Herbst ein Buch der jungen Journalistin Alice Hasters verlegt („Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen“, d. Red.), da gibt es wahnsinnig viele Leute, die sich daran stören, dass Schwarz groß geschrieben ist, als Selbstbezeichnung. Es gibt Reaktionen auch von Leuten, die intellektuell nachvollziehen können, warum das so ist, die sich aber davon bedroht fühlen, die nicht anerkennen können, dass es für die Gruppe selber wichtig ist, diese Selbstbezeichnung groß zu schreiben, um sich abzugrenzen. Es ist schon so, dass beide Seiten sich melden. Aber ich habe den Eindruck, dass diejenigen, die progressiv, oder sagen wir: verändernd auf die Sprache schauen, dass die sich stärker zu Wort melden. Vielleicht, weil sie soziale Medien mehr nutzen, es könnte auch etwas mit dem Alter und dem Bildungsgrad zu tun haben. Die sprachkonservative Seite bekomme ich eigentlich nur aus den klassischen Medien mit. Ich glaube, die Sensibilität hängt damit zusammen, dass sich die Gesellschaft stark ausdifferenziert hat, dass Milieus sich stärker vernetzen und dadurch auch mehr Gewicht bekommen, selbstbewusster werden. Das ist eine Realität, mit der wir umzugehen versuchen und ein bisschen allen gerecht zu werden. Da ist der kommerzielle Roman, bei dem man trotzdem darauf achten sollte, dass bestimmte Worte nicht auftauchen.

Kontroverse in Deutschland um das N-Wort

Was für Worte?

Es gibt in der deutschen Literatur zum Beispiel schon lange eine Kontroverse um das N-Wort, das ich auf keinen Fall irgendwo ausgeschrieben verwenden würde. Wenn es sich um einen historischen Text handelt, dann vielleicht mit einer Anmerkung, aber nicht, wenn es sich um ein Werk handelt, das heute geschrieben ist. Das geht meines Erachtens einfach nicht mehr. Aber auch da gibt es Puristen, die sagen, das war doch aber so, die also finden, dass dies Zensur ist. Aber ich finde, es ist ein so stark verletzender Begriff, dass ich nicht daran mitwirken möchte, dass dieser Begriff weiter verwendet wird, dass er in der Populärkultur von meist weißen Personen verwendet wird.

Sie sprachen gerade das historische Werk an, muss man nicht versuchen, historische Hintergründe wiederzugeben?

Es ist die Frage, wie man damit umgeht. In einer Publikation haben wir uns auf N*** geeinigt, die Leser*innen wissen trotzdem, was gemeint ist, ohne dass das Wort reproduziert wird. Wenn ich ein historisches Buch machen würde, das von einer schwarzen Person, zum Beispiel James Baldwin, geschrieben wurde, dann müsste man anders darüber nachdenken. Ich würde mit ein paar Leuten darüber sprechen, was sie denken, dass der richtige Weg ist. Weil ich mir nicht sicher bin, dass ich als weiße Person, die heute lebt, da eine anständige Entscheidung treffen könnte. Bei Rowohlt erscheint ein Buch von Brit Bennett, die Autorin ist schwarz, das N-Wort wird ständig verwendet. Interessant, wie Rowohlt in der Übersetzung damit umgeht. Da ist auch die Frage, welche Person übersetzt das, was ist deren Hintergrund. Man kann das nicht reißbrettartig entscheiden, sondern muss sich auch jedes Mal neu fragen, was verloren geht.

Sternchen oder Binnen-I seien ein Sachbuch-Phänomen

Erhalten Sie inzwischen auch literarische Manuskripte, die Sternchen verwenden oder das Binnen-I?

Literarische Texte selten, das ist eher ein Sachbuch-Phänomen. Wir haben gerade das Buch einer jungen Journalistin gemacht, in dem es um die Harnblase geht, sie hat irgendwann beschlossen, dass alle handelnden Personengruppen nur noch im weiblichen Plural erscheinen. Man geht also immer zu Ärztinnen. Das ist total ungewohnt, aber auch schön. Es geht in dem Buch darum, dass die Blase anatomisch immer nur vom Mann her betrachtet wurde, dass viele weibliche Blasenerkrankungen nicht erkannt und nicht richtig behandelt werden. Es ist also ein sehr konsequenter Schritt. In der Literatur ist es mir schon untergekommen, aber es ist ein seltenes Phänomen.

Bei Sachbüchern würden Sie es immer so machen, wie es von der Autorin, dem Autor gewünscht wird?

Ja. Wir haben schon alles gemacht. Wir haben mit Sternchen durchgegendert, wir haben mit Binnen-I durchgegendert, die weibliche Form gewählt, Begriffe anders geschrieben, als man es gewohnt ist. Ich arbeite gern mit editorischen Notizen, die einer geneigten Leserin, einem geneigten Leser erklären, warum das so ist. Damit es sich nicht liest, als sei es einfach falsch.

Glauben Sie, dass Sie im Fall des Buches über die Harnblase empörte Zuschriften von Männern bekommen werden?

Das würde mich wundern, aber wer weiß. Männer sind es ja gewöhnt, dass gerade Berufsbezeichnungen fast ausschließlich in der männlichen Form vorkommen. Es wäre schön, wenn es auch mal einen Irritationseffekt andersrum gäbe.

Zur Person

Ulrike von Stenglin, 38, arbeitete bei Hoffmann und Campe sowie in London bei einer Scoutingagentur. Sie wechselte Anfang 2018 von den Ullstein Verlagen zu Hanser, wo sie den Bereich hanserblau aufbaut. Vergangenes Jahr erschien das erste Programm.

Von der Kritik, unter anderem von der Krimi-Jury, wurden nicht wenige der Bücher mit Lob bedacht, so „Miracle Creek“ von Angie Kim und „Alles, was zu ihr gehört“ von Sara Sligar.

Irritation von Gendern habe auch mit Gewöhnung zu tun

Ist es Ihrer Beobachtung nach eine Altersfrage, wie irritiert man vom Gendern ist?

Ich weiß nicht, ob man das pauschal sagen kann. Ob es nicht auch mit einer Gewöhnung zu tun hat. Wer in einer Großstadt lebt und vielleicht viel damit zu tun hat, dem fällt das womöglich weniger negativ auf, als jemand, der das zum ersten Mal liest. Ich hatte ein Buch gemacht über Resilienz, an der Übersetzung arbeiteten mehrere Übersetzer, ein Übersetzer sprach statt über Suizid über Selbstmord. Wir haben eine Zuschrift bekommen, dass der Begriff nicht mehr verwendet wird, dass es früher ein Straftatbestand war, heute entkriminalisiert ist. Das hat mich selbst dafür sensibilisiert, dass da immer Suizid zu stehen hat. Ich glaube, so entsteht Gewöhnung. Wenn man fünfmal eine Publikation gelesen hat, in der es Sternchen gibt, fällt es einem weniger auf. Sprache verändert sich und passt sich Gegebenheiten an, egal, ob bestimmte Sprachwächter das wollen oder nicht. Ich denke, das hat weniger mit dem Alter als mit dem Umfeld zu tun, in dem man aufgewachsen ist.

Zurück zur Literatur. Muss nicht die Autorin, der Autor das letzte Wort haben?

In der deutschsprachigen Literatur haben sie das ja. Sie können immer sagen: das will ich nicht. Und ich kann sagen: dann möchte ich es nicht publizieren. Wir ringen schon auch miteinander, diskutieren über einzelne Begriffe. Zum Beispiel mit einem Autor, der sehr an bestimmten verletzenden Begriffen hängt. Wir sind jetzt in der letzten Fassung und ich habe ihm gesagt, ich möchte, dass wir über diese Sachen nochmal reden.

Autoren möchten verletzende Begriffe vermeiden

Können Sie ein Beispiel sagen?

Er möchte eben auch das N-Wort verwenden, verletzende Begriffe für Sinti und Roma verwenden. Die er Figuren in den Mund legt, er sagt, damit charakterisiert er auch das Milieu. Ich kann das intellektuell nachvollziehen, aber in mir sträubt sich alles dagegen. Weil ich finde, dass es auf diese Weise wieder normalisiert und reproduziert wird. Ich bin gespannt, auf was wir uns einigen werden. Wenn wir Übersetzungen herausbringen, nehmen wir uns auch die Freiheit, Änderungen vorzunehmen, ohne Rücksprache mit dem Autor, der Autorin zu halten. Das hängt davon ab, wie eng der Kontakt zum Zeitpunkt der Publikation ist. Am Ende sind wir diejenigen, die es hier publizieren. Oft können die Autor*innen gar nicht einschätzen, wie sich der deutsche Diskurs entwickelt.

Da Sie den deutschen Kontext ansprechen: Haben Sie Eindrücke, wie es in anderen Ländern läuft mit dem Gendern?

Die USA sind in vielem Vorreiter, die haben auch meist das Genderproblem nicht, aber es scheint auch nicht so darauf Wert gelegt zu werden. Aber Triggerwarnungen sind ein amerikanisches Phänomen. Das ist auch in Rezensionen, Online-Rezensionen vorwiegend, bemerkenswert, dass viele Rezensent*innen Triggerwarnungen aussprechen. Das kommt aus dem amerikanischen Universitätskontext, wo Student*innen sich in einem Safe Space wohlfühlen wollen, sie nicht konfrontiert werden wollen mit Dingen, die verletzend oder beängstigend sein könnten. Wir machen keine Triggerwarnungen, ich lehne es eigentlich auch ab.

„Ich finde, ich kann nicht Sachbücher publizieren wie das von JJ Bola, ,Sei kein Mann‘, und gleichzeitig in der Literatur so tun, als gäbe es all diese Problematiken nicht.“

Ulrike von Stenglin

Ulrike von Stenglin lehnt Triggerwarnungen ab, da Bücher die Realität abbilden würden

Warum lehnen Sie es ab?

Weil ich finde, dass man sich nicht allem verschließen kann. Die Welt ist, wie sie ist, es gibt Dinge, die nicht schön sind. Ich kann verstehen, dass, wer ein traumatisches Erlebnis hatte, nicht über so ein traumatisches Erlebnis lesen will. Aber Bücher bilden auch die Realität ab. Und wenn wir jetzt in jedem Buch vorne eine Triggerwarnung drucken würden, hätte ich Angst, dass wir alle unsere Bücher runterbrechen müssten auf bestimmte Aspekte, die darin vorkommen. Ohne dass am Ende noch das große Ganze gesehen wird. Ich kann das Ansinnen also nachvollziehen, aber ich möchte dem nicht nachkommen. Aber das sage ich Ihnen jetzt, wer weiß, was ich in fünf Jahren sage. Vielleicht ist es dann gang und gäbe, dass Sie vor allen Zeitungsartikeln Triggerwarnungen stehen haben.

In der Tat kann man sich das bei Kriminalliteratur nur schwer vorstellen, denn wenn ich mir einen Krimi kaufe, muss ich davon ausgehen, dass Gewalt darin vorkommt.

Aber vielleicht ertragen Sie keine Gewalt gegen Kinder und der Krimi wird nicht so beworben, aber es kommt darin vor. Ich kann den Wunsch nach Triggerwarnungen schon nachvollziehen, aber gerade im Krimi-Bereich würde man auch spoilern.

Alte Übersetzungen von Büchern seien inzwischen unlesbar

Vor einigen Jahren gab es heftige Diskussionen um eine Neuübersetzung von „Pippi Langstrumpf“, als der Oetinger Verlag sich für den „Südseekönig“ entschied.

Ich habe mit meinen Kindern jetzt „Pippi Langstrumpf“ gelesen und muss sagen, für mich sind die alten Übersetzungen inzwischen unlesbar, sie sind sehr schlecht gealtert. Auch bei „Lotta aus der Krachmacherstraße“ gibt es ja eine Geschichte, die nicht mehr publiziert werden darf. Und es sind Szenen drin, die ich heute als stark rassistisch empfinde, die damals „unschuldig“ verwendet wurden, weil die Wahrnehmung so war. Aber ich möchte nicht, dass meine Kinder mit so einem Bild aufwachsen. Ich finde, ich kann nicht Sachbücher publizieren wie das von JJ Bola, „Sei kein Mann“, und gleichzeitig in der Literatur so tun, als gäbe es all diese Problematiken nicht. Aber hanserblau hat ein kleines, sehr konzentriertes Programm. Wenn wir ein großer kommerzieller Verlag wären, könnte ich nicht überall draufschauen, ob da Sachen drin vorkommen, die ich nicht publizieren wollte.

Diskussion über Gewalt gegen Frauen müsse schon stattfinden

Als Krimikritikerin frage ich mich längst, wann die Diskussion losgehen wird über die viele erzählte Gewalt gegen Frauen.

Wenn es nach mir ginge, würde diese Diskussion schon stattfinden, denn ich kann Bücher mit einer sehr stark ausgestellten Gewalt gegen Frauen nicht mehr lesen. Bei denen man das Gefühl hat, die Autor*innen weiden sich daran. Ein bisschen wird ja bei Fernsehkrimis darüber geredet, dass immer die Täterseite gezeigt wird, die Opfer hingenommen werden.

Fühlen Sie sich denn als Verlegerin unter Druck gesetzt, in jeder Hinsicht vorsichtig zu sein?

Ach, ich habe ja wie gesagt diesen kleinen Programm-Kontext, den ich selbstständig verantworte. Ich fühle mich nicht unter Druck gesetzt. Ich habe den Eindruck, dass wir uns so halbwegs mit der Gesellschaft mitentwickeln, sogar eher ein bisschen vorne dran sind. (Interview: Sylvia Staude)

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