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Wilhelm Genazino im Jahr 2011.

Wilhelm Genazino

Verlarvte Bedürfnisse

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Die Literaturzeitschrift „Schreibheft“ veröffentlicht ein Gespräch mit Wilhelm Genazino. Es ist bisher ungedruckt, es ist aufschlussreich – und lässt verharren.

Als wäre ihm die Nachfrage unangenehm, schickte der Schriftsteller Wilhelm Genazino seiner Antwort einen Halbsatz voraus – um den ganzen Satz mit drei Pünktchen zu beenden: „Also sagen wir, ich bin nicht religiös…“ Wie aber so oft, wenn es mit einem Also beginnt, folgte auch hier auf eine Erklärung der Einspruch: „Doch im selben Moment, wo ich das behaupten will, merke ich, daß es nicht stimmt, denn ich habe durchaus einen verlarvten religiösen Rest.“

Nur rund eineinhalb Seiten umfasst die Auskunft des im Dezember 2018 gestorbenen Autors über seine religiösen Restbestände, so zu finden in der Literaturzeitschrift „Schreibheft“ Nr. 95, worin etwa 45 Seiten einem Gespräch gewidmet sind, das die Kritikerin Anja Hirsch in den Jahren 2006, 2007 führen konnte, auf dem Höhepunkt von Genazinos literarischem Ruhm. 2004 war er mit dem Büchnerpreis geehrt worden, zudem hatte sich der Erfolg bei den Lesern eingestellt, endlich, nach Jahren einer prekären Schriftstellerexistenz. „Sein Staunen über den Erfolg“, so Hirsch, „minderte jedoch nie die Angst vor dem Scheitern.“

Angst vorm Scheitern als verlarvter Fundus einer bitteren Erfahrung. Denn Genazino wurde 1943 hineingeboren in eine Welt des notorischen Misslingens, in ein „Mangelleben – mit dauernd verschleppten Bedürfnissen“. Der Vater, der sich in seinem Beruf demütigt sah, versuchte sich als Tüftler, doch „das Patent ging daneben“. Es waren Verhältnisse, die den Eltern dermaßen peinlich waren, dass sie sich genierten, die Öffentlichkeit aufzusuchen.

Genazino wurde ein Schriftsteller des „ausbleibenden Lebenserfolgs“, der Peinlichkeiten und des Genierens. Seine Schreibanfänge mit 13, 14 erklärt der Interviewpartner damit, dass er sich „ein anderes Objekt“ suchte, weil die „massiv depressive Mutter“ für ihn nicht mehr ansprechbar war: „Das abwesende Objekt bringt dann starke, verzerrte Introjekte am leidenden Kind hervor.“

Die Schulzeit – eine einzige Katastrophe. Abgang vom Gymnasium ohne Abitur. Die „Abschaffel“-Trilogie seit Ende der 1970er erzählt aus dem Milieu der kaufmännischen Angestellten, einer Welt der gescheiterten Gymnasiasten. Genazinos Anspruch galt einer, wie er selbst sagt, „realistisch-psychologisch-soziologisch unterfütterten Wahrnehmungsprosa“ – der Genazinoton so unnachahmlich wie die Romanwelten äußerst unangenehm. Mehr noch als das, die Figuren sind konfrontiert mit Unannehmlichkeiten, die nicht deswegen nur kleine Missgeschicke sind, weil sie komisch daherkommen. Vielmehr werden die Figuren heimgesucht von verlarvten Bedürfnissen. Mit jedem ersten Satz eines Genazinoromans ist es mit der Latenzphase an Malheurs vorbei. Sie brechen aus, die Lage der Genazinofiguren ist von vorneherein eine einzige Schieflage.

Wilhelm Genazino ist für seine Schriftstellerlaufbahn weite Umwege gegangen, vom kaufmännischen Angestellten über die Berufsschule, vom Volontär und freien Zeitungsmitarbeiter zum Redakteur der Zeitschrift „Pardon“. So sehr Genazino auch die „leibhaftigen Künstler“ in der Redaktion „begeistert“ haben, Chlodwig Poth, F. K. Waechter, Robert Gernhardt oder F. C. Bernstein, auch wenn ein so „anarchischer Typ“ wie Eckhardt Henscheid ihn nicht nur verschreckte, sondern Vergnügen bereitete, so bleibt die Bilanz bitter: „Irgendjemand wurde immer attackiert.“

Ein peinliches Konzept also – doch das Kalkül einer Crew, die in einem dauererregten Entlarvungsmodus einer Biederrepublik Deutschland hinterher war. „Wir lebten in einer Welt voller Arschlöcher und Dummköpfe, das war der allgemeine Konsens, und wir, wir ,Pardon‘-Redakteure, waren natürlich die Durchblicker, die den anderen sagten, in was für einer Dreckswelt wir lebten. Das hat uns gut gefallen.“

Umso aufwendiger die Emanzipation Genazinos, insbesondere an der Universität. Die Passagen über sein Germanistik-, Philosophie-, Soziologie-, nicht zuletzt Psychologiestudium sind diskrete Verweise auf einen durchtriebenen Autor: Wie auch immer man Genazinos Selbstbekenntnis einer „Poetik der Schüchternheit“ verstehen mag, ernst gemacht hat sein Erzählen mit der Peinlichkeit schamloser Bedürfnisse, ernst gemacht auch mit der Beschämung durch aussichtslose Wünsche.

Die Romanwelt Wilhelm Genazinos besteht aus einer Verkettung von Kalamitäten. Mit dem Eingespieltsein in die Umwelt hapert’s, beim Einklang mit dem Leben erst recht. Ein Glaube oder ein Nichtglaube waren aber nicht die Sorge, in der Figuren in Unruhe gelebt hätten, umso aufschlussreicher das „Schreibheft“-Gespräch, in dem der Autor einräumt, dass es „Referenzen an das andere, das nicht Ausgelebte“ gebe, einen „gewissen Fundus“, denn „ich leide natürlich auch unter der Gnadenlosigkeit des Lebens“. Kompromisse, „wenn’s hart auf hart ginge“, lehnt er ab. Es käme ihm kränkend vor – und dann erneut ein Also, wie bei einem Geständnis, einer Art Beichte: „Also, ich würde nicht Christ sein wollen, weil ich in Not bin, das wäre mir zu schäbig.“

Welche „Referenzen“ bleiben? Sie bestehen in der „Offenheit für Metaphysik“ – und damit der Unterscheidung zwischen dem „ästhetischen Begriff der Epiphanie und dem religiösen der Epiphanias“, in beiden Fällen also einer „Füllung des Augenblicks“. Die Erwartung daran lasse sich nicht leugnen, allerdings beschreibt Genazino diesen „finalen Zustand der Erwartung“ als einen der „Verharrung“ und „Erstarrung“. Auch das ein höchst unangenehmer Zustand. Heimgesucht von beidem, gibt Genazino (im Kommentar von Anja Hirsch) auch noch diesen Genazinosatz mit auf den Weg: „Kein Mensch ist darauf gefaßt, daß er sich selbst ein ganzes Leben lang nahe sein wird.“

Schreibheft Nr. 95. Hg. v. Norbert Wehr. Rigodon, Essen 2020. 144 S., 15 Euro.

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