Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Verkauft, verliehen oder entführt

Alles Kinderelend über einen Kamm geschoren: Das Buch zur Kampagne von terre des hommes

Von Katharina Rutschky

Terre des hommes versteht sich als ein entwicklungspolitisches Kinderhilfswerk. Der französische Name dieser 1967 zu Zeiten des Vietnamkriegs gegründeten Organisation geht auf Antoine de Saint-Exupéry zurück und meint "Erde der Menschlichkeit". Heute gibt es in Deutschland 150 Arbeitsgemeinschaften mit etwa 3000 Mitgliedern; 350 Projekte in 28 Ländern werden nach den Grundsätzen von terre des hommes gegenwärtig durchgeführt. In Zusammenarbeit mit lokalen Kräften will man die Lebenssituation von unterversorgten und ausgebeuteten Kindern in Indien und Albanien, Kambodscha und Bolivien praktisch,wenn auch bloß punktuell, verbessern. Der Verein ist Mitglied im Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband und hat das Gütesiegel vom DIS. Das garantiert Spendern, dass ihr Geld vernünftig verwendet wird und nicht in den Taschen von Betrügern oder in den Kanälen einer aufgeblähten Bürokratie versickert.

Man könnte terre des hommes jedem Philanthropen empfehlen, wenn dieser Verein sich auf karitative Arbeit zu Gunsten der Kinder der Dritten Welt beschränken würde und sich nicht gleichzeitig auch noch als Lobbyist und Kampagnenführer in Sachen Kindheit profilieren wollte. Zwar sind alle NGOs, die älteste, das Rote Kreuz nicht ausgenommen, längst auf Öffentlichkeitsarbeit vulgo Werbung angewiesen, doch ist die gefährliche Vermischung von spektakulärer Werbung mit karitativer Arbeit und sachlicher Aufklärung als ein Problem der NGOs anscheinend noch nirgends bemerkt worden. Die Kampagne gegen den angeblich weltweiten Kinderhandel, den terre des hommes seit 2001 führt, und das vorliegende Buch, das sie unterstützen soll, illustrieren die beklagenswerte Konfusion von Agitation und professioneller Analyse in exemplarischer Weise.

Misstrauisch sollte den Leser ja schon machen, dass die Autoren teils Angestellte von terre des hommes, teils der Organisation als Journalisten freundschaftlich verbunden sind. Da liegt es wohl nahe, das Kinderelend der Welt mit Spotlights hervorzuheben, die Mittel und Wege zur Abhilfe aber im Dunkeln zu lassen. Dabei hat terre des hommes mit seiner Kampagne für die zertifizierten Teppiche aus Indien ("Rugmark") in den neunziger Jahren doch selber vorgemacht, wie das Engagement für die kindlichen indischen Teppichknüpfer in pragmatisches Handeln vor Ort und in ein Konzept für aufgeklärte und politisch engagierte Teppichkäufer hier zu Lande effektiv umzusetzen ist.

Teppiche, für die Kinder unter vierzehn Jahren schlecht bezahlt haben schuften müssen, werden nicht zertifiziert, so dass jeder Käufer weiß, was er tut, wenn er einen besonders billigen ohne das "Rugmark"-Zeichen erwirbt. Nach diesem Vorbild werden inzwischen ja auch die Eier im Supermarkt gekennzeichnet; mit der Möglichkeit der Wahl erhält der Käufer ein Stückchen Verantwortung, gleichzeitig wird der Druck auf die Vermarkter erhöht, die nicht mehr bloß mit niedrigen Preisen werben dürfen, sondern auch gezwungen sind, die damit einhergehende Tierquälerei zu offenbaren. Ein gutes Modell auch für Kinderschützer, welche die Lebenschancen Heranwachsender in der Dritten Welt verbessern möchten.

Ein politisches Konzept mit vergleichbaren Umsetzungschancen wie bei "Rugmark" lässt die Kampagne gegen den Kinderhandel völlig vermissen. Das ist auch kein Wunder; denn schon der Begriff "Kinderhandel" ist für die unterschiedlichen Probleme, die der Sammelband in lockerster, oder soll man sagen: propagandistischer Form aufreißt, untauglich. Was verbindet die so genannten Klaukinder aus Rumänien oder Albanien, die vor einiger Zeit in westdeutschen Städten für Aufregung und Schlagzeilen sorgten, mit den Kindern indischer Eltern, die zusammen im traditionellen System der Schuldknechtschaft gefangen sind? Und was haben Babys aus Südamerika und Osteuropa, die in Deutschland adoptiert werden, mit jugendlichen Sexworkern in Thailand und Kambodscha gemeinsam - außer dem Einverständnis von Eltern und Müttern, die in perspektivloser Armut leben? Gar nichts - wenn man nicht von allen kulturellen, sozialen und individuellen Besonderheiten abstrahiert, wie es die Autoren dieses Sammelbandes tun und stattdessen eine reine Kindheit aufruft, in deren Verklärung unsere westliche Moral seit langem ihr populäres Gravitationszentrum gefunden hat.

Mag also der Begriff Kinderhandel werbewirksam sein, so hat er doch keinen politisch, karitativ oder pädagogisch sinnvollen Gehalt. Man könnte sogar sagen, dass es "Kinderhandel" so wenig gibt wie das "Kind an sich", zu dessen Rettung wir hier mobilisiert werden sollen. Die immer noch zunehmende Bedeutung von NGOs weltweit zur Aufdeckung von Problemen und zur Hilfe dort, wo sich noch niemand zuständig fühlt, darf uns nicht davon abhalten, auch ihre Arbeit kritisch zu begleiten. Mit diesem Sammelband mit Beiträgen von Mitarbeitern und nahe stehenden Journalisten hat terre des hommes weder sich noch der aufklärungsbedürftigen Öffentlichkeit einen Gefallen getan.

Das anekdotische Erzählen, die Skandalisierung von Einzelfällen und das unverantwortliche Kolportieren von Gerüchten (zum Beispiel über den Kinder- und Babystrich an der Grenze zu Tschechien) entschädigen den Leser nicht für den Mangel an praktischen Ideen und weitergreifenden Analysen. Typisch für die vagen hysterischen Stimmungen, die Lobbyisten gegen das Menschheitselend favorisieren, sind die schlampigen Formulierungen, die die unterschiedlichsten Verhältnisse in eine Suppe rühren. Zum Beispiel sollen 3000 Kinder aus Albanien nach Griechenland "verkauft, verliehen oder entführt" worden sein, um dort zu betteln oder zu stehlen. Selbst der Sicht eines Kindes liegen aber zwischen verkauft, verliehen oder gar entführt (und mit Gewalt zur Bettelei gezwungen) doch wohl Welten. Ebenso sonderbar die Formulierung von den zwei Millionen Frauen und Kindern, oder Frauen und Mädchen, die laut EU im grenzüberschreitenden Prostitutionshandel missbraucht werden. Darf ein entwicklungspolitisches Kinderhilfswerk, lange nachdem wir unseren Feminismus gelernt haben, eigentlich immer noch Frauen und Kinder wie zu den Zeiten des Patriarchats in einen Topf werfen? Kinder wie Frauen galten dem ja gleichermaßen als schutz-, aber auch als kontrollbedürftiger Teil der Population.

Die Konzeptionslosigkeit der Kampagne gegen Kinderhandel wird dort am deutlichsten, wo selbst terre des hommes einräumen muss, dass die Helfer bei den vermuteten Opfern von Ausbeutung und Missbrauch häufig nicht bloß auf Angst vor ihren Peinigern, sondern öfter auf schlichtes Desinteresse und Unverständnis stoßen. Terre des hommes möchte man wünschen, dass sie den Schritt von der bloßen Kinderschutz-Hysterie zur endlichen Aufklärung wagen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare